Osnabrück Die Kämpferin: Wie Marion Wenzel aus Osnabrück seit 43 Jahren Frauen vor Gewalt schützt
43 Jahre ist Marion Wenzel beim Autonomen Frauenhaus Osnabrück. 43 Jahre, in denen sie vor allem eines getan hat: Kämpfen. Um bessere Betreuung für Frauen in Not, mehr Sichtbarkeit für die Probleme der Opfer von Gewalt. 2025 erhielt sie einen renommierten Preis.
Marion Wenzel erinnert sich noch genau daran, als der Anruf kam. Die Vorwahl des Osnabrücker Rathauses erkannte sie sofort, immerhin hat sie als Mitarbeiterin des Autonomen Frauenhauses der Stadt oft mit den Ämtern zu tun. „Und dann war es die Gleichstellungsbeauftragte, Patricia Heller, die mir erzählte, ich hätte den Elisabeth-Siegel-Preis gewonnen. Wahnsinn!“, sagt sie, schüttelt den Kopf und lacht.
Der Preis ist etwas ganz Besonderes, alle zwei Jahre verleiht ihn die Friedensstadt an Frauen, die sich ganz besonders für Gleichheit, Demokratie und die Rechte von Frauen einsetzen. Und das hat Marion Wenzel nicht nur ihr komplettes Berufsleben getan, sie tut es noch immer. Zwei Jahre nach ihrem Ruhestand arbeitet sie weiter im autonomen Frauenhaus, seit 1982, über 43 Jahre sind es.
Oberbürgermeisterin Katharina Pötter übergab den Preis Ende Oktober und würdigte Marion Wenzel in einer festlichen Ansprache. Ihr Engagement habe „bei vielen Gewaltbetroffenen den Unterschied gemacht.“
Einen Unterschied machen, das ist es, was die Osnabrückerin antreibt. Im Gespräch mit unserer Redaktion im November ist Sabine Strotmann mit dabei. Ihre Chefin oder Kollegin? „Nein, nein“, winken die Frauen sofort ab. „Eine Besonderheit bei uns im Autonomen Frauenhaus ist, dass wir alle auf Augenhöhe arbeiten, alles gemeinsam entscheiden.“ Und klar, für Marion Wenzel ist die mit 2000 Euro dotierte Auszeichnung eigentlich ein Preis „für das gesamte Frauenhaus, für unser Team“.
Warum Marion Wenzel genau den Preis bekommen hat? Katharina Pötter nannte sie „ein Vorbild“ und ihre Kollegin Sabine Strotmann sagte bei der Verleihung des Elisabeth-Siegel-Preises: „Deine fachliche Expertise, deine Haltung, deine positive Art haben viele Menschen durch bewegende Zeiten getragen. Du hast Generationen von Frauen begleitet, gestärkt und inspiriert.“
Und wer Marion Wenzel erlebt, merkt gleich, wie sehr sie für ihre Berufung brennt. Danach gefragt, spricht sie gern über die Auszeichnung, die ihr viel bedeutet, aber wichtiger ist ihr bei unserem Gespräch, was alles noch getan werden müsste, um Frauen und Kinder vor Missbrauch, Verletzungen, Angst und Mord zu schützen. Sie und Kollegin Sabine Strotmann haben einen dicken Stapel Unterlagen dabei. Statistiken, Argumentationen, Studienergebnisse. „Es gibt noch so viel zu tun, viele halten das Thema für Privatsache, doch Gewalt gegen Frauen ist ein strukturelles Problem, das uns alle angeht“, sagen sie.
Einiges, sagt Marion Wenzel, habe sich in den vergangenen Jahren verschärft, einfacher sei die Arbeit nicht geworden. Und deshalb denkt sie noch lange nicht ans Aufhören. Viel zu viel gibt es zu tun. „Der Schutz von Frauen gegen Gewalt ist unzureichend, es gibt zu wenig Frauenhäuser, zu wenig Plätze, zu wenig Personal und Geld.“ Deutschland hat sich zwar mit der Istanbul-Konvention verpflichtet, all das bereitzustellen, aber es geht schleppend voran. „Wie wichtig mehr Schutz ist, hat nicht zuletzt der schreckliche Femizid im Schinkel gezeigt“, sagt Sabine Strotmann.
Schwierig sei auch die zunehmende digitale Gewalt, mit denen sich all diejenigen, die Frauen vor Misshandlung und Verletzung schützen wollen, seit einigen Jahren befassen müssen. „Es ist so viel leichter geworden, dass ein Mann eine Frau via Handy überwacht“, sagt Sabine Strotmann. Und Marion Wenzel erklärt: „Viele wissen das gar nicht. Um sich davor zu schützen, braucht es Expertise. Die haben wir uns nebenbei angeeignet. Eigentlich wäre das auf jeden Fall eine halbe Stelle.“
Auch, wenn die Bewohnerinnen das Frauenhaus verlassen haben, kümmert sich das Autonome Frauenhaus weiter. Hilft zum Beispiel bei der Wohnungssuche. „Es wird immer härter auf dem Wohnungsmarkt in Osnabrück. Deswegen freuen wir uns sehr, wenn sich Vermieter bereit erklären, zu helfen“, sagt Marion Wenzel.
Wenn man so will, sind sie und der Rest des Teams in dem Schutzhaus nicht nur Sozialpädagoginnen oder Psychologinnen. Sondern auch Digitalexpertinnen, Immobilienvermittlerinnen. Rühren die Werbetrommel für Spenden, auf die das Frauenhaus stets angewiesen ist, vernetzen sich mit anderen Einrichtungen in ganz Deutschland. Oder setzen sich bei Stadt und Politik für bessere Finanzierung ein.
Bei unserem Gespräch im November stehen Sabine Strotmann und Marion Wenzel vor einem großen Problem: „Wir brauchen dringend zwei neue Stellen. Wir haben sie bei der Stadt bereits beantragt“, sagt Sabine Strotmann. Doch es sehe nicht gut aus.
Die Stadt muss sparen. „Der Stadtrat hat nach dem Feminzid im Schinkel eine Resolution verabschiedet, betont, dass Frauen vor Gewalt geschützt werden müssen. Jetzt könnten sie ganz konkret etwas tun. Sie sollten der Resolution Taten folgen lassen!“, sagt Wenzel. Für Sabine Strotmann und Wenzel ist klar: Sie geben nicht auf und wollen das Gespräch suchen. Für Frauen in Not kämpfen. Es ist das, was sie seit vielen Jahrzehnten tun. Beide, Seite an Seite.
Sechs Wochen später: Der Osnabrücker Stadtrat berät abschließend über seinen Haushalt. Nicole Emektas von den Linken und Elena Moormann von der SPD machen noch einmal auf die Notwendigkeit der neuen Stellen für das Frauenhaus aufmerksam, zuvor waren Mitarbeiterinnen im Sozialausschuss und haben für ihr Anliegen argumentiert. Und der Stadtrat sagt: ja. Über Parteigrenzen hinweg entscheidet sich das Gremium trotz Sparzwang für mehr Personal.
„Das motiviert ungemein! Das war ein Riesenerfolg“, sagt Marion Wenzel. Und nun? „Geht der Kampf weiter!“