Osnabrück  Osnabrück in den Schlagzeilen: Wie konnte die „Ödipus“-Absage so eskalieren?

Ralf Döring
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Von Ralf Döring
| 30.12.2025 14:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Da brodelte es schon ordentlich: Eine Demonstration vor dem Theater gegen die Absage des Stücks „Ödipus Exzellenz“. Foto: Steve Weber
Da brodelte es schon ordentlich: Eine Demonstration vor dem Theater gegen die Absage des Stücks „Ödipus Exzellenz“. Foto: Steve Weber
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Das Theater hat Osnabrück in diesem Jahr in die Schlagzeilen gebracht. Allerdings war es nicht die Art von Schlagzeilen, die sich die Stadt wünscht. Denn Anlass war die Absage der Produktion „Ödipus Exzellenz“.

Vermutlich hat Ulrich Mokrusch die Sprengkraft unterschätzt. Kurz vor Ende der letzten Spielzeit hat er die Produktion „Ödipus Exzellenz“ abgesagt, die Eröffnungsproduktion für die neue Spielzeit. Danach herrschte – Schweigen. Der Intendant begab sich, wie das ganze Theater, in die Sommerpause.

Der geschasste Regisseur Lorenz Nolting hätte auch Sommerpause gehabt. Doch von einem geradezu heiligen Zorn getrieben, wandte er sich an die Presse und trat eine Lawine an Berichterstattung über den Vorfall los. Der Stoff war aber auch zu reizvoll: Junger Regisseur legt sich mit altem Intendanten an, sexueller Missbrauch und katholische Kirche, Kirche und Kunst – aus diesen Zutaten lässt sich von der Tragödie bis zur Soap alles machen.

Diese Brisanz hat Mokrusch grob unterschätzt. Während er notorisch schwieg, hat Nolting in jedes Mikrofon gesprochen, das ihm hingehalten wurde und seine Sicht des brisanten Vorfalls ausführlichst dargelegt.

Daraus erwuchs ein gewisses Ungleichgewicht in der überregionalen Berichterstattung. Reporter machten sich Noltings Position zu eigen, inklusive der Auffassung, Osnabrück sei streng katholisch und streng konservativ. Auch die gute Nachbarschaft von Bistum und Theater wurde gebührend unterstrichen, bis hin zur Unterstellung, das Bistum sage dem Theater, was auf die Bühne darf und vor allem, was nicht.

Unrühmlicher Höhepunkt war ein Beitrag des 3sat-Kulturmagazins. Schon die Anmoderation erhob den Dreisprung katholisch – konservativ – provinziell zur These, die der Beitrag nach Kräften belegte. Neben Nolting kam vor allem der Sozialwissenschaftler Karl Haucke zu Wort, der einerseits an der Missbrauchsstudie des Bistums Osnabrück mitgewirkt hat, andererseits als Betroffener von sexualisierter Gewalt in der Kirche die Missstände in der katholischen Kirche offenlegen will. Deshalb hatte Nolting ihn in sein Team geholt; Haucke hätte auf der Bühne von seinen schrecklichen Erfahrungen berichtet.

„Ödipus Exzellenz“ hätte also einen Beitrag leisten können, das lange totgeschwiegene Thema aus künstlerischer Perspektive zu verhandeln. Hätte – wenn sich Mokrusch nicht an einem Gottesdienst auf der Bühne des Theaters am Domhof gestört hätte.

Was genau sich auf Probebühnen und in Büros auf der Teppichetage des Theaters zugetragen hat, weiß niemand genau. Aber festzustehen scheint: Mokrusch wollte die Eins-zu-Eins-Darstellung eines Gottesdienstes verhindern und entfachte einen Streit, der sich zum Zerwürfnis auswuchs. Aus Sicht Noltings und seines Regieteams war kein freies Arbeiten mehr möglich, weshalb er den Intendanten von der Probenarbeit ausschließen wollte. Das lehnte Mokrusch unter Verweis auf die Gesamtverantwortung für das Theater ab. Damit war der Bruch unvermeidlich geworden.

Mittlerweile sind die Erregungswellen abgeebbt. Überregional sowieso: Da hat der Saisonstart das Sommerloch abgelöst. Auch in Osnabrück haben andere Themen und die Zeit die Ödipus-Geschichte aus der öffentlichen Wahrnehmung gedrängt. Was nicht heißt, dass der Fall nun bei den Akten liegt. Im Gegenteil.

Die Geschichte geht auf zwei Ebenen weiter: Intern hat der Machtkampf zwischen Intendant und „Ödipus“-Ensemble große Verunsicherung ausgelöst, weil er vor Augen geführt hat, wie sich ein Intendant über Argumente, Meinungen und Haltungen hinwegsetzen kann, allein, weil ihm die Institution Theater die Macht dazu verleiht.

Gleichzeitig gibt es in der Osnabrücker Gesellschaft Menschen, die sich um das Stück betrogen fühlen. Sie sehen die Kunstfreiheit bedroht, und zwar nicht, wie vor einem Jahr im Falle der Ausstellung von Sophia Süßmilch in der Kunsthalle, von Seiten der Politik, was schon schlimm genug wäre. Nein, fürchten die Bürger, das Theater selbst könnte die Freiheit der Kunst zersetzen. Und da wirken die – haltlosen – Behauptungen, das Bistum habe aufs Theater eingewirkt, ebenso nach, wie das von Intendant Mokrusch ins Feld geführte Argument, er müsse sein Publikum schützen – vor „unterkomplexem Theater“, wie er einmal in einem Radiointerview sagte.

Dem 3sat-Team hat er sinngemäß zu Protokoll gegeben, er machte Theater für Osnabrück. Damit spricht er im Prinzip eine Selbstverständlichkeit aus; ein Stadttheater wie das in Osnabrück soll nicht in erster Linie fürs Feuilleton produzieren, sondern für die Bürger aus Stadt und Landkreis. Im Zusammenhang mit Ödipus wurde ihm das aber als Anbiederung an wen oder was auch immer ausgelegt.

Dabei wäre „Ödipus Exzellenz“ Stoff für Osnabrück par excellence gewesen. Doch gemeinsam mit Nolting und Haucke wird dieses Stück sicher nicht mehr auf die Osnabrücker Theaterbühne kommen. Also doch den Fall zu den Akten legen und das unrühmliche Kapitel schließen?

Nein. Die Stadt Osnabrück, ihre Politiker und Bürgerinnen, müssen nun darauf hinwirken, dass ähnliche Vorfälle in der Zukunft anders verhandelt werden. Zum Beispiel mithilfe eines Gremiums, das konsultiert wird und vermittelt, wenn ein Streit hinter den Kulissen eskaliert. So könnte das antiquierte System Theater einen längst fälligen Modernisierungsschub erhalten. Denn die deutsche Theaterlandschaft ist ein fruchtbares, buntes, komplexes Biotop – aber leider auch ein extrem bedrohtes. Höchste Zeit, es dem gesellschaftlichen Klimawandel anzupassen.

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