Schleswig-Holstein Wenn Kinder für immer gehen: Jan und Maren, von ihren Eltern nie vergessen
Eltern wie Doris oder Volker tragen ihre Sternenkinder ein Leben lang im Herzen: Weltweit werden am 14. Dezember Kerzen für verstorbene Kinder entzündet. Welchen Trost Bischöfin Nora Steen in der Aktion sieht.
Wenn Doris gefragt wird, wie viele Kinder sie hat, sagt sie: „zwei“. Damit ist zum einen ihre kleine Tochter gemeint, die während des Gesprächs munter plappernd die Aufmerksamkeit ihrer Mutter einfordert. Aber auch Jan. Denn ihr Sohn, sagt Doris – die hier wie ihr Sternenkind einen anderen Namen bekommt – spielt nicht im Kinderzimmer nebenan. Er starb in der 20. Schwangerschaftswoche und Doris durchlitt die Wehen, als er viel zu früh den schützenden Leib der Mutter verlassen musste.
Auch für Volker ist sein Kind immer präsent. Er meldete sich in unserer Redaktion nach einem Bericht zu stillen Geburten.
Seine Tochter hatte gerade Geburtstag, erzählt er, Ende November wäre sie 32 Jahre geworden. Auch sie starb während der Schwangerschaft. „Sie ist still zur Welt gekommen“, sagt ihr Vater. Und er lebt seitdem mit dieser Stille: Er hat nie Marens Stimme gehört, ihr Schreien oder ihr Rufen. Vielleicht hätte er jetzt Enkelkinder.
Nora Steen, Bischöfin im Sprengel Schleswig und Holstein, ist Schirmherrin des schleswig-holsteinischen Verbands für trauernde Eltern und ihre Geschwister (VESH). In einem Grußwort schreibt sie zu verstorbenen Kindern: „Ich kann nur erahnen, was es bedeutet, wenn sich Träume, Hoffnungen und Wünsche für die gemeinsame Zukunft auflösen. Wenn Leere, Trauer und Verzweiflung den Alltag zeichnen.“
Bei der Aktion Worldwide Candle Lighting werden zum Gedenken an verstorbene Kinder Kerzen in die Fenster gestellt. Steen begrüßt den weltweiten Gedenktag, jährlich am zweiten Adventssonntag, um auf die Situation Betroffener aufmerksam zu machen:. „Wenn Kinder sterben, dann ist die Trauer grenzenlos und häufig erleben die betroffenen Familien ein großes Schweigen in ihrem Umfeld. Einfach deshalb, weil viele Menschen unsicher sind, wie sie mit einem so schrecklichen Schicksalsschlag umgehen sollen.“ Im besten Fall werde das Schweigen gebrochen und der Tod gesellschaftlich nicht mehr tabuisiert, sodass „die Familien auf ihrem Weg der Trauer Beistand statt Isolation erleben“.
Auch Doris und Volker verbindet, dass andere ihre Trauer oft nicht verstehen. Wenn das Kind vor seiner Geburtsreife gestorben sei, schildert Doris einige Reaktionen, es doch „schließlich kein richtiges Kind“ sei. Wenn Doris von ihrem Sohn spricht, nennt sie ihn immer beim Namen, seit er tot zur Welt kam. „Ich war Mutter, ob das Kind nun lebte oder nicht.“ Viele Menschen seien irritiert, weil sie Jan so selbstverständlich nennt und einbezieht.
Der Bundesverband für Sternenkinder und ihre Familien (BVKSG) schließt in den Begriff Sternenkindeltern alle mit ein, „die den Verlust eines Kindes während der Schwangerschaft, nach der Geburt oder im frühen Säuglingsalter erlitten haben“. Es spiele keine Rolle, wie alt das Kind war oder unter welchen Umständen es verstorben sei.
Genauso empfindet es Volker. Ihm ist wichtig, mitzuteilen, wie stark der Tod seiner Tochter sein Leben beeinflusst hat. Ein Kind, das sich nach quälenden fünf Jahren in der Kinderwunschbehandlung auf den Weg ins Leben gemacht hatte und mit dem so viele Hoffnungen verbunden waren.
Er beschreibt den Druck, dem das Paar vor der Kinderwunschbehandlung ausgesetzt war: „Meine Schwiegermutter fragt: Wann werden wir denn endlich Oma und Opa? Wir sind bei meiner Mutter und sie erzählt uns, wer von den Frauen in ihrer Straße schwanger ist. In der Familie und im Freundeskreis sind alle schwanger. Wir können es nicht ertragen und bleiben allein.“
Vor allem aber wollten die Eheleute eine Familie werden. Umso größer sei die Freude gewesen über den Nachwuchs, der sich endlich ankündigte. Stattdessen kam Maren tot zur Welt. Die Jahre danach seien sehr schwer gewesen, berichtet Volker, seine Ehe sei daran zerbrochen. Aber Vater bleibt er: „Meine Tochter trage ich in meinem Herzen. Bis zu meinem Ende.“