Hamburg Junkies, Bettler, Saubermacher: Eine Nacht am Hamburger Hauptbahnhof
Deutschlands Bahnhöfe gelten nicht erst seit Friedrich Merz’ „Stadtbild“-Bemerkungen als Grusel- und Ekelzonen, vor allem in der Nacht. Und Hamburgs Hauptbahnhof steht weit oben auf der Liste, wenn es um Kriminalität geht.
Wir haben uns umgesehen: Wer treibt sich dort herum, wer versucht, für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen? Muss man um seine Sicherheit fürchten, wenn von 23 bis 5 Uhr fast keine Züge mehr fahren? Protokoll einer sehr langen Nacht.
In der zweigeschossigen Wandelhalle am Südende des Bahnhofs steht eine sechs Meter hohe Tanne. Lichterketten umranken das Geländer. „Last Christmas” läuft über die Lautsprecher. Reisende schieben sich mit schwerem Gepäck durch die Halle. Pendler in Arbeitshose oder mit Aktentasche hetzen zur S-Bahn.
Nahe dem Haupteingang stehen zwei Männer der DB-Security. Sie tragen eine blaue Uniform, ein Funkgerät an der Hüfte. Es ist ihre fünfte Nacht. „Die S-Bahnen hören irgendwann auf, dann wird es hier ruhig”, sagen sie. Denn heute ist ein Donnerstag. Freitags und samstags ist „Durchfahrtnacht“, da gibt es rund um die Uhr Verkehr. Zu ihren häufigsten Aufgaben zählt es, Obdachlose aus den Bahnen zu holen, wenn diese über Nacht ins Depot fahren.
22 Uhr: An Gleis 14 strömen Menschen mit großem Koffer zum NJ471 - ein „Night Jet“ der Österreichischen Bundesbahn. Ziel: Zürich. Im Zug inspiziert ein Paar skeptisch die enge Schlafkabine. Um 22.09 rollt der Zug los. Breitbeinig steht eine Schaffnerin in blauer Uniform hinter der Tür, blickt auf die Leute auf dem Gleis zurück. Wir würden trotzdem gern mitfahren.
Eine halbe Stunde später spricht uns eine junge Frau mit roten Haaren an. Sie sei aus dem Frauenhaus geflogen. Jetzt fehlten ihr noch zwölf Euro für ein Bett im Hostel, sagt sie. Wir geben ihr zwei Euro. Sie bleibt kurz stehen, geht dann weiter zu anderen Passanten.
Im Laufe der Nacht werden wir ihr wieder begegnen.
Am Eingang des Bahnhofs direkt neben einem Pissoir und einem Blumenladen stehen junge Männer in kleinen Gruppen zusammen. Man kennt sich, klatscht sich ab. Alle rauchen. Auf dem Boden sitzen Menschen auf ihren Schlafsäcken und bitten Passanten um Geld.
Herumgammeln oder eilig fort von hier. Bis auf einen Mann in orangener Weste. Er wischt mit energischen Schwüngen die Treppe zum Gleis. Um 22 Uhr hat seine Schicht begonnen, bis zum Morgengrauen sind die Gleise 2 und 4 sein Reich. Die Arbeit sei gut. „Es kommt vor, dass Menschen mich beleidigen“, sagt er. Er ist schwarz. Auch ihn sehen wir – wie die rothaarige Bettlerin – im Laufe der Nacht häufiger.
Ebenso wie die beiden Bahnangestellten, die ihre zweite Nachtschicht am Infopunkt schieben. Bis zur Corona-Zeit hatte der Stand keine Fenster, wie ein Tresen in einer Arztpraxis. „Die Bahnchefs in Berlin meinen, das gehört zum ‚offenen Konzept‘ des Konzerns. Die haben gut lachen“, sagt einer von beiden sarkastisch. Als das Virus grassierte, haben sie einen Spuckschutz aus Plexiglas bekommen. „Es war ein Kampf, dass wir dann eine richtige Verglasung bekommen haben“, sagt der Mitarbeiter. „Die Aggressionen und Pöbeleien haben in den letzten fünf Jahren so krass zugenommen, heute würde sich niemand mehr ohne Schutzwand nachts hier hinsetzen.“
Vergangenes Jahr wurden hier am Hauptbahnhof von der Bundespolizei mehrere hundert Gewaltdelikte registriert. Schon früher war Hamburg bundesweit immer wieder an der Spitze bei Gewaltkriminalität an Bahnhöfen, etwa mit rund 300 Gewaltdelikten in einem Halbjahr. Die Statistik umfasst Körperverletzungen, Raubdelikte und gefährliche Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit. Hinzu kommen tausende Diebstähle und tägliche Drogendelikte.
Rund um den Infostand gehen die Rollläden runter. In einer Bäckerei sortieren Mitarbeiter übrig gebliebene Ware in rote Kisten. Ein Dönerverkäufer zieht mit einem feuchten Tuch über die Metallfläche seines Tresens. Auf der Infotafel werden nur noch vereinzelte Züge angezeigt.
Vor dem Südeingang ist der Zentrale Busbahnhof. Dahinter liegt ein kleiner Park, in dem erst nur schemenhaft etliche dunkle Gestalten auszumachen sind. Angezogen werden sie vom Drob Inn, einer auch in der Nacht besetzten und beleuchteten Suchtberatungsstelle. Hier können Abhängige unter sterilen Bedingungen Drogen konsumieren.
Bestimmt 200 Menschen halten sich hier auf. Viele tragen Kapuzen oder Schals bis über das Gesicht. Und eine junge Frau hantiert mit einer Crack-Pfeife herum, ihre Unterarme sind mit Lumpen verbunden. Die meisten vermeiden Blickkontakt, viele leuchten mit dem Handy in den Schmutz, auf der Suche nach Drogenkrümeln und Zigarettenstummeln.
Ein Mann ohne Beine sitzt im Rollstuhl tief vornüber gebeugt, sodass man sein Gesicht nicht sehen kann. Über seinem Kopf steigt dichter Qualm auf. In der Mitte des Parks steht ein Toilettengebäude, alle Zellen sind besetzt. Auf den schmutzigen Kacheln vor den Türen bereiten mehrere Männer ihre Utensilien für den Konsum vor. Im Gebüsch und an den Zäunen erleichtern sich gleichzeitig mehrere Menschen. Die Laute vermischen sich zu einem unwirklichen Stöhnen, Seufzen und Murmeln.
Vor der anderen, der nördlichen Seite des Hauptbahnhofs liegt das Containergebäude der Bahnhofsmission. Davor steht ein etwa 50 Jahre alter Mann, der sich beschmutzt hat, und möchte sich umziehen. Er wird aber nicht eingelassen. In den Bahnhof will er nicht. „Sorry, dass ich Kacke gesagt habe“, entschuldigt er sich höflich und zieht sich dann zwischen dem Gebäude und dem Taxistand um.
Die meisten Kneipen rund um den Hauptbahnhof haben inzwischen geschlossen. Wer Abstand zur offenen Drogenszene und zum Straßenstrich sucht, muss ein Stück weiter laufen. Nach zehn Minuten Fußmarsch finden wir noch ein Lokal mit warmer Küche, es ist ganz gut besucht. Am Nachbartisch sitzen vier Menschen und spielen ein Brettspiel. Für uns gibt es Bratkartoffeln, Schnitzel und ein Bier. Als wir um 2:30 Uhr aufbrechen sind wir die letzten Gäste.
Bei der Rückkehr in den Bahnhof macht auch die Weihnachtsmusik Pause. Kein einziger Zug steht im Bahnhof. Kein einziger Reisender an den Gleisen. Auch die Wandelhalle ist fast menschenleer, die Böden und Treppen sind gereinigt.
Im Gleisbett am westlichsten Bahnsteig arbeitet ein einsamer Mann in orangefarbener Jacke. Er trägt eine Stirnlampe und eine alte Bundeswehrmütze. Fast jede Nacht ist er hier. Heute verlegt er eine Stromleitung für eine Werbefläche. Für einen Moment ist er unsere einzige Gesellschaft und hilft uns durch den toten Punkt dieser Nacht.
Am Nordeingang, wo es zur U-Bahn geht, lehnt der Bahnhofsreiniger, der zuvor die Treppen gewischt hat, an einer Mauer und raucht eine Zigarette. Seit vier Jahren ist er für die Reinigung der Treppen und S-Bahn-Gleise zuständig. Er macht das gern, kann die Nachtzuschläge gut gebrauchen. Zuvor arbeitete er zwei Jahre in der Zugreinigung. „Da wurde ich dauern angepöbelt“, sagt er.
Auch hier am Bahnhof gebe es immer wieder harte Szenen, vor allem an den Wochenenden, mit betrunkenen Partyleuten oder Fußballfans. „Wenn es kritisch wird, rufe ich die Polizei. Die ist dann in wenigen Augenblicken vor Ort.“ Der 34-Jährige gebürtige Afrikaner will noch ein Jahr Nachtschicht hier machen und dann eine Ausbildung beginnen. „Bei der Bahn“, sagt er.
Zurück in der Wandelhalle sprechen uns zwei junge Männer an, 24 und 36 Jahre alt, und bitten um etwas Geld. Beide tragen Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, Jogginghosen, die Arme fest um den Körper gelegt. Sie schlafen auf der Straße, etwa 600 Meter vom Bahnhof entfernt. Hierher kommen sie, um kurz Wärme zu finden.
„Der Mäckes (McDonalds) hat 24 Stunden auf, und wir werden nicht sofort rausgeschmissen“, sagen sie. Seit sechs Tagen leben sie draußen. „Das ist hart, ich schlafe kaum“, sagt der Jüngere. Plätze in Notunterkünften seien schwer zu bekommen, außerdem fürchtet er, dort bestohlen zu werden. Auf die Frage, was er sich wünsche, sagt er: eine eigene Wohnung.
3:13 Uhr: Der erste ICE des Tages gleitet in den Bahnhof. Zwei Dutzend Passagiere mit verquollenen Augen und Umhängetaschen und ein Student mit Katzenkäfig warten, bis sich die Türen öffnen. Die Bettlerin mit den roten Haaren versucht bei ihnen erfolglos ihr Glück. Die Atmosphäre ist irgendwie unwirklich, aber nicht beängstigend. Um 3:20 Uhr startet der Zug Richtung München.
Auch draußen lässt der Tag nun auf sich warten. Auf dem Vorplatz hin zur Innenstadt lungern weiterhin einige Menschen herum. Im Tunnel zur S-Bahn liegt eine Frau in ihrem Schlafsack zur Seite gebeugt und schläft.
Ein Mann wankt auf die Bahnhofsmission zu, klopft an die Scheibe. Die Tür öffnet sich, und es gibt ein kurzes Gespräch, die Tür schließt sich wieder. Einige Minuten später gibt der Mitarbeiter dem Mann eine Banane. Damit zieht er von dannen.
Auch am Busbahnhof auf der anderen Seite herrscht noch Geisterstunde. Drei Männer überqueren die Ampel zum Park und gehen auf das Drob Inn zu. Dort hängt noch ein Dutzend Menschen herum, sie bewegen sich wie Untote. Orangefarbene Mülltüten flattern umher.
Zurück im Bahnhof kommt die Rothaarige wieder auf uns zu. Ihr gehe es schlecht, sie sei auf Hilfe angewiesen und werde ignoriert, sagt sie, wird laut, schimpft. Als wir ihr einen Zehn-Euro-Schein geben, kniet sie sich auf den Boden, beginnt zu weinen.
Im ersten Stock der Wandelhalle liegt McDonalds, der niemals schließt. In einer Ecke hält ein junger Mann seine zitternde Freundin im Arm und redet beschwichtigend auf sie ein. „Mein Plan wäre, dass ich ungefähr um 8 bei meiner Mum wäre, und dann hoffe ich, dass ich irgendwo einen Ersatzschlüssel finde, und dann geht es ab“, sagt er. „Ja, geil“, sagt sie, den Kopf an seinem Hals. „Hauptsache irgendwo ankommen, dann kann ich pennen.“
Vor McDonalds kehrt so etwas wie Alltag zurück. Es herrscht wieder dichtes Gedränge auf den Rolltreppen. An den Backständen stehen die Leute, die zur Frühschicht gehen, um Kaffee an. Der Sicherheitsmann von der DB Security, den wir zu Beginn getroffen haben, fährt heim. „Wenn ich zu Hause bin, ich sag’ mal, ’ne halbe Stunde, dann bin ich eingeschlafen.“ Für Sicherheit und Ordnung sind jetzt andere zuständig.