Hamburg  „Kein Bedarf“ an Älteren: Warum die Bundeswehr die Altersgrenze für die Reserve beibehalten will

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 23.12.2025 10:50 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Nur bis zum 65. Geburtstag dürfen Reservisten zur Bundeswehr beordert werden. Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich
Nur bis zum 65. Geburtstag dürfen Reservisten zur Bundeswehr beordert werden. Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich
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Der Reservistenverband will die Abschaffung, Union und SPD wünschen sich vorsichtig Ausnahmen: Doch die Bundeswehr hält beinhart an der Altersgrenze für Reservisten fest. Aus diesen Gründen ist mit 65 für jeden Schluss.

Die Bundeswehr ist ein Ort ganz eigener Regeln. Während der mittlerweile 70-jährige Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) mit straffem Programm durch die Welt jettet und im Land über die Rente mit 70 debattiert wird, ist bei der Bundeswehr bereits mit 65 Jahren Schluss. Ganz gleich, ob es sich um einen schonenden Büroposten handelt. Egal, wie fit und vor allem wie gewillt jene sind, die sich noch bei der Truppe engagieren wollen.

Mit dem 65. Geburtstag endet für jeden in Deutschland der Status als Soldat: Reservisten können ab da nicht mehr auf einen Posten der Bundeswehr beordert werden. Den Reservistenverband stört diese pauschale Grenze schon lange. „Nehmen Sie den 66-jährigen pensionierten Arzt: Warum sollte er, wenn er will, bei der Bundeswehr als Reservist nicht Dienst leisten können, während er zivil so lange praktizieren kann, wie er will?“, fragte Präsident Patrick Sensburg exemplarisch im Gespräch mit unserer Redaktion.

Die Bereitschaft, sich auch mit über 65 bei der Ausbildung junger Rekruten oder auf andere Weise zu engagieren, ist bei diversen Reservisten vorhanden. Normalerweise müssten sie mit offenen Armen empfangen werden.

Die Bundeswehr braucht nicht nur mehr Soldaten, sondern auch mehr Reservisten, also jene Menschen, die schon mal bei der Bundeswehr waren. 200.000 sollen es bis 2035 sein. Sie werden benötigt, um im Ernstfall kritische Infrastruktur zu schützen oder an die Front nachzurücken. Laut Bundeswehr sind fast 57.000 Reservisten beordert, also offiziell von der Bundeswehr eingeplant. Für den Reservistenverband sind die „alten“ Reservisten dabei ein ungehobenes Potenzial. Rund acht Millionen Männer in Deutschland gelten als Reservisten, die wegen ihres zu hohen Alters nicht mehr zur Bundeswehr dürfen.

Die Bundeswehr selbst hält von der Abschaffung der Altersgrenze jedoch gar nichts, wie das Personalamt in Köln unmissverständlich klarstellt. „Reservistendienst über die allgemeine Altersgrenze von 65 Jahren hinaus entspricht zwar dem Wunsch einzelner Reservisten, bildet jedoch nicht den Bedarf der Streitkräfte ab“, so eine Sprecherin der Behörde aus Köln. Es bestehe ein besonderer Bedarf an jüngeren Reservisten, „da diese in der Regel über eine höhere körperliche Belastbarkeit sowie eine bessere langfristige Verfügbarkeit verfügen.“

Heißt: Jüngere sind fitter und man kann mit ihnen naturgemäß länger planen. Im Soldatengesetz sei auch klar festgeschrieben ist, dass ohne Ausnahmen niemand über 65 beordert werden darf. In den meisten anderen Ländern sind die Grenzen ähnlich, meist sogar etwas niedriger. Russland hatte 2023 die Altersgrenze für Generäle im Reservistendienst dagegen auf 70 Jahre hochgesetzt.

Was die Bundeswehr derzeit noch so strikt ablehnt, wird im politischen Raum offener behandelt. Claudia Moll (SPD), Mitglied im Verteidigungsausschuss, zeigte sich zumindest „grundsätzlich offen“ für eine Änderung der Altersgrenzen. Und der verteidigungspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Thomas Erndl (CSU), ging auf Anfrage sogar noch weiter: „Es spricht viel dafür, Ausnahmemöglichkeiten einzurichten und Fachwissen und Erfahrung diensttauglicher älterer Reservisten über das Alter 65 hinaus zu nutzen“.

2026 sei ein Gesetz zur Stärkung der Reserve geplant, da müsse auch dringend über Ausnahmen von der Altersgrenze gesprochen werden, meint der Politiker. Und wohl nicht nur darüber: Bei den aktuellen Reserveplänen der Bundeswehr ist auffällig, wie wenig Strategie es bislang gibt. Ein Großteil der Reservisten muss erst noch gefunden werden. Aktuelle Daten gibt es nicht. Die Zahl von 200.000 Reservisten bis 2035 wurde der Nato zwar versprochen und könnte durch den freiwilligen Wehrdienst auch erreicht werden. Unklar ist bislang, wie viele Reservisten dann auf Soldatenposten nachrücken und wie viele ausschließlich im Inland helfen – etwa beim Heimatschutz.

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