Schwerin/Hamburg  Warum die Bundeswehr jährlich Hunderte Millionen Euro an private Sicherheitsdienste zahlt

Tim Prahle
|
Von Tim Prahle
| 19.12.2025 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Seit mehr als zehn Jahren reicht die Zahl der Bundeswehr-Soldaten schon nicht mehr, um die Kasernen komplett zu bewachen Foto: Michael Bihlmayer
Seit mehr als zehn Jahren reicht die Zahl der Bundeswehr-Soldaten schon nicht mehr, um die Kasernen komplett zu bewachen Foto: Michael Bihlmayer
Artikel teilen:

Nicht Soldaten, sondern private Sicherheitsleute einen Großteil der Bundeswehr-Kasernen. Seit zehn Jahren läuft das so und kostet ziemlich viel Geld. Das sind die Gründe für die „Wachdienst-Privatisierung“.

Das Schild am scheinbar endlos langen Geländezaun ist unmissverständlich: „Militärischer Sicherheitsbereich“ steht darauf. Der Kasernenkommandant warnt außerdem vor Schusswaffengebrauch. Solche Schilder findet man in Deutschland fast überall dort, wo die Bundeswehr sitzt. Auch in der mecklenburg-vorpommerschen Landeshauptstadt Schwerin. In der dortigen Werder-Kaserne sitzt unter anderem das Landeskommando M-V, die Bundeswehr will rund 40 Millionen Euro in das verklinkerte Gebäude investieren.

Der Standort hat eine lange Geschichte, schon vor 120 Jahren saß hier ein Großherzoglich Mecklenburgisches Grenadier-Regiment. Diese Soldaten der preußischen Armee haben das schmucke Gelände noch selbst bewacht. Die Bundeswehr kann das 100 Jahre später nicht mehr.

Derzeit sucht die Truppe für Schwerin via Ausschreibung einen neuen Dienstleister für die Bewachung und Absicherung ihrer Liegenschaft. Vier bis sieben Jahre könnte dann ein neuer Sicherheitsdienst vor dem Militärgelände stehen. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, nicht erst seitdem Deutschland Ziel hybrider Bedrohungen geworden ist. Wieso können Deutschlands Streitkräfte nicht selbst für die Sicherheit bei ihrer eigenen Kaserne sorgen?

Schwerin ist kein Einzelfall, sondern längst gängige Praxis. Nahezu alle der aktuell noch 275 Bundeswehr-Standorte in Deutschland werden durch zivile Sicherheitsdienste bewacht. Das für die Kasernen zuständige Bundesamt für Infrastruktur, Umwelt und Dienstleistungen begründet das unter anderem mit dem Personalmangel infolge der Wehrpflichtaussetzung 2011. Verschärfend kam hinzu, dass 2016 unter Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen die Soldatenarbeitszeitverordnung geändert wurde. Die wöchentliche Arbeitszeit sank von 48 auf 41 Stunden.

Laut Bundeswehr kann die Bewachung durch Soldaten seit 2016 nicht mehr ohne Einschränkungen sichergestellt werden. Stattdessen werden private Sicherheitsdienste bezahlt. Die Bundeswehr spricht offiziell von einem „dreistelligen Millionenbetrag“ jedes Jahr. Das Verteidigungsministerium wurde bereits konkreter, bestätigte der Bild-Zeitung die Zahl von 666 Millionen Euro für 2024.

Daran gemessen könnten seit 2016 mehrere Milliarden Euro einzig für die Bewachung der Bundeswehr-Liegenschaften zusammengekommen sein. Hunderte Millionen für eine Rund-um-die-Uhr-Bewachung von knapp 300 Standorten im Jahr, samt Patrouillen, Nachtzuschlägen und Einlasskontrollen. Im Verteidigungshaushalt für 2025 waren für den Posten „Absicherung von Liegenschaften“ sogar 915 Millionen Euro veranschlagt.

Einfach jeden Türsteher stellt die Bundeswehr allerdings nicht vor ihre Gebäude. Ausschreibungen und Anforderungsprofile aus der Szene zeigen, dass sich die Wachleute diversen Sicherheits- und Zuverlässigkeitsüberprüfungen unterziehen müssen, auch die Firmen selbst müssen ihre Qualifizierung in einem mehrstufigen Verfahren beweisen, betont eine Bundeswehrsprecherin.

Winkt bei der Bundeswehr also das große Geld für die Sicherheitsbranche, deren Umsätze seit Jahren generell steigt und zuletzt bei 14 Milliarden Euro lag? Immerhin will Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) noch weitere Bundeswehr-Liegenschaften reaktivieren, um mehr Soldaten unterbringen zu können. Der Bundesverband für Sicherheitswirtschaft wollte offiziell nicht viel zu dem besonders heiklen Thema sagen. Es gelte eine umfassende Verschwiegenheitspflicht, so eine Sprecherin.

Ein Blick in die tarifliche Entgelttabelle des Verbandes zeigt immerhin: Soldaten und ihre Kasernen zu schützen, ist wohl kein Beruf, der den großen Reichtum nach sich zieht. In den Stadtstaaten Hamburg und Bremen gab es nach Tarifen des BDSW nicht einmal 15 Euro Stundenlohn. In Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein liegt der Stundenlohn rund um die 17 Euro. Geld, das für die Menschen gedacht ist, die die festgeschriebene Schusswaffenwarnung des Kasernenkommandanten im Ernstfall umsetzen müssen.

Ähnliche Artikel