Hamburg  Trinkgeld-Vorschläge bei Kartenzahlung sind unbeliebt – und doppelt unfair

Matti Gerstenlauer
|
Von Matti Gerstenlauer
| 23.12.2025 07:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Bei der Kartenzahlung für Restaurants, Cafés oder Lieferdienste inzwischen gängig: verschiedene Angebote, Trinkgeld zu geben. Doch das ist bei vielen unbeliebt. Foto: dpa/Gregor Tholl
Bei der Kartenzahlung für Restaurants, Cafés oder Lieferdienste inzwischen gängig: verschiedene Angebote, Trinkgeld zu geben. Doch das ist bei vielen unbeliebt. Foto: dpa/Gregor Tholl
Artikel teilen:

Für guten Service gibt es Trinkgeld. Da werden sich viele einig sein. Aber wie macht man das bei Kartenzahlung? Immer öfter geben Lesegeräte Trinkgeld-Vorschläge. Doch das ist unfair gegenüber Kunden und Mitarbeitern.

Immer mehr Restaurants, Cafés oder Imbisse geben bei Kartenzahlung Vorschläge, wie hoch das Trinkgeld für den Service sein könnte – oder sollte? Das gefällt laut einer YouGov-Umfrage allerdings nur wenigen. Mehr als die Hälfte der Befragten empfindet das Vorgehen der Gastronomen als „schlecht“ oder „eher schlecht“, nur etwa ein Drittel findet es „gut“ oder „sehr gut“. Und das kann eigentlich niemanden überraschen. Denn die digitale Abfrage macht aus einer nahbaren und diskreten Geste eine Art öffentlichen Charaktertest.

Klar, guter Service verdient Trinkgeld. Doch der Bonus für die Bedienung ist und bleibt freiwillig und sollte nicht eingefordert werden. Bei einer Barzahlung ist das kein Problem: Die Rechnung kommt, man rundet auf, gibt etwas extra oder lässt es bleiben. So weit, so gut.

Doch wer vor einem Display mit diversen Optionen für Trinkgelder steht, den Blick einer eventuell gestressten und schlecht bezahlten Bedienung im Nacken, kann sich verständlicherweise in die Enge gedrängt fühlen. Natürlich ist es möglich, die Zahlung abzulehnen, doch will man das dann wirklich?

Wie so oft löst Druck allerdings auch hier eine sehr menschliche Gegenreaktion aus: Trotz. Laut der Umfrage gibt mehr als jeder Fünfte inzwischen sogar weniger Trinkgeld, wenn ihm die Prozentzahlen vom Display entgegenstarren. Es ist eben ein Unterschied, ob man aus einem Impuls der Dankbarkeit aufrundet oder aktiv vor die Wahl gestellt wird, während das Lesegerät ungeduldig piepst.

Unverschämt wird es dann dort, wo nicht einmal persönlicher Service angeboten wird. Wenn Tankstellen, Imbisse mit Selbstbedienung oder Kneipen digital nach Trinkgeld fragen, schlicht, weil es möglich ist.

Und selbst wenn man sich für Trinkgeld entscheidet, bleibt oft die Frage: Wo landet es überhaupt? Beim Bargeld ist es meist klar: in der Tasche der Bedienung, manchmal auch anteilig in der Küche oder bei den Spülern. Am Terminal bleibt aber ein Restzweifel, ob das Geld am Ende nicht doch im Umsatztopf versickert oder zur Querfinanzierung von Löhnen herangezogen wird, die eigentlich der Chef zahlen müsste.

Die NGG, größte Gastro-Gewerkschaft Deutschlands, warnte im Dezember dieses Jahres zudem, dass immer mehr Beschäftigte davon berichteten, dass ihr Arbeitgeber ihnen mit Verweis auf Trinkgeld höhere beziehungsweise tarifliche Löhne vorenthält. Wenn die Gastronomie klug ist, besinnt sie sich wieder auf die alte Schule: Guter Service spricht für sich selbst – ganz ohne blinkende Aufforderung auf dem Display. Davon hätten schlicht alle etwas.

Ähnliche Artikel