Osnabrück  Hunger und einfache Geschenke: Osnabrücker erinnern sich an Weihnachten 1945

Joachim Dierks
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Von Joachim Dierks
| 24.12.2025 05:40 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Osnabrück nach Kriegsende 1945: Vom Neumarkt geht hier der Blick nach Westen Richtung Neuer Graben. Vor der Verbreiterung musste der Verkehr abenteuerliche nehmen; hier steht der Altbau der Papierhandlung Bergmann & Heitmeyer im Weg. Links trotzen noch die Betriebsgebäude der Schnapsbrennerei Gosling dem Abriss. Später entstand dort das Kaufhaus Hertie. Foto: Archiv Dr. Seitz/Bergmann & Heitmeyer
Osnabrück nach Kriegsende 1945: Vom Neumarkt geht hier der Blick nach Westen Richtung Neuer Graben. Vor der Verbreiterung musste der Verkehr abenteuerliche nehmen; hier steht der Altbau der Papierhandlung Bergmann & Heitmeyer im Weg. Links trotzen noch die Betriebsgebäude der Schnapsbrennerei Gosling dem Abriss. Später entstand dort das Kaufhaus Hertie. Foto: Archiv Dr. Seitz/Bergmann & Heitmeyer
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Vor 80 Jahren erlebten die Osnabrücker nach sechsmal Kriegsweihnacht im Dezember 1945 endlich wieder ruhige Nächte ohne Alarm. Zwar schwiegen die Waffen, aber die allgemeinen Lebensumstände waren katastrophal.

Uns Deutschen steht ein Weihnachtsfest im Überfluss bevor. Selbst wer heute arm ist, hat ungleich mehr zum Leben als die Menschen vor 80 Jahren. 1945, beim ersten Weihnachtsfest nach dem Krieg, lag Osnabrück wie viele andere Städte in Trümmern und es fehlte am Notwendigsten: Nahrung und Heizung. Trauer um die Toten mischte sich mit der Erleichterung, dass endlich keine Bomben mehr fielen, und der Ungewissheit über die Zukunft.

Die Ernährungssituation hatte sich gegenüber der letzten Kriegsweihnacht 1944 verschlechtert. Vorräte etwa aus den Plünderungen der Wehrmachtsdepots an der Netterheide waren längst aufgezehrt. Die britischen Besatzer waren keinesfalls Herr der Versorgungslage. Beschwerden nützten nichts.

An den Wiederaufbau zerstörter Häuser war noch nicht zu denken, allenfalls an behelfsmäßige Reparaturen von Dächern. Stabile Pappe war begehrt, weil man damit kaputte Fensteröffnungen schließen konnte. Die planmäßige Enttrümmerung der Stadt mittels Feldbahnloren hatte im Dezember 1945 gerade erst begonnen.

Wie es im Privaten aussah, welche Erinnerungen einzelne Osnabrücker an ihre erste Nachkriegsweihnacht haben, das hat unsere Redaktion zu vergangenen Jahrestagen immer wieder gefragt. Wir haben einige Schätze aus dem Archiv gehoben.

Inge Benker, Jahrgang 1936, lebte als Einzelkind mit ihren Eltern an der Wiesenbachstraße in Osnabrück. Beim letzten großen Bombenangriff an Palmsonntag 1945 wurde das Wohnhaus zerstört. „Wir kamen bei einer Cousine meiner Mutter an der Meller Straße unter. Die haben ein Zimmer für uns geräumt, sodass wir wenigstens wieder ein Dach über dem Kopf hatten“, erzählt Benker. Das Zimmer war Schlafzimmer und Wohnraum zugleich, die Küche musste mit den Wohnungsinhabern geteilt werden – was mitunter zu Spannungen führte.

Die drangvolle Enge nahm Benker als genauso „normal“ hin wie zuvor die Nächte im Bunker bei Luftalarm. Für Weihnachten hatte der Vater einen kleinen Tannenbaum organisieren können. Er arbeitete auf der Georgsmarienhütte und hatte viele Arbeitskollegen mit landwirtschaftlichem Hintergrund. Christbaumschmuck gab es auch: Einige spitz zulaufende Kugeln, drei kleine silberne Vögelchen und Lametta hatten im Keller den Bombenkrieg überlebt.

Was schenkte man sich? Gertrud Nolte erinnert sich: „In der Adventszeit saßen wir abends um den Tisch und ribbelten alte Pullover auf. Aus den Fäden strickten wir Handschuhe oder Socken. Ein Freund schenkte mir ein Abendtäschchen in Beutelform, das seine Mutter aus Brokatstoffresten zusammengenäht hatte. Ich schenkte ihm ein ‚Buch‘ mit meinen Lieblingsgedichten, die ich in Schönschrift abgeschrieben hatte. Zwei Pappdeckel aus einem Schuhkarton, kunstvoll mit Resten von Buntpapier beklebt, bildeten den Einband. Richtige Bücher konnte man ja schon lange nicht mehr kaufen.“

Und wie war der Kirchgang Weihnachten 1945? „Zum ersten Mal nach der langen Kriegszeit konnten wir ohne Leuchtplakette am Mantel in die Christmette gehen. Zuvor mussten wir diese Teile anstecken, denn es herrschte Verdunkelungszwang. Die Leuchtplaketten waren mit radioaktivem Material beschichtet. Das glimmte schwach und hatte den Zweck, dass man sich in der Finsternis nicht anrempelte.“

Willi Kelch (1905–1991) war dreizehn Jahre lang, von 1959 bis 1972, Oberbürgermeister von Osnabrück. Als bodenständiger Eversburger hatte er die meiste Zeit seines Lebens an der oder in der Nähe der Wersener Straße gewohnt – nicht weit von dort, wo heute die Wilhelm-Kelch-Straße an ihn erinnert.

Das Natruper Holz lag vor der Tür. Und diese Nähe führte dazu, dass Familie Kelch zu Weihnachten 1945 einen ansehnlichen Tannenbaum im Wohnzimmer stehen hatte. Wie der da hinkam? Ein OB und dazu auch noch Ehrenbürger der Stadt tut niemals etwas Unrechtes, deshalb zierte Kelch sich, bevor er mit der Wahrheit herausrückte. „Es war das erste und letzte Mal, dass ich auf diese Weise Selbstbedienung betrieben habe“, erklärte er entschuldigend. „Organisieren nannte man das damals, und die Engländer hatten nichts dabei.“

Für Annemarie Riemann, Jahrgang 1930, war die erste Friedensweihnacht von einer vorsichtig optimistischen Grundstimmung gekennzeichnet. „Allen ging es schlecht, das war klar, aber allen ging es gleich schlecht. Das verband die Menschen, und wir ahnten: Es kann nur besser werden.“

Immerhin stand bei Riemanns Weihnachten 1945 ein Festessen in Aussicht: „Wir waren arm dran, denn mein Vater war Rechtsanwalt, und ein Rechtsanwalt hat nichts zum Tauschen.“ Aber der Vater hatte noch über Kontakte zu früheren Mandanten, darunter auch ein Bauer in Wallenhorst. Der hatte eine Weihnachtsgans versprochen.

„Meine Eltern hatten keine Zeit, so musste ich mit dem alten klapprigen Fahrrad hinfahren und die Gans abholen“, erzählte Riemann, die damals 15 Jahre alt war. Sie kämpfte sich durch die Trümmer auf den Straßen. Als sie in Haste war, wurde es schon dämmrig. Straßenbeleuchtung gab es nicht. Sie erreichte den Hof in Wallenhorst, bekam die gerupfte Gans überreicht und befestigte die kostbare Fracht auf dem Gepäckträger.

Auf dem Rückweg bekam der Hinterreifen einen Platten. „Eigentlich kein Wunder, der war ja schon zwölfmal geflickt, neue Schläuche gab es nicht, aber das musste jetzt ausgerechnet in stockfinsterer Nacht bei klirrender Kälte passieren.“ Sie schob also das Fahrrad nach Hause, als es mit einem Mal schlagartig stoppte. „Mir war, als wenn mich plötzlich einer festhält. Ich durchlebte Todesängste und fühlte mein letztes Stündlein geschlagen. Es waren ja, wie gesagt, unsichere Zeiten. Jeden Tag hörte man von Überfällen.“ Was war passiert? Der Schlauch hatte sich aus dem Mantel herausgearbeitet und sich um die Nabe verknotet, sodass das Hinterrad blockierte.

Annemarie Riemann gelang es, das Knäuel aufzulösen und den Heimweg fortzusetzen. Mit mehrstündiger Verspätung traf sie ein. „Meine Eltern hatten mich schon abgeschrieben und das Schlimmste befürchtet.“ Die Erleichterung war unbeschreiblich groß. Und die Gans zum Fest schmeckte so gut wie nie zuvor und nie danach.

Ursula Flick (1924–2006) war von 1985 bis 1991 Oberbürgermeisterin. 1944 wurde sie als DRK-Schwesterhelferin zum Dienst im Wehrmachts-Lazarett St. Angela in Haste eingezogen. Bis zum Herbst 1945 versorgte sie dort Kranke und Verwundete. Das Weihnachtsfest feierte sie bei den Eltern in dem noch von Bombenschäden gezeichneten Haus in der Königsberger Straße – übrigens auch nicht weit von der heutigen Ursula-Flick-Straße im Wohn- und Wissenschaftspark an der Sedanstraße entfernt.

Heizmaterial war ein großes Problem. Bis in den Dezember hinein hatte Familie Flick noch von Brikett-Vorräten zehren können, die sie mit Handwagen aus dem aufgelassenen Heeresdepot an der Netterheide hatte wegschleppen können. Doch in der Weihnachtszeit wurde es hart. Was die Verpflegung anging, gab es einen Lichtblick: „Meine Eltern hatten zwei jugoslawische Offiziere aus dem Eversburger Lager aufgenommen, und die brachten etwas von ihrer englischen Lebensmittel-Zuteilung mit: Weißbrot und ein Mittagsmahl mit Hammelfleisch. Das war himmlisch.“