Osnabrück Zeit für Besinnung: 88-Jährige entdeckt den Advent im betreuten Wohnen neu für sich
Die ehemalige Melanchthonkirche in Osnabrück wurde 2023 zu Tagespflege und betreutem Wohnen umgebaut. Reinhild Broxtermann zählt zu den ersten Bewohnern „Am Bergerskamp“. Für sie bedeutet die Adventszeit vor allem eines: Zeit, sich zurückzulehnen.
Der Aufenthaltsraum des betreuten Wohnens „Am Bergerskamp“ in Osnabrück ist weihnachtlich geschmückt. In der Ecke steht ein Tannenbaum mit bunten Kugeln. Auf dem Sims des Kamins liegt eine Girlande aus Tannenzweigen. Drinnen flackert ein kleines Feuer – zwar kein echtes, für gemütliche Stimmung zur Weihnachtszeit sorgt es trotzdem.
2023 hat in der ehemaligen Melanchthonkirche am Kalkhügel die „Tagespflege Am Bergerskamp“ eröffnet. Im Neubau, der direkt an das unter Denkmalschutz stehende Kirchengebäude anschließt, wurde zusätzlich ein betreutes Wohnen eingerichtet.
Reinhild Broxtermann ist eine der ersten Bewohnerinnen der Einrichtung. Dieses Jahr verbringt die 88-Jährige ihre dritte Adventszeit im betreuten Wohnen. Die Stimmung sei im Vergleich zu den anderen Jahreszeiten schon eine andere, berichtet sie.
Dennoch weiß Broxtermann, dass die Weihnachtszeit für einige der Bewohner auch schwer sein kann, vor allem, wenn die Familie fehlt. Und das aus eigener Erfahrung: Ihre Söhne leben in Süddeutschland. Einsam fühlt sie sich aber nicht. „Man muss sich einfach ein bisschen öffnen. Es hat keinen Zweck, wenn man sich zurückzieht.“ Sie ist gerne in Gesellschaft und genießt das Miteinander im Haus, sagt sie.
Sie blickt häufig auf ihre Armbanduhr. Ihr Terminkalender ist prall gefüllt. Jeden Tag geht sie mit zwei Freundinnen für eine halbe Stunde spazieren. Ihr Highlight des Tages ist aber die Spielrunde am Nachmittag: Dann spielt sie mit einer kleinen Gruppe jeden Tag Rummikub. Weihnachtliches Gebäck darf dabei im Advent für sie nicht fehlen.
Montags bis freitags besucht Reinhild Broxtermann die Tagespflege im sanierten Kirchengebäude. Zur Weihnachtszeit gibt es hier ein umfangreiches Programm. Es wird gemeinsam gesungen und gebacken. Auch Weihnachtskarten hat die 88-Jährige dort dieses Jahr gebastelt.
Seit dem 1. Dezember wird außerdem jeden Morgen ein Türchen des Adventskalenders geöffnet. Dahinter steckt manchmal ein Weihnachtslied, das gemeinsam gesungen wird oder eine Überraschung für einen der Senioren.
Die Adventssonntage werden in der Einrichtung besonders zelebriert. Dann gibt es ein festliches Mittagesessen. Am Nachmittag kommen alle nochmal am großen Tisch zusammen, um sich bei Kaffee und Keksen zu unterhalten und gemeinsam in Weihnachtsstimmung zu kommen.
Pünktlich zu Beginn der Adventszeit haben alle gemeinsam den großen Weihnachtsbaum in der ehemaligen Melanchthonkirche geschmückt. Auch bei der restlichen Dekoration hat Reinhild Broxtermann gerne geholfen, und etwa Weihnachtssterne in Blumentöpfe eingepflanzt.
Für ihr Zimmer hat sie sich ebenfalls ein kleines Adventsgesteck gebastelt: mit Tannengrün, kleinen Dekosternen und Kerzen. „Da sitze ich dann auch abends und das Lichtchen brennt“, erzählt sie. Als ehemalige Floristmeisterin könne sie es nicht lassen.
Bei all den Aktionen ist den Mitarbeitern der Tagespflege und des betreuten Wohnens eines wichtig: Die Bewohner sind erwachsene Menschen und sollen auch so behandelt werden. Es braucht hier kein Kinderprogramm. Beim Schmücken des Baumes gab es deshalb auch Glühwein und keinen alkoholfreien Kinderpunsch.
Direkt neben dem Haus „Am Bergerskamp“ befindet sich die Melanchthon-Kindertagesstätte. Vom Fenster des Aufenthaltsraumes der Tagespflege hat man direkten Ausblick auf den Kindergarten, lautes Kinderlachen ist zu hören. „Die sind so niedlich“, sagt Broxtermann über ihre kleinen Nachbarn. Regelmäßig kommen die Kinder zu Besuch in die Tagespflege. Dann wird gemeinsam gespielt und gesungen, zur Weihnachtszeit gibt es auch Plätzchen. Über diesen Besuch freut sich die 88-Jährige jedes Mal besonders.
Im vergangenen Jahr haben die Senioren selbst den Kindern während der Weihnachtszeit einen Besuch abgestattet. Im Kindergarten wurde ein kleiner Weihnachtsmarkt veranstaltet, den Broxtermann mit einigen Mitbewohnern besuchte.
Weihnachtsmärkte haben ihr immer große Freude bereitet, besonders der auf der Historische Weihnachtsmarkt in der Osnabrücker Innenstadt, schwärmt sie. Vergangenes Jahr musste der Besuch jedoch ausfallen. Da war der kleine Markt im Kindergarten eine schöne Alternative. In diesem Jahr wird sie aber wieder mit einer kleinen Gruppe und einigen Betreuern einen Ausflug auf den großen Weihnachtsmarkt in Osnabrück unternehmen.
So entspannt wie heute, war der Dezember nicht immer für Reinhild Broxtermann. „Früher war die Weihnachtszeit immer mit sehr viel Stress verbunden“, erinnert sich die 88-Jährige. Mit ihrem Mann hat sie ein Blumengeschäft in Osnabrück betrieben. Während der Hauptsaison arbeitete sie oft bis in die Nacht, damit die Bestellungen rechtzeitig zur Abholung fertig wurden. Zwar brachte ihr der Beruf immer viel Freude, aber eine besinnliche Vorweihnachtszeit war kaum möglich, erzählt sie.
Nach jahrelanger Arbeit ist sie nun froh auch mal Zeit zu haben, um sich zurückzulehnen und die Adventszeit in vollen Zügen zu genießen, erzählt sie. „Ich muss nichts mehr machen, es ist alles viel ruhiger geworden.“ Sie sei sehr dankbar, endlich eine entspannte Weihnachtszeit zu erleben. Dies liege auch daran, dass sie sich in der Einrichtung sehr wohlfühle. Sie dankt auch den Mitarbeitern des Hauses „Am Bergerskamp“: „Sie geben sich wirklich viel Mühe“, sagt Reinhild Broxtermann.