Altwerden mit Tier So sorgen Tierbesitzer fürs Alter vor
Für viele Menschen ist das Haustier ein Familienmitglied. Doch was passiert, wenn Herrchen oder Frauchen ins Pflegeheim oder Krankenhaus müssen? Das raten Auricher Tierschützer und Seniorenberater.
Aurich - Treue dunkelbraune Augen, weiches Wuschelfell und ein verschmustes Wesen. Als Hündin Buffy an diesem trüben Wintertag fröhlich über das Außengelände des Auricher Tierheims stromert, merkt man nichts von dem Drama, das hinter der Hündin liegt. Denn Buffy hat auf einen Schlag ihre beiden Frauchen verloren. Seit zwei Jahren lebte die Mischlingshündin bei einer pflegebedürftigen Seniorin und der Frau, die sie pflegte. Dann erkrankte die Pflegende plötzlich, musste notfallmäßig ins Krankenhaus. Inzwischen ist sie nach Angaben von Nicole und Balduin Fontaine, die die beiden Damen kennen, verstorben. Die zurückgebliebene Pflegebedürftige habe in ein Seniorenheim umziehen müssen. Buffy blieb in den Wirren offenbar zunächst allein im Haus zurück. Das berichtet das Ehepaar Fontaine, das die Rettung Buffys vorantrieb, im Gespräch mit der Redaktion. In den ersten 48 Stunden habe sich zunächst ein Taxifahrer, der die beiden alten Damen regelmäßig zu Arztbesuchen gefahren hätte, um das Tier gekümmert, Buffy mit Futter versorgt, berichtet Nicole Fontaine.
Sie und ihr Mann Balduin leben in Südbrookmerland und sind seit Jahrzehnten im Tierschutz aktiv. Der Fall von Buffy und den beiden über 80-jährigen Besitzerinnen hat die beiden berührt und zugleich aufgebracht. Denn es war ihrer Aussage nach gar nicht so einfach, die Mischlingshündin unterzubringen.
Schwierige Suche nach einem Ausweg
Da sich in der Familie der beiden Seniorinnen und auch in der Nachbarschaft niemand gefunden habe, der das Tier übernehmen wollte oder konnte, kontaktierten Fontaines das Tierheim Aurich sowie das Veterinäramt des Landkreises. Zunächst ohne Erfolg. Zuständigkeiten seien hin und her geschoben worden, es scheine keine klare Struktur für solche Fälle zu geben, sagt Balduin Fontaine.
Auf Nachfrage teilt der Landkreis Aurich mit, das Veterinäramt sei nicht für die Unterbringung gesunder Tiere in Pflegefällen zuständig. Vielmehr seien dort Tierheime oder Tierschutzorganisationen am Zug. „Grundsätzlich wird das Veterinäramt bei Verdacht auf Tierquälerei oder tierschutzwidrige Haltung tätig“, so Pressesprecher Rainer Müller-Gummels. Kontrollen würden dann zumeist anlassbezogen erfolgen, also wenn es entsprechende Hinweise aus der Bevölkerung gegeben habe. In dem Fall der beiden Seniorinnen und Buffy sei das Veterinäramt informiert worden und habe sich dann um die Unterbringung des Tieres gekümmert, so Müller-Gummels weiter.
Vorsorge tut Not
Der Fall von Buffy wirft zwei Fragen auf: Zum einen, warum sich zwei betagte alte Damen mit über 80 Jahren noch einen Hund anschaffen. Und die Frage danach, wie ich als betagter Tierbesitzer vorsorgen kann. Balduin und Nicole Fontaine haben auf Ersteres eine klare Antwort: „In solchen Fällen schlägt oft die Emotion die Vernunft“, sagt Balduin Fontaine. Seine Frau Nicole Fontaine, selbst seit ihrer Jugend aktive Tierschützerin, räumt allerdings ein: „Die beiden Frauen hätten sich diesen Hund gar nicht mehr anschaffen dürfen.“
Diese Meinung stützt Tierheimleitung Neele Kaufmann. „Man sollte sich als älterer Mensch immer Gedanken darüber machen, dass das Tier, welches ich mir anschaffe, auch zur Lebenssituation passt“, sagt sie. So sei es wichtig zu beachten, dass etwa das Alter des Tieres, das man sich anschaffen will, zum eigenen Alter passe. „Wichtig ist es auch, einen Plan B zu haben, also zu überlegen, was mit dem Tier passiert, wenn ich es selber nicht mehr versorgen kann“, sagt Neele Kaufmann. Sie und ihr Team erleben immer wieder Fälle wie den der Mischlingshündin Buffy. Besitzer werden pflegebedürftig oder dement, müssen ins Krankenhaus oder versterben. Im Idealfall erhalten die Tierschützer dann noch Informationen zu dem Haustier, doch manchmal sei auch das nicht mehr möglich, erinnert sich Kaufmann an den Fall einer Katze und eines Hundes, deren Besitzer so dement war, dass er dem Team keine Angaben mehr zu den Tieren machen konnte.
Pensionen, Tierheim oder Angehörige als Lösung?
Das Thema ist auch dem Senioren- und Pflegestützpunkt des Landkreises nicht neu, der Beratung und Unterstützung rund ums Thema Alter und Pflege anbietet. Ein Blick in den aktuellen Seniorenwegweiser des Stützpunktes zeigt: Vorausschauendes Handeln ist wichtig für betagte Haustierbesitzer. So solle man sich frühzeitig Gedanken machen, was mit dem Haustier passiere, wenn man sich selbst nicht mehr kümmern könne. Denn viele Besitzer legten Wert darauf, dass das Tier dann auch entsprechend versorgt werde. Gibt es etwa Nachbarn oder Angehörige, die sich eine Zeit lang oder auch dauerhaft um Hund, Katze oder Wellensittich kümmern können? Oder kommt – etwa für einen zeitweisen Reha-Aufenthalt – eine Tierpension in Frage? Dann sollte man im Vorfeld bereits die Bedingungen und Kapazitäten überprüfen, rät der Seniorenwegweiser. Wichtig sei es auch, die Haustiere mit anzugeben, wenn es zu einem Notfall komme, damit Ärzte, Rettungssanitäter oder Pflegeeinrichtungen darüber informiert würden, dass zu Hause noch ein Tier zu versorgen sei.
Im Alter tierisch abrüsten
Auch das Tierschützerpaar aus Südbrookmerland weiß um die Thematik. Balduin und Nicole Fontaine haben selbst zahlreichen Tieren aus dem Tierschutz ein neues Zuhause in Südbrookmerland gegeben. Sie selbst hätten Buffy nicht aufnehmen können. Denn der ehemalige rumänische Straßenhund verträgt sich nicht mit anderen Hunden und Katzen. Für das Paar Fontaine war das ein Ausschlusskriterium. „Wir wissen selbst, dass auch wir abrüsten müssen“, sagt Nicole Fontaine schmunzelnd mit Blick auf ihr Alter und die eigene Haustierschar. Doch auch in ihrer und der Brust ihres Mannes schlägt das Tierschutz-Herz. Und da treten eben Vernunft und Emotion gegeneinander an.
Alternativen zum eigenen Haustier
Gerade Senioren, die allein leben, können sehr von einem Haustier profitieren. Tiere können dabei helfen, Gefühle von Einsamkeit und Isolation zu verringern. Andersherum geben sie Menschen eine Aufgabe. Studien haben ergeben, dass Haustiere generell eine positive Wirkung auf die körperliche und mentale Gesundheit ihrer Halter haben. Wer Tiere liebt, aber sich trotzdem kein eigenes zulegen kann oder will, kann etwa beim Tierheim Aurich als ehrenamtlicher Gassi-Gänger oder Katzenstreichler tätig werden. Von diesem Modell profitieren Tiere und Senioren. Ältere Menschen kümmern sich dabei um die Tiere, ohne langfristig die Verantwortung zu übernehmen. Mehr Infos gibt es unter www.tierheim-aurich.de.