Osnabrück Zwischen zwei Welten – wie Madú in Deutschland eine neue Heimat fand
Als Madú vor gut zwanzig Jahren nach Deutschland reiste, ahnte sie nicht, dass dieser Besuch ihr Leben für immer verändern würde. Doch schon die ersten Eindrücke ließen sie spüren: Deutschland könnte mehr werden als nur ein Reiseziel. Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Projekts „Medienlab“ der Neuen Osnabrücker Zeitung mit Schülerinnen der IGS Eversburg.
„Ich fühlte mich überraschend wohl“, erinnert sich Madù Hasekamp heute. „Die Menschen, die Orte – und natürlich Jens an meiner Seite.“ Der Wunsch, dauerhaft nach Deutschland auszuwandern, wuchs schneller, als sie selbst erwartet hatte.
Nach ihrer Rückkehr nach Perú sollte Madú eigentlich wieder an ihrer Schule arbeiten. Doch das Leben nahm eine andere Wendung. Jens und Madú begannen ernsthaft darüber zu sprechen, wie sie ihre gemeinsame Zukunft gestalten könnten. Für Jens Hasekamp, der eine kleine, aber gut laufende Firma in Osnabrück führte, war Deutschland langfristig der sinnvollste Ort. Für Madú spielte vor allem die Familie eine große Rolle – auch die von Jens. „Familie ist das Wichtigste“, sagte sie oft. Während Madú in Perú wartete, kümmerte sich Jens in Deutschland um die notwendigen Dokumente. Ihm war klar, dass der Weg möglich war, aber gut vorbereitet sein musste, damit der Neustart gelingen konnte.
Als Jens nach Perú reiste, um Madús Familie kennenzulernen, befand er sich noch im Studium. Um die Monate vor Ort sinnvoll zu nutzen, absolvierte er Praktika an Schulen in Puno und Cusco. In dieser Zeit gewann er schnell das Vertrauen und den Respekt der Familien. In der Region galt es als selbstverständlich, Lehrkräfte wie Angehörige zu behandeln – und so wurde zu seinem Abschied sogar ein großes Fest organisiert.
Im Laufe dieses Jahres wurden die Pläne konkreter. Beide wussten: Die Hochzeit musste in Perú stattfinden, im Kreis der Familie, bevor das gemeinsame Leben in Osnabrück begann. Die Trauung im Wohnzimmer von Madús Onkel wurde zum emotionalen Höhepunkt – voller Musik, Tränen und einer ausgelassenen Feier bis tief in die Nacht. Auch Jens’ Eltern hatten den weiten Weg auf sich genommen. Nach der Hochzeit und einer gemeinsamen Hochzeitsreise in die Nebelwälder Boliviens begann schließlich der neue Lebensabschnitt. Jens flog als Erster nach Deutschland, Madú folgte wenige Stunden später. Ein Koffer, ein paar Kleidungsstücke, Erinnerungen – mehr hatten sie nicht dabei. Und doch begann genau damit ein neues Leben.
In den ersten Wochen lebten Madú und Jens bei Jens’ Vater. Dann fanden sie ihre eigene kleine Wohnung, die sie gemeinsam einrichteten. Für Madú war die Anfangszeit aufregend, aber auch fordernd: eine neue Sprache, neue Regeln, eine neue Welt.
Und viele dieser ersten Begegnungen mit Deutschland waren – im Rückblick – ebenso rührend wie komisch.
In Peru hatte Madú ihr Leben lang nur mit einem Hahn geduscht: Wasser auf, Wasser zu. Die deutsche Dusche dagegen hatte mehrere Regler, und plötzlich kam warmes Wasser von oben.
„Ich wusste gar nicht, wie man das benutzt“, sagt sie lachend. Es dauerte einige Minuten, bis sie die richtige Kombination aus Druck und Temperatur gefunden hatte – und noch länger, bis sie begriff, dass man in Deutschland offenbar Ingenieurskunst sogar unter der Dusche erwarte.
Die Nächte waren stiller, die Morgende fremd laut. Das zarte deutsche Vogelzwitschern, fast melodisch und fein, ließ sie oft irritiert erwachen. Für ein paar herzschlaglange Momente wusste sie dann nicht, wo sie war – bis ihr einfiel: Ach ja. Deutschland. Hier singen die Vögel anders.
Mit dem ersten Winter begann die eigentliche Kulturreise. Eines Abends fuhr Madú im Dunkeln Fahrrad, als plötzlich etwas auf ihren Kopf fiel. Ein dumpfer Schlag. Panik. Unfall? Blut? Krankenhaus?
Unter der Straßenlaterne fand sie schließlich den „Übeltäter“: eine Kastanie. In Perú kannte sie diese Früchte nicht – und noch weniger, dass sie im Herbst ganz ohne Vorwarnung von den Bäumen fallen. Noch heute erzählt sie die Geschichte gern und bezeichnet die Kastanie als „meinen ersten deutschen Schreck“.
Auch ihre ersten Schneetage blieben unvergessen. Einmal war sie bereits perfekt gestylt vor die Tür getreten – sommerlich-elegant, wie sie es aus Perú gewohnt war – und sah erst draußen, dass dichtes Schneetreiben nicht mit offenen Schuhen harmoniert. Sie fror schrecklich, lachte aber ebenso darüber und lernte: Deutsche Winter haben ihren eigenen Dresscode.
Als sie im Supermarkt zum ersten Mal vertraute Früchte sah – winzig, unreif, aber immerhin tropisch –, packte sie sie begeistert auf das Band. Der Preis an der Kasse dagegen ließ sie fast sprachlos: Das Zehnfache von dem, was sie aus Perú kannte. Ein Moment, der ihr schlagartig klarmachte, wie weit weg die Heimat war.
Im Restaurant lernte sie, dass Deutsche ihr Essen mit Salz und Pfeffer würzen – und das dann „gut abgeschmeckt“ nennen. „Ich wollte so oft heimlich meine Gewürze aus der Handtasche holen“, sagt sie. Jahre später sollte aus genau diesem Verlust eine Stärke werden: ihre Kochkunst. Mit Kochkursen und – seit 2025 – einem eigenen Stand auf dem Osnabrücker Wochenmarkt begeistert sie nun viele Menschen für die Aromen ihrer Heimat.
Und dann war da die Sprache: Wörter, die sich wie Bauklötze zusammensetzen und oft so lang waren, dass sie kaum auf ein Blatt passten. Ein Wort mochte sie besonders: Sternschnuppen. Jahrelang sagte sie „Schnuppsterne“ – bis heute ein Familienklassiker.
Ein Jahr nach ihrer Ankunft besuchte Madús Familie sie in Deutschland. Ihre Mutter Cleo und ihre Brüder Yimi und Enzo wollten sehen, wie Madú nun lebte. Gemeinsam entdeckten sie die Maiwoche, die Altstadt, die Wälder – Landschaften, die es in Perú so nicht gibt. Sie reisten nach Berlin, besuchten Museen und die großen Plätze und unternahmen Ausflüge in den Harz, wo sie eteas über Bergwerke und die Geschichten der Walpurgisnacht erfuhren.
Viele Jahre später leben Madú und Jens mit ihren zwei Töchtern weiterhin in Osnabrück – Lisa (2007) und Rosa (2009). Beide fühlen sich in Deutschland und Perú gleichermaßen zuhause. Sie wachsen zweisprachig und zweikulturell auf und wissen bereits: Nach der Schulzeit wird es einen „längeren Abstecher“ nach Perú geben, zu ihrer Großfamilie und in das Land, aus dem ihre Mutter stammt.
Madú und Jens leben heute bewusst „zwischen den Welten“. Nicht, weil sie sich nicht entscheiden könnten, sondern weil beide Länder – mit all ihren Farben, Gerüchen, Klängen und Geschichten – zu einem Teil ihres Lebens geworden sind.