Osnabrück  Gegen den Pflege-Frust: Diakonie lässt Azubis in Osnabrück mit Schauspielern üben

Meike Baars
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Von Meike Baars
| 02.01.2026 05:47 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Bewohnerin Frau Müller alias Schauspielerin Johanna Bethge ist neu im Altenheim. Wie gut gelingt es der Osnabrücker Pflegeschülerin Nina Lampe, auf sie einzugehen? Foto: Jörn Martens
Bewohnerin Frau Müller alias Schauspielerin Johanna Bethge ist neu im Altenheim. Wie gut gelingt es der Osnabrücker Pflegeschülerin Nina Lampe, auf sie einzugehen? Foto: Jörn Martens
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Bevor sie echte Bewohner im Altenheim versorgen, trainieren angehende Pflegekräfte der Diakonie in Osnabrück mit Schauspielern. Das soll beide Seiten schützen: Bewohner vor verunsichertem Personal – und Azubis vor frustrierenden Erfahrungen.

Im Pflegebett liegt Frau Müller und ruft freundlich „Herein“. Eine Decke hat sie über die Beine geschlagen. Gleich soll sie ein Gespräch mit Pflegeschülerin Nina führen. Zwei Handykameras sind auf Bett und Stuhl gerichtet. Denn die Szene spielt nicht in einem echten Pflegezimmer im Altenheim, sondern im Lernzimmer des „Lernenden Wohnbereichs“ der Diakonie.

In diesem besonderen Aufbau trainieren Pflege-Auszubildende mit Schauspielerinnen herausfordernde Situationen. „Das ist ein geschützter Raum. Hier dürfen Fehler gemacht werden“, erklärt Kerstin Zimmermann, Leiterin des Diakonie-Kollegs.

Sie hat den „Lernenden Wohnbereich“ mitentwickelt, von dem das Lernzimmer ein Teilbereich ist. Es handelt sich um eine neue Lern- und Lehrmethode in der Pflegeausbildung der Diakonie. Statt über Frontalunterricht lernen die Azubis durch eigene Erlebnisse und Erfahrungen.

Angedockt ist der Lernende Wohnbereich an das Altenpflegeheim Hermann-Bonnus-Haus und an das Diakonie-Kolleg. Beide Einrichtungen befinden sich unter einem Dach an der Rheiner Landstraße. In einem Wohnbereich des Altenheims mit acht Bewohnern lernen die Auszubildenden die Grundzüge der Pflege. Dabei werden sie besonders engmaschig durch Praxisanleitende betreut. Dazu gibt es E-Learning-Angebote. Alles, was die Schüler vertieft lernen oder in einer Simulation mit Schauspielern üben möchten, wird zur Szene im Lernzimmer.

53 Menschen in drei Lehrjahren bildet die Diakonie aktuell zu Pflegekräften aus. Alle künftigen Azubis sollen den Lernenden Wohnbereich zweimal im Zuge ihrer Ausbildung durchlaufen, für jeweils drei Wochen im ersten und im dritten Ausbildungsjahr. Es handele sich dabei um eine echte Osnabrücker Innovation, betont Kolleg-Leiterin Zimmermann: „ein Vorreiterprojekt“ in der Ausbildung von Pflegekräften.

Die Idee dazu entstand aus einer Beobachtung, die der Diakonie in Stadt und Landkreis Osnabrück Sorgen bereitet: Viele Pflege-Azubis brechen ihre Ausbildung frühzeitig ab. „Kipppunkt war oft der erste Praxiseinsatz“, erzählt Zimmermann. Ein Grund: Mit der Realität in Pflegeheimen konfrontiert, fühlten sich viele angehende Pflegekräfte überfordert. Die Schlussfolgerung: Man müsse sie besser darauf vorbereiten.

Und damit zurück ans Pflegebett, in dem Frau Müller, alias Schauspielerin Johanna Bethge, jetzt Pflegestudentin Nina Lampe empfängt. Sie sollen ein sogenanntes Biografie-Gespräch führen. Frau Müller ist in diesem Szenario vor nicht allzu langer Zeit nach einem Sturz ins Altenheim gezogen. Um sich besser um sie kümmern zu können, müssen die Pflegekräfte ein bisschen was über sie in Erfahrung bringen: Was mag Frau Müller gern, womit beschäftigt sie sich, wie hat sie gelebt, wer steht ihr nahe?

Das herauszukitzeln ist nun Aufgabe der Pflegestudentin. Während sie ins Gespräch einsteigt, sitzen ihre Azubi-Kolleginnen vor der Tür und beobachten auf zwei Bildschirmen, wie sich Nina Lampe schlägt. „Es geht nicht darum, jemanden vorzuführen“, betont Pädagogin Ayla Vogt, die an diesem Vormittag das Coaching übernimmt.

Die Azubis sollen ein Gefühl dafür entwickeln, wie man so ein Gespräch in angenehmer Atmosphäre führt. Damit es gut klappt, wenn im Bett eine reale Bewohnerin liegt und keine Schauspielerin. Trotzdem fühlten sich die Pflegeschüler in diesem Moment wie in einer Prüfungssituation: aufgeregt und angespannt, weiß Coachin Vogt. „Sie wollen das gut meistern.“

An diesem Vormittag spielt Johanna Bethge eine sehr zugängliche Version von Frau Müller. Pflegestudentin Nina Lampe entlockt ihr freundlich interessiert die Eckpunkte ihres Lebens. Sie plaudern über Tanzkurse, Enkeltrubel und Ehemann Aloys, der jüngst den ersten Kuchen seines Lebens gebacken hat. „Da musste ich erst ins Altenheim kommen, damit ich das erleben darf.“

Das ist, wenn man so will, die Anfängerstufe. Es gibt aber auch herausfordernde Szenarien und unterschiedliche „Eskalationsstufen“, wie Kolleg-Leiterin Zimmermann erklärt: Bewohner, die nicht kooperieren wollen, die desorientiert sind oder plötzlich zu weinen beginnen. Erstmals im geschützten Lernzimmer auf so ein Verhalten zu treffen, soll Azubis Rüstzeug an die Hand geben, wenn sie es später im Praxisalltag erleben.

Im hinteren Teil des Lernzimmers steht ein gutes Dutzend sogenannter Themenkoffer. In ihnen verbirgt sich das Zubehör für verschiedene Übungsszenen, die die Azubis bewältigen sollen: das Anlegen eines Wundverbands, die Versorgung eines künstlichen Darmausgangs oder fürs Blutdruckmessen. Fühlen sich Azubis bei einer Tätigkeit unsicher, können sie sich speziell ein solches Szenario im Lernzimmer vornehmen.

Im Anschluss gibt es ein „Debriefing“: Erst bespricht Pädagogin Ayla Vogt nur mit Schauspielerin und angehender Pflegekraft, wie sie sich in der Situation fühlten. Danach geht’s in die Diskussion in großer Runde mit den anderen Azubis, die die Szenerie mit besonderem Augenmerk auf eine Fragestellung hin beobachteten.

Neben dem Lernzimmer mit Schauspielern gehört zum lernenden Wohnbereich ein sogenannter „Room of Horrors“, ein Horror-Raum – was schrecklicher klingt, als es ist. Dabei handelt es sich um ein 3D-Bilderrätsel für angehende Pflegekräfte. Gibt es Stolperfallen, Rutschgefahr, glutenhaltige Lebensmittel für Bewohner mit Unverträglichkeiten oder falsche Tabletten auf dem Nachttisch? An diesem Morgen streifen drei Azubis durch den Raum und notieren sich die „Fehler“ im Zimmer. Diesen geschulten Blick für Gefahren sollen sie später auch im Alltag abrufen können.

Für zwei Jahre wird der Lernende Wohnbereich mit 300.000 Euro aus EU-Mitteln gefördert. Danach, so berichtet es Kolleg-Leiterin Zimmermann, habe die Diakonie schon zugesagt, das innovative Projekt weiter zu finanzieren.

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