Berlin  „Ku’damm 77“-Star August Wittgenstein im NOZ-Interview: „Jeder Klimaschützer müsste Jagdbefürworter sein“

Dr. Philipp Ebert
|
Von Dr. Philipp Ebert
| 02.01.2026 06:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Spielt einen Juristen, dessen Privatleben mit der Weltgeschichte verwoben ist: August Wittgenstein in „Ku‘damm 77“ Foto: IMAGO/APress
Spielt einen Juristen, dessen Privatleben mit der Weltgeschichte verwoben ist: August Wittgenstein in „Ku‘damm 77“ Foto: IMAGO/APress
Artikel teilen:

Willkommen im Berlin der 70er-Jahre! August Wittgenstein spricht über die neue Staffel „Ku’damm 77“, warum Naturschutz für ihn als Jäger eine Herzensangelegenheit ist – und wie es mit „Ku‘damm“ weiter geht.

Die Erfolgsserie des ZDF kehrt zurück: Mit „Ku’damm 77“ bricht für die Familie Schöllack und ihre Tanzschule ein neues Jahrzehnt an. Zwischen dem Aufkommen von Punkrock, der Ölkrise und gesellschaftlichen Umbrüchen müssen sich Caterina und ihre drei Töchter in einer Welt behaupten, die sich radikal wandelt. Mitten in diesem farbenfrohen Setting der späten Siebziger spielt August Wittgenstein erneut die Rolle des Wolfgang von Boost.

Im Interview blickt der Schauspieler und studierte Historiker nicht nur auf die intensive Recherche zur deutschen Geschichte und den RAF-Terrorismus zurück, sondern spricht auch über sein Leben abseits der Kamera – von seiner Leidenschaft für die Jagd und den Naturschutz bis hin zu seiner Begeisterung für die Craft-Beer-Kultur. „Ku‘damm 77“ läuft ab dem 12. Januar (Montag) um 20.15 Uhr im ZDF und ist bereits in der ZDF-Mediathek verfügbar.

Frage: Herr Wittgenstein, ich habe gelesen, Sie sind farbenblind?

Antwort: Ja, das stimmt. Ich lerne gerade schmerzlich, wie stark diese Farbschwäche tatsächlich ist. Meine Frau hat mir kürzlich eine App gezeigt, die demonstrieren kann, wie ich Farben sehe. Leider das Gegenteil von knallig.

Frage: Sie spielen aktuell in “Kudamm 77” mit. Gerade bei den Siebzigern denke ich sofort an knallige Orange-Töne. Wie nehmen Sie die dann wahr?

Antwort: Ich habe hauptsächlich eine rot-grün-Schwäche. Wenn einzelne Farben allein stehen, kann ich sie meistens sehen. Aber wenn Farben aufeinandertreffen, dann verschwimmen sie. Als Schauspieler ist das bei der Kostümprobe natürlich eine Herausforderung. Ich stehe oft ratlos da, weil ich nicht weiß, welche Farben ich oder mein Gegenüber gerade tragen, oder wie das Ganze später im Film wirken wird. Ich muss da sehr viel Vertrauen in die Kostümbildner haben und Entscheidungen abgeben. In jedem Fall waren die Siebziger unglaublich farbenfroh. Ich finde das irgendwie auch witziger als die Beige-, Schwarz- und Grautöne dieser Tage. 

Frage: Wie war es für Sie, jetzt in die 70er Jahre einzutauchen? 

Antwort: Spannend: Die späten Siebziger kenne ich selbst nicht so gut. Aber es macht mir immer großen Spaß, die Epoche, in der wir spielen, zu durchleuchten. Bei Ku‘damm 77 haben wir natürlich den RAF-Terrorismus, die Energie- und Ölkrise, aber auch Disco und die Geburt des Punkrocks thematisiert. Es ist eine faszinierende Zeit, in der sich das Wirtschaftswunder verlangsamt hat und ganz andere Fragen in den Fokus rückten: Umweltschutz, Frauenrechte und vieles mehr. Es ist immer ein Vergnügen, in eine so neue Ära einzutauchen und die Mentalität der Gesellschaft dieser Zeit zu verstehen.

Frage: Jenseits der Schauspielerei: Welche Einschränkungen sind mit der Rot-Grün-Schwäche im Alltag verbunden?

Antwort: Nichts Dramatisches, aber Kleidung einzukaufen, ist schwierig. Oft fragt mich meine Frau, wenn ich shoppen war, womit ich ein neues Stück kombinieren will. Übrigens wurde ich wegen der Farbblindheit auch in Schweden ausgemustert.

Frage: Gab es am Set von „Ku‘damm 77“ Gegenstände aus den Siebzigern, die Sie an Ihre Kindheit erinnert haben?

Antwort: Die alten Kassettenrekorder! Ich weiß noch, wie Hörspiele groß in Mode waren, als ich Kind war. Dann bekam man die ersten Kassetten, mit denen man aufnehmen konnte, und man konnte mit Tesafilm die Löcher abkleben, um bespielte Kassetten wieder neu zu bespielen. 

Frage: Und gibt es Trends von damals, die besser nicht wiederkommen sollen? 

Antwort: Die extremen Schlaghosen, die Bell Bottoms, die müssen vielleicht nicht unbedingt wiederkommen, und die großen Revers an Sakkos und Blazern auch nicht. Aber die großen, spitzen Hemdkragen von damals finde ich super!

Frage: Sie haben in Washington D.C. Geschichte studiert. Prägt das Ihre Herangehensweise an einen historischen Stoff wie bei “Ku’damm”?

Antwort: Zumindest kann ich gut recherchieren und auch historische Quellen finden, wenn es nötig ist. Wobei tolle Autoren wie Annette Hess bei “Ku’damm 77” im Vorfeld alles sehr gründlich recherchieren. 

Frage: Gibt es am Set einen Geschichtsbeauftragten, der aufpasst, dass keine Wörter benutzt werden, die für die Zeit untypisch wären?

Antwort: Es gibt immer sogenannte Continuity-Beauftragte – die achten etwa darauf, dass man nach einem Schnitt das Glas Wasser weiter in der gleichen Hand hält. Deren Aufgabe ist es auch, darauf zu achten, dass keine modernen Begriffe einwandern. Ich habe gerade in Schweden einen Film aus dem 18. Jahrhundert gedreht, da war es zum Beispiel wichtig, dass wir das Wort “Okay” aus unserem Wortschatz verbannen. 

Frage: Ist „Ku‘damm 77“ der Abschluss oder geht die Reihe noch weiter?

Antwort: Das weiß man nie so genau. Letztendlich muss Annette Hess, die Autorin und Creative Producerin, Lust auf eine Fortsetzung haben. Und das ZDF wird auf die Zahlen schauen. Das ist total nachvollziehbar. Aber ich würde mir manchmal mehr Mut wünschen, dass man sagt: Wir machen gleich noch zwei Staffeln hinterher.

Frage: Es kann doch auch ein Ausdruck von Mut sein, ein Projekt zu beenden – ohne Hintertür. 

Antwort: Absolut. Manchmal werden Dinge auch unnötig in die Länge gezogen. Aber bei Ku‘damm hatte ich immer das Gefühl, dass Annette Hess eine klare Vision für die neue Staffel hatte, mit frischen Ideen und Charakteren. 

Frage: Haben Sie schonmal bei einem Projekt mitgemacht, bei dem Sie dachten: Wir hätten früher aufhören sollen?

Antwort: Ich habe mir sicherlich schon einmal während eines Drehs gedacht: “Das wird keine tolle Sache” – weil es chaotisch zuging oder das Drehbuch noch nicht ganz ausgereift war. Aber meistens wurde ich dann bei der Ausstrahlung überrascht, dass es doch gut funktioniert hat. 

Frage: Viele Menschen beschreiben, dass es ihnen mittlerweile schwerfällt, lange Filme am Stück zu schauen. Gemeinhin gilt die Schnelllebigkeit von Social Media als ein Grund für eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne. Wie geht es Ihnen?

Antwort: Eher andersherum, ich schaue wieder mehr lange Filme statt Serien. Ich habe auch als Konsument eine tiefe Liebe und große Passion für das Lang-Format von eineinhalb bis zwei Stunden, um tief in eine Geschichte einzutauchen. Aber manchmal fesseln uns eben die Stoffe nicht genug, oder sie sind nicht gut genug erzählt. Wenn etwas mit Power erzählt und dargestellt wird, lässt es den Zuschauer nicht los. Da kann man sich vorher noch so viele Gehirnzellen mit Instagram verbrannt haben.

Frage: Dazu kommt, dass die Verfügbarkeit internationaler Produktionen durch Streaming-Anbieter das deutsche Publikum auch anspruchsvoller gemacht hat, oder?

Antwort: Das glaube ich auch. Da muss man sich als deutscher Film behaupten. Ich glaube, wir können einen sehr guten Beitrag leisten, aber wir müssen uns trauen, unsere eigene Sprache und Identität in der filmerzählerischen Sprache zu finden.

Frage: Was heißt das konkret? 

Antwort: Zurzeit fehlen mir ein wenig die deutschen Originale. Wir kopieren gerne ausländische Konzepte und das kann auch mal funktionieren. Dennoch finde ich, sollten wir unseren lokalen Kreativen mehr Freiraum geben, die wirklichen Visionäre fördern und so einen Raum in Deutschland schaffen, in dem sich eine ganze Generation von neuen Filmemachern gegenseitig inspirieren und befruchten kann und wir so unsere eigene und einzigartige Stimme finden.

Frage: Sie sind Jäger: Auf welche Tiere schießen sie am liebsten?

Antwort: Was für eine fiese Fragestellung. Ja, ich bin Jäger, aber auf Tiere schieße ich selten und nicht, weil ich es mag. Das Jagen liegt in der Familie: Mein Vater ist Forstwirt und Jäger, mein Großvater war Jäger. Was mir wichtig ist: Ein gesunder Wald ist ohne die Kontrolle der Wildpopulationen nicht zu erhalten. Deswegen ist die Jagd essenziell wichtig für Natur und Ökosystem. Ich verstehe oft nicht, warum Jagd in Deutschland so ein schlechtes Image hat.

Frage: Sie leben in Berlin: Haben Sie dort das Gefühl, sich als Jäger manchmal verteidigen zu müssen? 

Antwort: Ja, ich glaube schon. Ich kann nachvollziehen, dass jemand, der in der Stadt aufgewachsen ist und noch nie mit einem Förster durch den Wald gegangen ist, denkt: Die süßen Tiere müssen beschützt werden und die bösen Jäger mit ihren Gewehren schießen sie tot. Aber ich wünsche mir eine Bereitschaft, zuzuhören und zu verstehen, was man vielleicht über Naturschutz, Flora, Fauna und ein gesundes Ökosystem nicht weiß. Jeder Klimaschützer müsste eigentlich Jagdbefürworter sein, weil Arten- und Pflanzenvielfalt nur durch Regulierung des Wildbestandes gewährleistet werden kann.

Frage: Was ist für Sie der Reiz an der Jagd? Und was für ein Tier wollen sie gerne mal erlegen?

Antwort: Ich genieße es vielmehr, ein Teil der Natur zu sein und zu sehen, wie sich ein Wald entwickelt. Gerade bei mir zu Hause in Nordrhein-Westfalen gab es schlimme Borkenkäferjahre. Die Bäume auf ganzen Bergrücken waren einfach kahl. Jetzt zu sehen, wie die Kulturen sich erholen und die Bäume wieder an Höhe gewinnen, macht mir viel mehr Spaß.

Frage: War das Jagdexamen eigentlich schwerer als der Geschichtsabschluss an der Georgetown-Universität?

Antwort: Auf jeden Fall.

Frage: Sie waren früher aktiver Fußballer. Spielen Sie heute in einer Altherrenmannschaft?

Antwort: Ich war sogar in meiner Jugend in der Siegerlandauswahl, aber mit 30 habe ich aufgehört, weil das Verletzungspotenzial exponentiell steigt und der eigene Ehrgeiz der körperlichen Fähigkeit hinterherhinkt. Jetzt spiele ich lieber Tennis, gehe laufen oder ins Fitnessstudio.

Frage: Sind Sie aber noch leidenschaftlicher Fußball-Fan?

Antwort: Ich war leidenschaftlicher Bayern-Fan, auch bei vielen großen Spielen im Stadion. Aber die astronomischen Transfersummen, die Geisterspiele in der Pandemie, die Weltmeisterschaft in Katar – das hat alles einen fahlen Beigeschmack ausgelöst. Mittlerweile schaue ich lieber Tennis.

Frage: Mit dem fahlen Beigeschmack leite ich mal über aufs Thema Bier, für das Sie sich begeistern können, wie ich las. Wie alt waren Sie bei ihrem ersten Bier?

Antwort: 13.

Frage: Und wann hat es angefangen, wirklich zu schmecken?

Antwort: Da war ich wahrscheinlich 18 oder so. Es ist brutal, dass man auf dem Land lange einfach Bier trinkt, weil es dazugehört. 

Frage: Im Siegerland war es wohl ein klassisches Pils?

Antwort: Pils und Braunbier. Ich bin ein großer Fan der lokalen Brauerei zuhause, die ein hervorragendes Braunbier braut.

Frage: Was liegt heute in Ihrem Kühlschrank?

Antwort: Meistens ein schönes Session IPA – nicht ganz so hochprozentig. Ich mag diese Hopfigkeit und die verschiedenen Aromen sehr gerne. Aber wenn Gäste kommen, muss natürlich auch immer ein Helles oder Pils im Kühlschrank sein. Nicht jeder ist für ein IPA (India Pale Ale, eine Biersorte, Anm. d. Red.) gemacht.

Frage: Darf man Sie als Bierliebhaber bezeichnen?

Antwort: Absolut. Ich finde, Bier ist das am unbewusstesten getrunkene Getränk. Es geht oft um Quantität, nicht um Qualität. Ich bin ein großer Fan der Craft-Beer- und Micro-Brewing-Community. Das sind tolle Leute, die abgefahrene Sachen machen. Hopfen ist eine abgefahrene Pflanze, aus der man so viel herausholen kann. 

Frage: Was ist der beste Snack zum Biertrinken?

Antwort: Ein Burger ist gut, aber vielleicht schon zu groß für einen Snack. Ein guter, kleiner Schwarzwälder Schinken ist köstlich zu Bier. Alles, was ein bisschen salzig und fettig ist.

Frage: Was ist für Sie der schönste Ort zum Biertrinken?

Antwort: Auf jeden Fall bei sommerlichen Temperaturen im Freien, am liebsten mit Blick aufs Wasser. 

Frage: Welches Bier würde Ihre “Ku’damm”-Figur Wolfgang von Boost trinken?

Antwort: In Ku’damm 56 wäre es vielleicht ein Sauerbier gewesen. Aber mittlerweile bei Kudamm 77 wäre es ein sanftes Guinness.

Ähnliche Artikel