Kriegstauglichkeit Wie krisenfest sind Ostfrieslands Krankenhäuser?
IT-Schutz, Notfallpläne und Zugangskontrollen: Eine Studie zeigt große Lücken bei der Krisenfestigkeit der deutschen Krankenhäuser. Wie sieht es in Ostfriesland aus?
Leer - Deutsche Krankenhäuser sind auf Verteidigungs- und Krisenfälle schlecht vorbereitet. Das zeigt eine Studie der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Demnach gibt es Defizite bei Kapazitäten, Stromversorgung, IT-Sicherheit, Schutzräumen und qualifiziertem Personal. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft plädiert deshalb dafür, Gelder aus dem Sondervermögen für die Verteidigung in den Krankenhaus-Transformationsfonds zu transferieren, um die Häuser gegen mögliche Angriffe und Krisen zu wappnen. Wie krisenfest oder gar „kriegstauglich“ sind vor diesem Hintergrund die Krankenhäuser in Ostfriesland? So richtig in die Karten schauen lassen, wollen sich die Häuser nicht.
„Aus Sicherheitsgründen äußern wir uns grundsätzlich nicht öffentlich zu konkreten Maßnahmen oder zur Umsetzung unserer IT-Sicherheitsarchitektur“, teilt beispielsweise das Leeraner Borromäus-Hospital (Borro) mit. Die Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden geht auf eine Anfrage der Redaktion nach der Sicherheit in den Häusern in Emden und Aurich gar nicht erst ein. Lediglich zu der Frage nach einem Sicherheitskonzept für die geplante Zentralklinik und ob man dafür Geld aus dem Sondervermögen für die Verteidigung beantragt hat, nimmt man Stellung: „Ein Sicherheitskonzept für die Zentralklinik ist noch nicht abschließend erstellt. Mögliche Refinanzierungen für die Erstellung eines Sicherheitskonzeptes werden derzeit geprüft. Zu näheren Details des Sicherheitskonzepts können wir keine Auskünfte erteilen, da dies vertrauliche Informationen betrifft“, teilt die Pressestelle mit.
Welche Sicherheitsmaßnahmen gegen mögliche (Cyber-)Angriffe gibt es?
Das Borro betont: „Als Krankenhaus tragen wir eine besondere Verantwortung für den Schutz sensibler Patientendaten und den sicheren Betrieb unserer Systeme. Selbstverständlich erfüllen wir dabei alle geltenden gesetzlichen und regulatorischen Anforderungen.“
Das Kreiskrankenhaus in Wittmund hat schon in seine Sicherheit investiert: „Im Rahmen des KHZG hat auch das Krankenhaus Wittmund in Sicherheitstechnik investiert. Aktuelle Firewalltechnik mit Netzwerksegmentierung, permanente Netzwerküberwachung und Netzwerkrichtlinien bieten ein sehr gutes Schutzniveau. Ein Notfallhandbuch regelt die Ablaufroutinen sofern es trotz aller Schutzmechanismen zu Ausfällen der IT-Infrastruktur kommen sollte“, teilt das Haus mit. KHZG steht übrigens für das Krankenhauszukunftsgesetz – ein Investitionsprogramm mit rund 4,3 Milliarden Euro an Fördermitteln von Bund und Ländern. Gefördert werden Investitionen in moderne Notfallkapazitäten und eine bessere digitale Infrastruktur.
Auch das Klinikum Leer hat die EDV aufgerüstet und ein „umfangreiches Business Continuity Management“. Darunter versteht man ein Betriebskontinuitätsmanagement, das dafür sorgt, dass ein Unternehmen trotz Krisen handlungsfähig bleibt. „Dazu gehören Ausfallkonzepte und organisatorisch-technische Maßnahmen, um den Betrieb sicherzustellen“, teilt die Pressestelle mit. In kritischen Bereichen gebe es auch Doppelstrukturen, um im Zweifel auf ein funktionierendes System zurückgreifen zu können. „Für eine kontinuierliche Verbesserung wird auch auf externe Beratung zurückgegriffen“, heißt es.
Ist man auf Katastrophenfälle vorbereitet?
Im Klinikum Leer gibt es einen „Alarmplan für verschiedene Katastrophenfälle, wie ein interner Brand oder auch externe Katastrophenfälle“. Dieser werde laufend überarbeitet. „Im Zuge der Überarbeitung werden auch Maßnahmen zur Kriegstauglichkeit besprochen“, lässt Klinik-Geschäftsführerin Daniela Kamp mitteilen.
Krisentauglichkeit von Krankenhäusern
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hat eine Studie vorgestellt, die erhebliche Investitionen anmahnt, um die Krankenhäuser krisenresilient zu machen. Allein um die Resilienz im Fall von Cyberangriffen und Sabotage herzustellen, werden demnach rund 2,7 Milliarden Euro benötigt. Im Bündnisfall liegt der Investitionsbedarf bei 4,9 Milliarden Euro, im Verteidigungsfall bei 14 bis 15 Milliarden Euro. „Unsere Analysen zeigen, dass deutsche Krankenhäuser in ihrer derzeitigen Struktur nur eingeschränkt krisen- und verteidigungsfähig sind“, sagt der Vorstand des Deutschen Krankenhausinstituts, Dr. Karl Blum. „In fünf zentralen Bereichen – Personal, Cybersicherheit, physische Sicherheit, Lagerhaltung für medizinische Vorräte und Vorbereitung auf biologische, chemische und nukleare Bedrohungen – bestehen erhebliche Schwächen. Aktuelle Krankenhausalarm- und Einsatzpläne decken zwar zivile Katastrophen ab. Es fehlt aber an Konzepten für militärische Bedrohungen mit klaren Zuständigkeiten und ausreichender Finanzierung“, so Blum.
Das Borro betont, man sei „grundlegend darauf vorbereitet in allen erdenklichen Lagen die Gesundheitsversorgung aufrechtzuerhalten und seine Patienten zu versorgen“.
Wird aus Sicherheitsgründen der Zugang für Besucher eingeschränkt?
Während es in anderen Ländern bereits Einlasskontrollen in Krankenhäusern gibt, um auch die innere Sicherheit etwa der IT zu schützen, planen die Häuser in Ostfriesland solche Einschränkungen nicht. „Das Krankenhaus steht rund um die Uhr für die medizinische Versorgung der Bevölkerung zur Verfügung. Der Zugang ist daher grundsätzlich offen und ohne Zugangskontrollen möglich. In den Nachtstunden ist ein Zutritt nach vorherigem Klingeln möglich“, teilt das Klinikum Leer mit.
Stephan Rogosik, Geschäftsführer des Wittmunder Kreiskrankenhauses betont: „Bisher sind erfreulicherweise nur vereinzelte Fälle der Gewalt gegen Mitarbeitende in unserem Krankenhaus vorgekommen. Vor diesem Hintergrund erscheinen solche Maßnahmen derzeit als unverhältnismäßig. Erschwerend kommt hinzu, dass ein nicht geringes Gewaltpotential von aggressiven Patienten ausgeht. Gerade in diesen Fällen wäre die Umsetzung der angesprochenen Maßnahmen nicht zielführend. Am Krankenhaus Wittmund gibt es für die Mitarbeitenden regelmäßige Schulungsangebote im Sinne von Deeskalationstrainings.“ Außerdem hätten Mitarbeitende bereits Fortbildungen zum Thema „Auswirkungen/Vorgehen bei Terrorlagen“, die Auswirkungen auf das Krankenhaus haben, besucht. Zudem bestehe ein „kurzer Dienstweg“ zur örtlichen Polizei. „Ich bitte um Verständnis, dass ich zu vorhandenen technischen Vorhaltungen aus Gründen der Sicherheit, keine detaillierten Angaben machen möchte“, erklärt Rogosik weiter.
Wurde bereits Geld für kriegstaugliche Umbauten beantrag?
Das Klinikum Leer, das gerade nach eigenen Angaben mehr als 60 Millionen Euro aus eigenen Mitteln in einen Anbau, eine Tiefgarage und mehrere Klinikstationen investiert, hat „keine Mittel für kriegstaugliche Baumaßnahmen, wie einen Bunker oder einen Brunnen beantragt“. „Es stehen – bei der derzeitigen unzureichenden Betriebskostenfinanzierung – auch keine krankenhauseigenen Mittel für solche Maßnahmen zur Verfügung“, heißt es. Auch das Borro erklärt, dass derzeit kein Geld für solche Umbauten beantragt worden ist.
Ebenso sieht es beim Kreiskrankenhaus Wittmund aus: „Hier gibt es derzeit weder Gespräche noch Pläne. Hierzu bedarf es auch übergeordneter Abstimmungen auf geeigneter Ebene, je nach Einschätzung der unmittelbaren Bedrohungslage. Alleingänge einzelner Häuser wären hier wenig zielführend“, findet Geschäftsführer Rogosik.