Osnabrück Etiketten statt Erkenntnisse: Wie sich der Generationen-Mythos verselbstständigt hat
Generationenlehre als Geschäftsmodell, Erzählung statt Erkenntnisse: Warum der Soziologe Marcel Schütz wenig von dem Gerede über die GenY oder GenZ hält.
Alle 15 Jahre wird eine neue Generation ausgerufen: Zuletzt hatten die zwischen 2010 und 2025 Geborenen als „Generation Alpha“ die GenZ abgelöst; nun kommt die „Generation Beta“. Woher kommt das eigentlich? Der Soziologieprofessor Marcel Schütz, der an der Hamburger Northern Business School und an der Uni Oldenburg lehrt, sieht in der „Generationenlehre“ nicht zuletzt ein Geschäftsmodell.
Frage: Herr Schütz, Sie hatten die Generation Y bereits vor Jahren als „Mythos“ bezeichnet. Trifft das auch auf die anderen immer wieder genannten Generationen wie X, Z oder Alpha zu?
Antwort: Ja. Für alle populären Generationslabels gilt: Sie sind starke Erzählungen, stellen aber keine wissenschaftlich belastbaren Kategorien dar. Sie unterstellen eine Homogenität, die empirisch nicht existiert. Soziologisch relevante Unterschiede verlaufen nicht entlang von Geburtsjahrgängen, sondern entlang von Bildung, sozialer Lage, Geschlecht, Migration oder regionalen Kontexten.
Antwort: Im Übrigen bestreitet ja niemand, dass sich Kindheit und Jugend 1960 von der im Jahr 1990 oder 2020 natürlich unterscheiden – im Fortgang der Gesellschaft verändern sich nun mal viele Dinge, Wertvorstellungen, Bedürfnisse und Anforderungen. Das notierte man schon in der Antike.
Frage: Wenn diese „Generationenlehre“ also ein Mythos ist – wo kommt der her, wer hat ihn erfunden? Und wie kommt es, dass er geradezu omnipräsent ist?
Antwort: Bei diesem Thema liegt die Deutungshoheit seit jeher außerhalb der Gesellschaftswissenschaften – vor allem außerhalb der Soziologie, die ja, akademisch gesprochen, eigentlich zuständig wäre. Beratungsfirmen, Karriereportale und Trendinstitute nutzen generationales Storytelling, weil es Aufmerksamkeit erzeugt und sich kommerziell verwerten lässt. Inzwischen reproduzieren Medien und Unternehmen diese Begriffe unhinterfragt automatisch; das hat sich verselbstständigt – weil ja alle davon reden. Die Popularität speist sich nicht aus Daten, sondern aus Erzählbarkeit.
Antwort: Und das „Schöne“ daran ist: Durch Wiederholen und Weitererzählen brennt sich alles ein. Man glaubt irgendwann „wirklich“ daran – und sieht sich bestätigt durch das, was man in der Gesellschaft beobachtet und in das Konzept einordnet. Ich unterstelle dabei gar keine großartig schlechten Motive. Es ist vielmehr ein hochsuggestiver Prozess.
Frage: Um die Generation Y hat es jahrelang einen regelrechten Hype gegeben. Haben Sie das in ähnlicher Form auch wieder bei der GenZ so erlebt? Oder der GenAlpha?
Antwort: In meinen Augen wiederholt sich das Muster praktisch grenzenlos. Aber ich verfolge diese nächsten Schlagwörter kaum noch. Es ist Neues vom Alten. Jede weitere Altersgruppe – die Jahrgangsgrenzen sind beliebig wählbar – wird mit Revolutions- oder Krisendiagnosen überladen: mal gelten sie als besonders werteorientiert, mal als arbeitskritisch, mal als technikvernarrt. Das ist Neuigkeitsdramatisierung. Bei der GenZ hat Social Media den Effekt verstärkt; bei der GenAlpha beginnt der Hype sogar, bevor diese Kinder überhaupt eigene Lebensentscheidungen treffen können.
Antwort: Dabei geht es im Kern doch um ziemlich erwartbare Anpassungen an Gesellschaft, die bei den jungen Menschen stattfinden – und die älteren Menschen bekanntlich nicht immer so zusagen, weshalb sie das dann auch auffällig finden.
Frage: Sprich: Die Älteren haben schon immer an den Jüngeren herumgemäkelt …
Antwort: Als Soziologe sage ich nicht, was gut und falsch ist im Anpassungsverhalten oder in den Bedürfnisstrukturen der jungen Leute. Mit Jahrgang 2004 oder 2014 sieht die technologische Realität natürlich anders aus als mit Jahrgang 1984. Großeltern und Enkel sind offenkundig deutlich verschiedener Generation. Ich bin daher auch nicht gegen den Alltagsbegriff Generation, sondern das, was alles hineinprojiziert wird. Diese Schlagworte kommen wie neue Automodelle auf den Markt.
Frage: Es hat sich ja ein recht fest umrissener Generations-Zeitrahmen etabliert, alle 15 Jahre kommt eine neue. Gerade wechselt die Generation Beta die Alphas ab …
Antwort: Dieser Rhythmus ist ziemlich willkürlich. Er schafft Scheinpräzision. Gesellschaftlicher Wandel hält sich nicht an 15-Jahres-Blöcke. Zu behaupten, man könne bereits wissen, wofür eine „Generation Beta“ stehen wird, ist spekulativ und kein Analysewerkzeug. Und noch mal: Natürlich sind 15 oder 20 Jahre eine Zeitspanne, in der sich eine ganze Menge in der Welt ändert – damit haben aber alle zu tun, nicht nur die jeweils jüngsten oder jugendlichsten Vertreter der Gesellschaft.
Frage: In einem Interview mit der „Zeit“ sagten Sie einmal, dass eine „wirklich soziologische Bearbeitung des Themas zu riskant und kompliziert wäre“. Hat sich daran etwas geändert?
Antwort: Ja, aber sie sieht anders aus als der populäre Diskurs. Seriöse Forschung untersucht konkrete Kohorteneffekte, etwa ob bestimmte Jahrgänge wirklich anders arbeiten wollen – und berücksichtigt gleichzeitig Alterseffekte und soziale Strukturen. Viele vermeintliche Generationsunterschiede lösen sich auf, sobald man diese Faktoren kontrolliert. Zum Beispiel gibt es nicht die eine Generation, die lieber im Homeoffice arbeitet oder früher aus dem Arbeitsleben aussteigen will – das wollen schließlich auch viele Ältere.
Antwort: Kurz gesagt: Es gibt durchaus interessante Ansätze, aber sie bestätigen nicht die dramatischen Narrative der wildwüchsigen Generationenlabels. Dass es biologisch bedingte Generationsunterschiede gibt und dazugehörige altersspezifische Neigungen und Präferenzen, Stile, Geschmäcker und Moden, die Jüngere und Ältere merklich voneinander abgrenzen, ist und bleibt selbstverständlich. So ist das Leben.