Osnabrück Warum ein Osnabrücker Notfallseelsorger auch nach vierzehn Jahren noch gerne sagt: „Ich bin jetzt für Sie da.“
Die Notfallseelsorge im Kirchenkreis Osnabrück betreut jährlich mehr als hundert Einsätze bei plötzlichen Todesfällen. Egbert Ebke ist einer von acht ehrenamtlichen Notfallseelsorgern.
Seit 2011 arbeitet Egbert Ebke als Notfallseelsorger im Kirchenkreis Osnabrück. Er wird bei plötzlichen Sterbefällen oder schweren Verkehrsunfällen gerufen. Auch die Überbringung von Todesnachrichten gehört zu den Aufgaben des Osnabrückers.
„Was passiert, wenn die anderen weg sind?“ Diese Frage stellte sich der seit vier Jahren pensionierte Finanzbeamte, als er 2011 eine kleine Anzeige mit dem Titel „Ausbildung zum Notfallseelsorger“ entdeckte. In jungen Jahren hatte der heute 69-Jährige eine Ausbildung als Rettungssanitäter gemacht. „Wer kümmert sich um die Daheimgebliebenen, die Hinterbliebenen?“ Das sei die Initialzündung gewesen, sagt Ebke. Er meldete sich zu den Kursen im Haus Ohrbeck an.
Die Notfallseelsorge ist offiziell Teil der psychosozialen Notfallversorgung. Getragen wird das Angebot überkonfessionell von der katholischen und evangelisch-lutherischen Kirche. Der Alarm wird bei Bedarf von Polizei, Rettungsdienst oder Feuerwehr über die Rettungsleitstelle am Schölerberg ausgelöst. Zum Einsatzgebiet gehören Osnabrück sowie die Gemeinden Hasbergen, Belm und Wallenhorst. Es gibt zwei hauptamtliche Notfallseelsorger. Dazu kommen acht rein ehrenamtliche Mitarbeiter.
Seinen ersten Ansatz hat Ebke noch genau vor Augen. Es ging zu einem jungen Mann auf die Intensivstation, dessen Freund bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war.
Seine Einsätze bringen Ebke auch zu plötzlichen häuslichen Todesfällen. Und jede Situation ist anders. „Da gibt es keinen Algrorithmus“, sagt der Notfallseelsorger. Bei Alarmeingang und von Kräften vor Ort bekommt er erste Informationen. Dann stellt er sich den Angehörigen vor: „Ich bin Egbert Ebke, der Notfallseelsorger. Ich bin jetzt für Sie da.“
In erster Linie geht es darum, Ruhe in die Ausnahmesituation zu bringen und gemeinsam mit den Menschen zu verstehen, was überhaupt passiert ist. Solche Einsätze dauern zwischen zwei und fünf Stunden. Bis dahin ist es auch wichtig, Vertrauenspersonen hinzuziehen. „Die müssen dann meinen Job übernehmen“, sagt Ebke. „Ich bleibe ja nicht ewig und das Leid ist nicht vorbei.“
Während des Einsatzes ist großes Einfühlungsvermögen gefragt. „Reden ist gut“, meint Ebke. „Das entlastet. Aber manchmal muss man einfach nur schweigen.“ Am schlimmsten sind die Überbringungen von Todesnachrichten, wenn etwa der Ehemann und Vater verstirbt und eine Mutter mit jungen Kindern informiert werden muss. „Das trifft uns jedes Mal“, so Ebke. „Je widriger die Todesumstände und je jünger die Verstorbenen, desto schwieriger wird es.“ Ebke hat auch schon mit einer Mutter und zwei Kindern auf dem Fußboden gesessen und geweint. Anfangs hat er sich dafür geschämt. „Aber es gehört dazu“, sagt er. „Es geht um Empathie, das Mitfühlen. Nicht Mitleiden. Ich darf nicht leiden. Dann mache ich etwas falsch.“
Bei allem Leid und aller Trauer kommt es aber auch zu anderen Situationen. Einmal wurde Ebke zu einer älteren Dame gerufen, deren Mann friedlich im Sessel eingeschlafen war. Die Witwe erzählte Ebke von gemeinsamen Fahrten mit ihrem Partner im alten Mercedes zum Kaffeetrinken. „Das war sehr berührend“, so Ebke.
Die Anzahl der verschiedenen Einsätze ist über die Jahre stetig gestiegen. Aktuell liegt der Kirchenkreis Osnabrück bei knapp über einhundert Einsätzen pro Jahr. Allein um die fünfundzwanzig davon übernimmt Ebke. Woraus schöpft er die Kraft, weiterzumachen? „Aus der Dankbarkeit der Menschen antwortet er. „Daraus, zu wissen, ich bin da gewesen und habe diesen Leuten geholfen.“