Bedarf ist riesig  Zwei neue Hausarztpraxen für Pewsum

Lotta Groenendaal
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Von Lotta Groenendaal
| 18.12.2025 16:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Eine Medizinerin misst den Blutdruck eines Patienten. In der Krummhörn fehlen Hausärzte. Symbolfoto: Maurizio Gambarini/dpa
Eine Medizinerin misst den Blutdruck eines Patienten. In der Krummhörn fehlen Hausärzte. Symbolfoto: Maurizio Gambarini/dpa
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Die Bevölkerung wird älter, Hausarztpraxen werden weniger. In der Krummhörn stemmen sich jetzt zwei Praxen gegen diesen Trend – sie wollen neu bauen und sich damit sogar vergrößern.

Krummhörn - „Heute sind so viele Leute gekommen“, stellte Ratsvorsitzender Heiko Ringena (Freie Bürgerliste Krummhörn, fbl) bei der Eröffnung der Krummhörner Ratssitzung am Montag, 15. Dezember 2025, treffend fest. „Ich wünschte, das wäre jedes Mal so, auch wenn es um Bebauungspläne und den Haushalt geht.“ Diesmal ging es aber um etwas, das rund 80 Zuschauer in die Mensa der IGS gelockt hatte – die gesundheitliche Zukunft der Krummhörn.

Volles Haus beim Thema Gesundheit: Zur letzten Ratssitzung der Gemeinde Krummhörn in diesem Jahr kamen rund 80 Zuschauer. Fotos: Lotta Groenendaal
Volles Haus beim Thema Gesundheit: Zur letzten Ratssitzung der Gemeinde Krummhörn in diesem Jahr kamen rund 80 Zuschauer. Fotos: Lotta Groenendaal

Um die steht es bekanntlich nicht so gut: Dass es in der Krummhörn, wie auch in vielen anderen ländlichen Regionen Deutschlands, an Haus- und Fachärzten fehlt, ist kein neues Problem. Die Umfrage „Heimatcheck Ostfriesland“ der ostfriesischen Verlage, die diese Zeitung im Frühjahr 2025 durchgeführt hatte, zeigte besonders in der Krummhörn ganz deutlich: Hier herrscht viel Frust bei der Arztsuche. Es fehle an Haus- und Fachärzten und erreichbaren Sprechzeiten, so die Teilnehmer aus der Krummhörn. Wer einen Termin brauche, müsse oft Geduld mitbringen – oder Mobilität.

Zwei neue Hausarztpraxen für Pewsum: Neubaupläne vorgestellt

Das sah auch ein Zugezogener so, der während der Ratssitzung auf den Besucherplätzen Platz genommen hat. Er sei vor etwa fünf Monaten mit seiner Frau aus Hessen in die Krummhörn gezogen, erklärte der Mann. Einen Hausarzt hätten die beiden noch immer nicht gefunden. Sie fahren noch alle drei Monate in die hessische Heimat, um Arztbesuche wahrzunehmen. Das sei doch kein Dauerzustand, beklagte er.

Das ehemalige Edeka-Gelände an der Manningastraße. Hier möchte die Praxis Janssen neu bauen. Foto: Heinz Wagenaar/Archiv
Das ehemalige Edeka-Gelände an der Manningastraße. Hier möchte die Praxis Janssen neu bauen. Foto: Heinz Wagenaar/Archiv

Jetzt gibt es aber zwei gute Nachrichten: Gleich zwei Hausarztpraxen in Pewsum planen einen Neubau und wollen expandieren. Sowohl die Mühlenpraxis als auch die Arztpraxis Janssen haben großes Interesse daran, jeweils ein Grundstück in Pewsum zu erwerben, um darauf neu zu bauen. Ihre Pläne stellten sie in der Ratssitzung vor. Ins Auge gefasst haben die Praxen einmal das Grundstück direkt neben dem Edeka-Markt Schröllkamp am Bunten Weg sowie das Grundstück des alten Edeka-Marktes nur wenige Meter weiter, an der Manningastraße. Der Vorteil: Beide Grundstücke liegen zentral und nicht weit weg von den bisherigen Standorten. Und sie befinden sich beide bereits im Besitz der Gemeinde Krummhörn.

Gemeinde Krummhörn unterstützt Hausärzte-Neubau

Diese begrüßt das Vorhaben mit offenen Armen, ließ die Verwaltung wissen. „Als wir vor vier Jahren den Gemeinderat gebildet hatten, hatten wir in der Krummhörn schon zwei Dinge: ein Edeka-Grundstück, das bereits zur Hälfte der Gemeinde gehörte, und große Erwartungen der Bevölkerung beim Thema der ärztlichen Versorgung“, sagte Bürgermeisterin Hilke Looden (parteilos).

Jetzt gibt es endlich eine Lösung für das Grundstück und auch einen ersten Ansatz, um dem Ärzteproblem entgegenzuwirken. „Die Praxis Janssen und die Mühlenpraxis wollen sich weiter hier verwurzeln, darüber freuen wir uns sehr“, sagte Looden. Dass zwei junge Familien nun neue Objekte suchen, sende ein deutliches Zeichen, dass die Familien planen, länger hier zu bleiben.

Erste Ideen: Moderne Hausarztpraxis mit Wohnungen und Physiotherapie

Noch befinden sich die Pläne beider Praxen für den Neubau im Anfangsstadium. Miriam Joza, die mit ihrem Mann Tobias Joza in der Mühlenpraxis tätig ist, stellte eine erste Idee für den Neubau vor. Ein zweigeschossiges Gebäude auf dem etwa 4000 Quadratmeter großen Grundstück zwischen dem Edeka-Markt und der Sportanlage soll es werden, mit ausreichend Platz nicht nur für die Hausarztpraxis selbst, sondern auch für eine separate Physiotherapiepraxis unter dem gleichen Dach. Die beiden Praxen könnten sich das Erdgeschoss teilen, so die erste Überlegung von Joza und dem Architekten Menno Mennenga. Im Dachgeschoss wäre dann noch Platz für etwa zehn Wohnungen, bezahlbar und barrierefrei. Bei der Größe der Wohnungen wäre viel Spielraum möglich: von kleinen Wohnungen ab etwa 20 Quadratmetern bis zu großen 120-Quadratmeter-Wohnungen wäre alles dabei.

In diesen Wohnungen könnte dann unter anderem das Personal der Praxen wohnen. Auch mit der Universität in Oldenburg wolle man zusammenarbeiten und Studenten für Praktika in der Praxis gewinnen, so Joza. Die kleineren Wohnungen könnte die Praxis selbst anmieten und für die Studenten bereitstellen, so die Überlegung. Die vorgestellten Pläne seien nur erste Skizzen. Noch habe man viel Raum für die konkrete Gestaltung, so Architekt Mennenga.

Hausärztemangel droht: Bedarf in Krummhörn steigt bis 2035 deutlich an

In der 400 Quadratmeter großen Mühlenpraxis soll Platz sein für fünf Ärzte. Zu dritt sind sie aktuell schon, es könnten sich also noch ein oder zwei Ärzte dazugesellen. Der Bedarf ist definitiv da: Wie Dieter Krott von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen erklärte, könnten sich in der Planungsregion Emden, zu der auch die Gemeinde Krummhörn gehört, noch sechs weitere Hausärzte niederlassen. Der Versorgungsgrad betrage 95 Prozent. Die Versorgungszahl durch Hausärzte wird laut Prognosen 2035 aber deutlich sinken.

Laut Prognosen wird der Landkreis Aurich im Jahr 2035 rund 41 Prozent weniger Hausärzte haben, sagte auch Helmut Hildebrandt von der Firma Opti-Medis. Die Firma hatte auf Anfrage der Gemeinde eine Bedarfsanalyse zur gesundheitlichen Versorgung in der Krummhörn durchgeführt und stellte die Ergebnisse in der Ratssitzung vor. Das Durchschnittsalter der Krummhörner Hausärzte betrage aktuell 61 Jahre.

Bürokratie, Personalmangel und Platznot erschweren Hausarzt-Alltag

Die Hausärzte hätten aber jetzt schon mit einigen Problemen zu kämpfen, die ihnen die Arbeit schwer machten. Punkte, die die Krummhörner Hausärzte selbst geäußert hatten, waren zum einen die hohe Belastung durch Bürokratie, aber auch die hohe Arbeitsbelastung. In der Gemeinschaftspraxis Janssen behandeln die Ärzte täglich zwischen 300 und 500 Patienten, sagte einer der dort ansässigen Ärzte, Dr. Temme Janssen, im Rat. Aber auch der mangelnde Wohnraum – sowohl für die Ärzte selbst als auch für das Personal –, zu wenig Personal, Nachfolgeprobleme und die geringe Standortattraktivität stellten Probleme dar.

Expandieren möchte aber auch die Hausarztpraxis Janssen trotzdem. Die Pläne seien noch nicht sehr konkret, sagte Temme Janssen. Aber man habe den Wunsch, das ehemalige Edeka-Gelände an der Manningastraße von der Gemeinde zu kaufen, um dort neu zu bauen. „Wir sind schon fünf Ärzte und wollen Platz für sechs Ärzte im Neubau“, sagte Janssen. Das jetzige Gebäude reiche einfach nicht mehr aus. „Wir haben vielleicht 20 Parkplätze, das reicht vorne und hinten nicht“, so Janssen weiter.

Konkrete Zeitpläne gibt es für den Neubau der Mühlenpraxis und der Praxis Janssen noch nicht. Aber es soll bald losgehen: „Die hausärztliche Versorgung muss in den nächsten Jahren gewährleistet werden“, sagte Temme Janssen. Mit der Planung von gleich zwei neuen Arztpraxen in Pewsum mit Potenzial für weitere Niederlassungen könnte die Gemeinde Krummhörn diesem Ziel schon bald etwas näherkommen.

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