Osnabrück Literaturhaus in Gefahr: Lässt Dresden wirklich seinen großen Sohn Erich Kästner im Stich?
Es ist nur ein Beispiel unter vielen: Das Erich-Kästner-Museum in Dresden ist in Gefahr. Die Stadt will an der Kultur sparen, wie viele andere auch. Aber brauchen wir nicht gerade jetzt Erich Kästner dringend?
Was sind schöne Worte gegen eine richtige Tat? Nichts. Erich Kästner kleidete diesen Grundsatz in ein viel zitiertes Bonmot: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Das ist der Kästner-Sound: knapp, klar, lakonisch, mit jener leisen Ironie der stillen Verzweiflung, die auch zu Erich Kästner gehörte. Jetzt wäre es wieder Zeit für Verzweiflung. In Dresden steht das Erich-Kästner-Museum auf der Kippe. Aus dem Haus kommt ein Hilfeschrei. Man glaubt es kaum.
Erich Kästner, das ist der Autor von berühmten Kinderbüchern wie „Emil und die Detektive“ oder „Das doppelte Lottchen“. Erich Kästner, das ist der scharf beobachtende Zeitdiagnostiker, der in seinem Roman „Fabian“ den Untergang der Weimarer Republik seziert. Erich Kästner, das ist der Feuilletonist, der Präsident der deutschen Sektion der Autorenvereinigung PEN nach 1945. Erich Kästner steht stumm daneben, als die Nazis 1933 auch seine Werke in das Feuer der Bücherverbrennung werfen.
Und jetzt soll er wieder gefährdet sein? Der PEN schlägt schon einmal Alarm, das Erich-Kästner-Museum publiziert auf seiner Internetseite eine Online-Petition. Worum geht es? Dresden wird 2026 seinen Kulturetat deutlich kürzen. Das Kästner-Museum soll ein Viertel seiner städtischen Gelder verlieren. Damit wäre der Betrieb ab April 2026 nicht mehr gesichert, heißt es. Eine katastrophale Aussicht finde ich – und wundere mich umso mehr darüber, als offenbar auch der Fortbestand des Kurt-Tucholsky-Museums in Rheinsberg fraglich ist.
Aber brauchen wir sie nicht gerade heute, die Stimmen von Erich Kästner und Kurt Tucholsky, die Stimmen dieser aufgeklärten Skeptiker, die erfahren haben, wie es ist, wenn eine Demokratie von ihren Gegnern unter Feuer genommen wird? Erich Kästner hat genau das nicht nur erlebt, er hat es erlitten. Der Autor auch heute noch gut zu lesender Kinderbücher war in Wirklichkeit ein Mann, der an den Erfahrungen der Diktatur verzweifelt, ja, innerlich zerbrochen ist.
Kulturelle Vielfalt sorgt für das schöne Leben. Sie verdankt sich dem Engagement vieler Vereine und Initiativen. Was im Jargon der Politik freie Kulturszene genannt wird, erweist sich nun aber als ziemlich vogelfrei. Denn in vielen Kommunen steht die Kulturszene vor drastischen Kürzungen. Berlin hat das erlebt, Köln auch. Nun geht es sogar im reichen Stuttgart, wie die „Süddeutsche Zeitung“ titelt, „ans Eingemachte“. Nicht nur die vielen kleinen Institute der freien Szene werden auf Geld verzichten müssen, auch die kulturellen Aushängeschilder dieser Metropole sehen drastischen Einschnitten entgegen.
Ich will mich hier nicht weiter über die Finanzkrise der Kommunen auslassen, ich will nur kurz darauf hinweisen, dass Kulturetats in einer Stadt meist nur zwei, drei Prozent des gesamten Budgets ausmachen. Wer die Gelder für Kultur kürzt, spart fast nichts, zerstört aber viel: Renommee und Reputation, Zukunft und Zusammenhalt. Kultur muss gerade jetzt gestärkt werden. Rechtspopulisten wissen nur zu gut, dass sie mit ihrem gar nicht mehr so leisen Kampf gegen die Kultur den Konsens der demokratischen und pluralen Gesellschaft treffen können.
Natürlich muss das Dresdner Kästner-Museum bleiben. Es ist traurig genug, dass ein Verein dieses kleine Haus betreibt und nicht die Stadt, die fest hinter ihrem berühmten Sohn stehen müsste. Ich vertraue darauf, dass es nicht so schlimm kommen wird, wie es jetzt aussieht. Eines ist aber auch klar: Kultur braucht eine neue Debatte, vor allem die der Bürger, die sich darüber verständigen müssen, in welch einem Gemeinwesen sie leben möchten. Gerade die freie Kulturszene macht das Leben schön und wertvoll.
Es gibt nichts Gutes, außer man tut es: Kästners Sinnspruch ist die Losung der Stunde – und nicht nur irgendein wohlfeiler Kalenderspruch.