Hamburg Ulrich Tukur über Corona-Satire: „Keinerlei Anlass, mich zu entschuldigen“
In der Corona-Pandemie beteiligte Ulrich Tukur sich an der Satire-Aktion #allesdichtmachen von Regisseur Dietrich Brüggemann. Beim neuen „Tatort“ haben beide wieder zusammengearbeitet. Wir haben mit Tukur über die Aktion von damals gesprochen.
Im April 2021 – die Corona-Pandemie beherrschte das Land seit über einem Jahr – sorgte die Online-Kampagne #allesdichtmachen für Aufregung. 52 Filmschaffende hatten satirische Videos ins Netz gestellt, in denen sie die Corona-Maßnahmen kritisierten. Rund die Hälfte davon zog die Wortmeldung in der anschließenden Debatte wieder zurück. Einer der Organisatoren der Aktion war der Regisseur Dietrich Brüggemann. Zu den Künstlern, die ein Video aufgenommen hatte, gehörte auch Ulrich Tukur.
Vier Jahre später haben die beiden wieder zusammengearbeitet: Im „Tatort: Murot und der Elefant im Raum“ spielt Tukur wie gewohnt die Hauptrolle. Inszeniert wurde der TV-Krimi von Brüggemann. Gemeinsam mit dem Schauspieler blicken wir noch einmal auf #allesdichtmachen zurück.
Frage: Herr Tukur, den aktuellen Murot-„Tatort“ haben Sie wieder mit dem Regisseur Dietrich Brüggemann gedreht. Haben Sie am Set noch mal Ihre gemeinsame #allesdichtmachen-Aktion Revue passieren lassen?
Antwort: Es war Thema, aber nur am Rande. Er hat mir gedankt, dass ich damals nicht von der Fahne gegangen bin. Ich hatte ja nur ein Video von vielen beigesteuert. Er hatte die Aktion ins Leben gerufen und wurde dafür auch ordentlich fertiggemacht. Gedacht war #allesdichtmachen als satirische Kritik an einer Politik, die jede Alternative im Umgang mit Corona verwarf und keine Diskussion zuließ. Und dann ist die Aktion, auch zu unserer eigenen Überraschung, regelrecht explodiert. Dietrich Brüggemann ist das ziemlich nahegegangen. Auch, weil im Sturm der Entrüstung etliche Kolleginnen und Kollegen Angst kriegten und sich wieder zurückgezogen und entschuldigt haben.
Hier können Sie sich den #allesdichtmachen-Beitrag von Ulrich Tukur noch einmal ansehen:
Frage: Wie haben Sie die Reaktionen erlebt?
Antwort: Es war surreal, und die Reaktionen standen in keinem Verhältnis zu dem, was wir da angeblich verbrochen hatten. Ich habe keinerlei Anlass gesehen, mich zu entschuldigen. Warum denn auch? Es war eine satirische Aktion und für die gilt Artikel 5 des Grundgesetzes: Meinungsfreiheit. Ich finde unseren Einspruch auch heute noch richtig. Es war ja doch alles keineswegs so alternativlos, wie es dargestellt wurde. Und man hat durch diese herrische Politik sehr viel kaputt gemacht. Man konnte doch nicht einfach alles abschließen und das Leben anhalten; man hätte ja mal auch etwas mehr auf die Eigenverantwortung der Menschen setzen können.
Frage: Waren Sie von den Kollegen enttäuscht, die sich korrigiert haben?
Antwort: Ich fand es schade und ein bisschen feige. Ich hatte danach noch mit Jan-Josef Liefers Kontakt und habe ihm geraten, nicht zu kommentieren, was wir gemacht hatten. Es war in meinen Augen falsch, sich auf diese inquisitorischen Anklagen und Vorführungen einzulassen. Es wurde eine ganz grausliche, selbstgerechte Debatte. Ich habe damals einen Beitrag für die „Neue Zürcher Zeitung“ über diesen „Skandal“ geschrieben, eine Art Erzählung. Das war meine Art, mich auszudrücken. Ich lasse mich nicht von Journalisten oder Politikern in deren Feld vorführen und fertigmachen. Ich habe das Recht auf meine Art zu sagen: Mir passt das nicht. Und außerdem: Was darf die Satire? Die Satire darf alles.
Frage: Lustig sein sollte Satire auch. Und das Lachen ist damals nicht gelungen. War die Stimmung so, dass das nicht möglich war? Oder waren manche Beiträge vielleicht auch nicht so gelungen?
Antwort: Einige der Filmchen waren durchaus witzig, andere waren es nicht und lagen daneben. Mein Video war bestimmt auch nicht genial. Ich habe es in zehn Minuten gedreht, dann war ich wieder draußen aus dem schlimmen Haus. Erstaunlich waren die bösartigen Angriffe danach. Bei mir und Jan-Josef hat man sogar nach Berufsverbot geschrien. Ein gewisser Garrelt Duin von der SPD forderte, dass wir in den Öffentlich-Rechtlichen keine Rolle spielen mehr dürften. (Duin war damals Mitglied im WDR-Rundfunkrat, Anm. d. Red.)
Hier sehen Sie den „Tatort“-Regisseur Dietrich Brüggemann in seinem #allesdichtmachen-Beitrag:
Frage: Ihr Beitrag war natürlich auch gar nicht lustig angelegt. Sie hatten Rilkes Gedicht „Der Tod ist groß“ zitiert und dann ein Sicherheitsdenken kritisiert, bei dem man sich am besten gleich begraben lässt.
Antwort: Und dazu stehe ich immer noch. Ich bin bereit, das Risiko dieses Lebens einzugehen und das heißt auch, dass es schiefgehen und man im schlimmsten Falle dabei umkommen kann. Ich hatte während der Pandemie überhaupt keine Angst. Ich habe Abstand gehalten und in der Öffentlichkeit den Mundschutz getragen. Man kann die Gefahr und den Tod aber nicht wegadministrieren. Das Thema ist mit dem Ende der Pandemie auch nicht vom Tisch. Wir leben inzwischen in einer Art Nanny-Staat, der glaubt, er könne und müsse alles regulieren, die Bürger auf Schritt und Tritt beschützen und ihnen jede Eigenverantwortung abnehmen. Es fühlt sich an wie in einem betreuten Wohnen. Von da bis zum veritablen Überwachungsstaat ist es nur noch ein Schritt. Ich kann das einfach nicht akzeptieren. Ich will mein Leben in der eigenen Hand haben und bei aller Rücksicht auf meine Mitmenschen selbst entscheiden, wie viel ich bereit bin zu riskieren, um lebendig zu bleiben.