Hannover „Die Krise weitet sich aus“: Niedersachsens Industrie verliert massiv an Aufträgen
Niedersachsens Industrie leidet weiter unter schlechten Standortbedingungen, fehlenden Reformen und den Folgen der geopolitischen Krisen. Doch das wachsende Geschäft mit der Rüstung kann den Abwärtstrend etwas eingrenzen.
„Die Krise weitet sich aus“, warnt Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer des Industrieverbandes Niedersachsenmetall. „Niedersachsens Industrie befindet sich mitten im Abwärtstrend, sie kann sich von dem Einbruch der Industrie bundesweit nicht abkoppeln – im Gegenteil, sie verstärkt ihn noch.“
Im Oktober verzeichnete die niedersächsische Industrie dem Landesamt für Statistik zufolge insgesamt 42 Prozent weniger Aufträge, als noch im Jahr zuvor. Besonders aus dem Ausland fehlen die Aufträge: Im Export brachen die Bestellungen im Oktober auf Jahressicht um 57 Prozent ein.
In einigen für die niedersächsische Wirtschaft wichtigen Branchen wie der Metallindustrie hellt sich die Stimmung langsam auf: Die Nachfrage nach Metallerzeugung und -bearbeitung stieg im Jahresvergleich um 17 Prozent, bei Metallerzeugnissen um neun Prozent und auch der Maschinenbau konnte um drei Prozent zulegen.
„Die zum Teil erschreckend hohen Auftragsrückgänge unterstreichen die starke Abhängigkeit Niedersachsens von der Autobranche“, erklärt Niedersachsenmetall-Chef Schmidt. „Geht es der Autoindustrie schlecht, bekommen das besonders die mit ihr eng verwobenen Branchen schmerzhaft zu spüren.“ Der Fahrzeugbau ist beispielsweise für mehr als ein Viertel der Exporte Niedersachsens verantwortlich.
Zahlreiche Unternehmen der Autobranche haben einen Abbau von Arbeitsplätzen angekündigt. Bereits im März waren in der niedersächsischen Industrie 13.000 Jobs im Vergleich zum Vorjahr entfallen. „Und der Arbeitsplatzabbau hat sich nach unserer Einschätzung seitdem noch verstärkt“, berichtet Schmidt aus der Industrie. Die Gründe, die er aufzählt, sind bekannt: fehlende Wettbewerbsfähigkeit durch hohe Energiepreise, eine „mitunter perverse Bürokratie“ und gestiegene Arbeitskosten. Hinzu kommen das rückläufige China-Geschäft und die Auswirkungen der US-Zölle.
„Würde nicht die in Niedersachsen stark vertretene Rüstungsbranche immer wieder von Großaufträgen profitieren, wäre die Lage noch dramatischer“, erklärt Schmidt. So hat Rheinmetall in Unterlüß in der Lüneburger Heide die größte Munitionsfabrik Europas gebaut, eine weitere Ausweitung des Standortes soll bereits in Planung sein. „In anderen Bereichen reden wir eher über Verringerung von Arbeitsplätzen, hier über einen Aufwuchs“, sagte Landeswirtschaftsminister Grant Henrik Tonne bereits bei einem Besuch der Fabrik im Landkreis Celle Mitte des Jahres. „Das ist gut.“ In dem Bereich gebe es für Niedersachsen große Chancen. „Und die wollen wir gemeinsam angehen.“
Symbolisch werden diese neuen Chancen am VW-Standort in Osnabrück. Dort wird noch bis Spätsommer 2027 das T-Roc Cabrio gefertigt, danach aber ist die Zukunft bislang ungewiss. Seitdem gab es vor Ort, aber auch in der Landespolitik immer wieder Spekulationen, Rheinmetall könne das vergleichsweise kleine Autowerk übernehmen. Für VW-Chef Oliver Blume wäre das eine denkbare Option.
Rheinmetall-Chef Armin Pappberger hält den Standort für die Produktion beispielsweise militärischer Fahrzeuge auch für geeignet und überzeugte sich davon bei einem Besuch des Werks Anfang des Jahres selbst. Im Juli hieß es von Rheinmetall, eine Übernahme der Fabrik sei „im Spiel“. Sollte der Konzern mehr Kapazitäten benötigen, „würden wir sich bietende Optionen ernsthaft prüfen“, so die Aussage im November. Konkrete Verhandlungen gebe es aber aktuell nicht.
Besonders schlecht läuft es derzeit für den „sonstigen Fahrzeugbau“, unter den Sonder- und Nutzfahrzeuge fallen. Hier sind die Aufträge im Jahresvergleich sogar um 93 Prozent eingebrochen. Zwar gab es im Vorjahreszeitraum einige Großaufträge, die die Daten verfälschen. Trotzdem ist die Lage auch hier ernst.
Bei einem Besuch des VW-Werks Hannover, wo der Konzern Transporter produziert, versprach Ministerpräsident Olaf Lies vor wenigen Wochen: „Niedersachsen bleibt mit Unternehmen wie Volkswagen ein Schlüsselstandort der deutschen Autoindustrie.“ Elektromobilität bleibe zwar die „Leittechnologie“, man müsse aber „Tempo mit Machbarkeit verbinden“. Dazu setzte sich der Ministerpräsident emsig dafür ein, die deutsche Position in Brüssel zum Verbrenner-Aus hin zu einer Aufweichung zu verschieben.