Ulm VfL Osnabrück nach 5:3 in Ulm: Wenn die Offensive mal die Defensive rettet
Der VfL Osnabrück galt in dieser Drittliga-Saison bislang nicht als Offensivmaschine. Beim 5:3 in Ulm rettete der effiziente Angriff zum ersten Mal die sonst so stabile Abwehr.
Der VfL Osnabrück schießt zum ersten Mal in dieser Saison fünf Tore, meldet sich nach zwei Niederlagen am Stück eindrucksvoll zurück in der Spitzengruppe der 3. Fußball-Liga und kann damit schon vor dem letzten Spieltag eine positive Bilanz der Hinserie ziehen. Das 5:3 in Ulm am Freitagabend zeigte, dass im Angriff dieser Mannschaft wohl doch mehr steckt, als man ihm lange zugetraut hatte - und er sogar in der Lage ist, der sonst so stabilen Defensive auch mal den Rücken freizuhalten.
Das Negative zuerst: Zum vierten Mal in dieser Saison kassierte der VfL mindestens drei Gegentore. Die Entstehung war zwar jeweils unterschiedlich, dennoch fielen alle drei nach einem ähnlichen Muster: Den beiden Toren kurz vor und nach der Pause zum 2:2-Ausgleich und dem letztlich bedeutungslosen 3:5 der Ulmer kurz vor Schluss gingen Flanken aus dem Halbfeld voraus, die der VfL schon in der Anfangsphase zu selten unterband.
Dazu gab es klare und offensichtliche Fehler: Beim 1:2 unterschätzte Niklas Wiemann den Pass in Richtung von Torschütze Dennis Chessa und bedrängte weder den Gegenspieler stark genug, noch orientierte er sich entschlossen Richtung Ball. Beim 2:2 kam Keeper Lukas Jonsson zu zögerlich aus seinem Tor - auch wenn die Flanke von Leon Dajaku Richtung Paul Besong perfekt geschlagen war. Beim 3:5 durch Elias Löder waren weder Kapitän Jannik Müller noch Wiemann nah genug am Angreifer - und Jonsson hätte diesen zentral geköpften Ball an einem besseren Tag wohl sicher abgewehrt.
Nein, defensiv - gerade in Sachen Strafraumverteidigung - war das alles andere als ein perfekter Auftritt. Seit langem mal wieder hat der VfL nun einen Gegentorschnitt von über eins pro Spiel (19 in 18 Partien). Die Abwehrkette hat die Osnabrücker in dieser Saison aber bereits mehrfach gerettet, weil vorne zu wenig ging. In Ulm war das andersherum: Die Offensive half der Defensive gewissermaßen aus der Patsche - und sorgte für den wichtigen Dreier.
Von der ersten Minute an wirkte der VfL zielstrebig - und traf so schon in der zweiten. Tony Lesueur, den Trainer Timo Schultz überraschend links aufbot, sprang in eine tolle Flanke von Fridolin Wagner, der zuvor nach einem Einwurf stark freigespielt worden war, und erzielte das 1:0. Es war das erste von drei fantastisch herausgespielten Toren: Das 3:2 durch Lars Kehl und das 5:2 durch Robin Meißner entsprangen Ballgewinnen im Mittelfeld, die der VfL nach herrlichen Kombinationen im Strafraum verwertete.
Dazu kam endlich mal wieder ein Tor nach einer Standardsituation. Das 2:0 durch Niklas Wiemann nach 16 Minuten war der erste Treffer nach einer Ecke seit dem 9. Spieltag (2:0 gegen Regensburg). Übrigens: Nie zuvor in diese Saison traf der VfL so früh - und dann gleich doppelt. Das 4:2 durch Kehl entstand nach einem Fehler des Ulmers Marcel Seegert, vor allem aber dank des hohen und aggressiven Pressings, durch das sich der VfL nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich aus dem Ulmer Druck befreite.
Fünf Tore auf unterschiedliche Arten und Weisen zeugen von Flexibilität und Qualität. Gerade der Offensive des VfL hatte man diese Attribute in der Saison bislang weitestgehend abgeschrieben. Aber zurecht?
Vor dieser Partie erzielten die Lila-Weißen erst 20 Tore in 17 Spielen. Und ja, das war eher die Bilanz eines Abstiegskandidaten als einer Mannschaft, die oben mitspielt. Aber sie ist - anders als in der öffentlichen Debatte gelegentlich besprochen - nicht die Folge davon, dass der VfL spielerisch schwach oder unkreativ wäre oder sich nicht genügend Möglichkeiten herausspielen würde.
Im Gegenteil: Selbst beim 0:1 gegen Wehen Wiesbaden vor einer Woche kamen die Osnabrücker in der ersten Halbzeit regelmäßig in aussichtsreiche Situationen im und um den gegnerischen Strafraum - eben weil die Offensive um Kehl, David Kopacz, Patrick Kammerbauer und vor allem Robin Meißner, der an allen fünf Toren gegen Ulm beteiligt war, zu den spielstärksten der 3. Liga gehört. Sie gehörte aber, bis zu diesem Freitagabend, auch zu den ineffizientesten.
Viele Torchancen entstanden in den letzten Monaten gar nicht erst, weil es im entscheidenden Moment doch in der Entscheidungsfindung haperte, der letzte Pass danebenging oder doch noch einmal abgedreht wurde, statt entschlossen zum Tor zu ziehen. Das war in Ulm gegen einen defensiv allerdings auch schwachen Gegner endlich mal anders. Nicht umsonst sprach Trainer Schultz vom „effizientesten Spiel der Saison“.
An diesem muss sich der VfL nun messen lassen. Es wird seiner Offensivabteilung aber auch Selbstvertrauen geben. Der Druck, der in den letzten Wochen vor allem auf Kehl und Meißner lag, war ihnen anzusehen. Beide bekamen im Grunde keine Ruhepausen, obwohl sie sie vielleicht mal gebraucht hätten. Aber sie sind eben Schlüsselspieler für den VfL und unersetzbar - vor allem, wenn Ismail Badjie wie aktuell verletzt ist und damit die vielleicht einzige Alternative von ähnlichem Format fehlt.
Nun hat Kehl seine ersten Tore aus dem laufenden Spiel heraus erzielt und Meißner nach fünf Partien wieder getroffen. Und noch mehr: Die gesamte Offensive hat dem VfL endlich mal ein Spiel gewonnen - nicht die Abwehr, eine Einzelaktion eines Jokers oder ein Tor nach einem Standard. Wenn das regelmäßig gelänge, ist das, was der Ulmer Trainer Pavel Dotchev auf der Pressekonferenz prognostizierte, zumindest im Bereich des Möglichen.
„Ich denke, dass ihr das packt mit dem Aufstieg“, sagte der Trainerfuchs in Richtung seines Kollegen Schultz. Der musste lachen - und erklärte schließlich professionell, dass ja nun alle Drittligisten grundsätzlich gerne aufsteigen würden. Nach 18 Partien muss man festhalten: Wenn beim VfL jetzt auch noch die Offensive konstant liefern sollte, steigen die Chancen auf den großen Wurf.