Osnabrück  150 Euro für ein Trikot? Warum ich beim WM-Trikot der Nationalelf raus bin

Lucas Wiegelmann
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Von Lucas Wiegelmann
| 17.12.2025 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Cooler Typ, cooles Trikot: Stürmer Nick Woltemade mit dem Trikot, das die Nationalmannschaft auch bei der WM 2026 tragen wird. Foto: Imago/STUDIO FOTOGRAFICO BUZZI SRL
Cooler Typ, cooles Trikot: Stürmer Nick Woltemade mit dem Trikot, das die Nationalmannschaft auch bei der WM 2026 tragen wird. Foto: Imago/STUDIO FOTOGRAFICO BUZZI SRL
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Klar, alles wird teurer. Da mag es verständlich sein, dass auch die Trikots der deutschen Fußballnationalmannschaft für die WM 2026 mehr kosten als noch vor zehn Jahren. Aber so viel mehr? Ist das noch Inflation oder schon Abzocke? Unserem Autor jedenfalls reicht es.

Mein erstes Fantrikot einer Fußballmannschaft war von Borussia Dortmund, es war neongelb, und meine Eltern fanden es unverschämt teuer. Der Kassenzettel existiert nicht mehr, das war schon Anfang der Neunziger. Aber ich meine ziemlich sicher, dass das Trikot damals 60 Mark gekostet hat. Selige Kindheit.

Heute habe ich selbst Kinder, und ich überlege jetzt schon, wie ich es im Sommer bei der Fußballweltmeisterschaft mache. Als kleiner Junge habe ich mein Dortmundtrikot wirklich heiß und innig geliebt - ich habe es heute noch. Wenn meine Kinder sich im ganzen WM-Trubel irgendwann auch ein echtes Trikot wünschen, wäre ich der erste, der das verstehen könnte. Was gibt es auch Niedlicheres als winzige Jungs im Vorschulalter, die im heiligen Ernst als Manuel Neuer oder Nick Woltemade über den Dorfplatz wetzen? Nationalmannschaft ist Heimat - was denn sonst?

Nur: Was man für diese Trikots bezahlen soll, hat mittlerweile eine Dimension erreicht, die mich wirklich nachdenklich macht, ob da der Spaß nicht langsam aufhört.

Wer das ganze Ausmaß auf sich wirken lassen will, findet im Webshop des Ausrüsters Adidas die einschlägige Staffelung. Das „Deutschland 26 Heimtrikot Kids“ kostet demnach 75 Euro. Das alleine wäre schon eine krasse Steigerung im Vergleich zu meinem alten BVB-Trikot: Selbst wenn man die Kaufkraftentwicklung seit 1993 grob einrechnet, entsprächen die 60 Mark von damals heute vielleicht 50 Euro - der aktuelle Adidas-Aufschlag kommt also noch on top zur allgemeinen Inflation.

Aber wer seinem Kind ein „echtes“ Nationalmannschaftstrikot schenken will, kommt mit 75 Euro ja gar nicht hin! Die „echte“ Trikotversion, mit engerem Schnitt und aus dem Stoff, den auch die Profis auf dem Feld tragen, trägt die englische Ergänzung „Authentic“ im Produktnamen – und kostet 110 Euro. Wie gesagt: für ein Kindertrikot. Und zwar noch eines ohne niedlichen „Woltemade“-Schriftzug, der kostet noch mal 18 Euro Aufpreis.

Unnötig zu sagen, dass die Erwachsenenpreise wiederum noch einmal drastisch höher liegen. Dort kostet die Einsteigervariante, also das unechte Originaltrikot beziehungsweise originale Falschtrikot, 100 Euro und die „Authentic“-Version 150. Wiederum alles ohne Woltemades. Eine Familie mit zwei Fußball-begeisterten Eltern und drei Fußball-begeisterten Kindern - wovon in unserem Fall gottlob keine Rede sein kann - könnte also zur WM woltemadebereinigt leicht 425 Euro im Adidas-Shop ausgeben, also für die Holzklasse-Trikots. Für die „authentischen“ sogar 630. 

Und selbst das dürfte erst der Anfang sein: Ab 2027 rüstet ja erstmals der amerikanische Hersteller Nike die Nationalmannschaft aus, und um Adidas auszustechen, soll Nike dem DFB dafür jährlich 100 Millionen Euro geboten haben. Ich bin kein BWLer, aber möglicherweise, ganz-ganz möglicherweise, wird Nike dieses Investment wieder reinholen wollen. 

Dafür eignen sich Trikotverkäufe natürlich besonders gut. Der SWR hat während der EM 2024 recherchiert, welche Margen die Hersteller damit erzielen können - schon damals waren die deutschen Preise die gleichen. Demnach kostete ein Erwachsenentrikot (Basis-Version, nicht „Authentic“) damals in der Produktion etwa 11 Euro. Der DFB bekam 6,50 Euro Lizenzgebühr. Den Rest, also 82,50 Euro, teilte sich der Hersteller mit den Händlern. Klar, die müssen davon auch ihre Infrastruktur bezahlen, das Personal, die Miete und so weiter. Aber das mussten sie früher ja auch von den Erlösen neongelber Dortmundtrikots für 60 Mark. 

Nun geht es mir bei der Sache nicht um moralische Fragen. Preise können an sich weder fair noch unfair sein, sondern der Markt bestimmt sie, da bin ich ganz liberal. Und zumindest bislang findet dieser Markt den Adidas-Webshop offensichtlich unproblematisch. Das deutsche EM-Trikot 2024 in Rosa (Preis auch hier: für Erwachsene 100 Euro bzw. 150 Euro) war das meistverkaufte Auswärtstrikot des DFB aller Zeiten, und ich wiederhole gerne, dass ich die Anziehungskraft sogar verstehe.

Insofern kann ich gar nicht sagen, dass diese Trikots ihr Geld nicht wert wären. Was ich sagen kann, ist nur: Für mich persönlich sind sie es nicht wert, also bin ich raus, wie schon bei der letzten EM. Nur ein paar Tage vor der letzten WM, der in Katar, hatte ich mir im Adidas-Shop noch mal einen Trainingspulli von der Nationalmannschaft bestellt. Als er ankam, war Deutschland schon ausgeschieden.

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