Osnabrück  Chaos nach Insolvenz beim DRK Osnabrück: „Wir sortieren das bisherige Geschehen“

Wilfried Hinrichs
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Von Wilfried Hinrichs
| 20.12.2025 05:45 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Drohende Zahlungsunfähigkeit: Der DRK-Kreisverband Osnabrück-Stadt steckt in einer bedrohlichen Lage Foto: Lukas Weinandy
Drohende Zahlungsunfähigkeit: Der DRK-Kreisverband Osnabrück-Stadt steckt in einer bedrohlichen Lage Foto: Lukas Weinandy
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Die Lage beim insolventen DRK-Kreisverband Osnabrück-Stadt ist unübersichtlich. Insolvenzverwalter und Präsidium versuchen, sich einen Überblick über die wirtschaftliche Situation zu verschaffen. Und dann sorgt auch noch die Meldung von einer Durchsuchung für Aufsehen.

Der „Markt für alle“ des Deutschen Roten Kreuzes Osnabrück ist weiterhin geöffnet. Eine Kundin spricht die Marktleiterin am Freitagvormittag an der Kasse auf das Insolvenzverfahren an, das am Vortag eröffnet worden ist. Sie habe es in der Zeitung gelesen. Aber die Marktleiterin winkt ab: Dazu könne sie nichts sagen, vor allem nicht, wenn die Presse zuhöre. Das Wort habe jetzt der Insolvenzverwalter, sagt sie. Und der äußert sich am Nachmittag dann auch.

Rechtsanwalt Stephan Michels aus Osnabrück ist vom Amtsgericht Osnabrück zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt worden. Zusammen mit seinem Team verschaffe er sich nun einen Überblick über die wirtschaftliche Situation, heißt es in einer Mitteilung, die die Michels Vorast Insolvenzverwaltung GbR am Freitagnachmittag verbreitete. Schon am Donnerstagabend hatte sich Michels mit Präsidiumsmitgliedern getroffen, um die nächsten Schritte abzustimmen.

„Zu diesem Zeitpunkt geht es darum, Ordnung in die Abläufe zu bringen. In Abstimmung mit dem Präsidium sortieren wir das bisherige Geschehen. Die wichtigste Aufgabe ist derzeit für uns die Prüfung der finanziellen Lage, um aufzuklären, wie es zur aktuellen Schieflage gekommen ist“, wird Stephan Michels in der Mitteilung zitiert.

Darunter falle auch die Prüfung, wie sich das Insolvenzverfahren auf den Status der Gemeinnützigkeit auswirken könne. Gleichzeitig werde das Team versuchen, den Betrieb zu stabilisieren. Bestehende Verträge müssten bewertet und die Vermögenswerte für die Gläubiger gesichert werden.

34 Beschäftigte sind von der Insolvenz betroffen. Noch vor Weihnachten solle es eine Mitarbeiterversammlung geben, kündigte der Insolvenzverwalter an.

Die Angebote des DRK Osnabrück-Stadt bleiben nach Angaben des Insolvenzverwalters zunächst im derzeitigen Umfang bestehen. Dazu gehören die Erste-Hilfe-Kurse, die in der Geschäftsstelle angeboten werden, ebenso wie der soziale Dienst, der Hilfe im häuslichen Umfeld leistet, und die Kreisbereitschaft, die bei Veranstaltungen und in Notsituationen zum Einsatz kommt.

Der „Markt für alle“ in der Nähe des Osnabrücker Hauptbahnhofs am Konrad-Adenauer-Ring, in dem gespendete Kleidung, Deko-Artikel und Spielwaren zu günstigen Preisen verkauft werden, bleibt ebenfalls wie gewohnt geöffnet.

Die DRK-Tagespflege im Wohn- und Wissenschaftspark wurde bereits vor dem Insolvenzantrag geschlossen. Sie war erst im Mai 2025 nach monatelanger Verzögerung eröffnet worden.

Unklar ist weiterhin, wie der Kreisverband in die Schieflage geraten konnte. In der Schusslinie steht der frühere Geschäftsführer Mike Reil, der Ende November zunächst freigestellt und dann am Donnerstag (18. Dezember 2025) entlassen worden war.

Zeitgleich erstatte das Präsidium Strafanzeige gegen Reil und stellte Insolvenzantrag wegen drohender Zahlungsunfähigkeit. Zum Inhalt der Anzeige will sich das Präsidium nicht äußern. Auch Reil selbst schweigt. Auf Anfragen unserer Redaktion reagierte er bislang nicht.

Reil hatte 2022 die Geschäftsführung übernommen. Zwei Jahre später wurden Konflikte im DRK-Shop „Markt für alle“ öffentlich und beschäftigten das Arbeitsgericht. Langjährige Mitarbeiterinnen warfen dem Geschäftsführer Mobbing und Schikane vor. Reil wurde zudem Vetternwirtschaft vorgeworfen, weil er Stellen mit ihm nahestehenden Personen besetzte.

Reil wies die Vorwürfe zurück. Er begründete die Entlassungen mit dem wirtschaftlichen Druck, der auf dem Betrieb laste. Mehrere ehrenamtliche Mitarbeiter beendeten in diesem Klima ihren freiwilligen Dienst für das DRK.

Mitten in dieses Insolvenzchaos platzte am Freitag eine Meldung des Hauptzollamtes Osnabrück. 14 Zollbeamte hatten schon am 14. November 2025 die Geschäftsräume des DRK in Osnabrück und Melle durchsucht. Dabei sei umfangreiches Beweismaterial sichergestellt worden, darunter Computer und Mobiltelefone. Das Material werde derzeit ausgewertet.

Die umfangreichen Ermittlungen richten sich nach Angaben des Zolls gegen den damaligen Kreisgeschäftsführer. Das war zu jenem Zeitpunkt Mike Reil. Ihm wird vorgeworfen, gegen Melde-, Beitrags- und Aufzeichnungspflichten verstoßen und zwei Mitarbeitern nicht den gesetzlichen Mindestlohn gezahlt zu haben.

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