Osnabrück Vorbilder und Verbote: Was handysüchtige Kinder jetzt wirklich brauchen
Pornos und Gewalt sind nur einen Klick entfernt – der Ruf nach einem Social Media-Verbot für Kinder und Jugendliche wie in Australien wird lauter. Zu Recht? Warum wirksamer Jugendschutz mehr braucht als Gesetze – und warum Eltern dabei in den Spiegel schauen müssen.
Unzensierte Mordvideos, nach Kinderfotos lechzende Pädophile, Zugang zu Pornografie: Im Internet ist der menschliche Abgrund nur einen Klick entfernt. Doch auch Zeitvertreib, Bildungsformate und Blödeleien mit Freunden finden sich auf Tiktok, Instagram und Co. Nun diskutiert die Welt: Sollte es ein Mindestalter für soziale Medien geben?
Kinder und Jugendliche müssen wie bei anderen Suchtmitteln geschützt werden, sagen manche. In Australien gilt jetzt entsprechend ein Mindestalter von 16 Jahren für die Nutzung der wichtigsten Netzwerke.
Skeptiker eines Verbots hingegen verweisen auf das Recht von Kindern und Jugendlichen auf Teilhabe und darauf, dass sich auch das Leben der Heranwachsenden in einer durch und durch digitalisierten Welt eben nicht ins analoge Zeitalter zurückdrehen lässt. Was also tun?
Aufbruch, Demokratisierung, Freiheit – diese Hoffnungen knüpften frühe Enthusiasten ans Internet. Irgendwann wurde alles und fast jeder digitalisiert. Selbst an Schulen gilt ein Tablet ab der fünften Klasse vielerorts zur Standardausstattung. Dass nun nach drei Jahrzehnten allgemeiner Internetnutzung auf den Aufbruch eine Gegenbewegung mit mehr Regulierung folgt, ist üblich für Innovationen.
Unsere Gesellschaft lernt immer noch, ein gesundes Verhältnis zum Netz und insbesondere zu Social Media zu entwickeln. Was funktioniert und geboten ist, weiß niemand letztgültig. Jede Regulation sollte nur so lange gelten, bis wir es besser wissen.
Insofern kann ein Mindestalter bei Social Media einen Versuch wert sein. Es wird sich zeigen, ob Jugendliche dieses flächendeckend umgehen – oder ob es Eltern hilft, die Smartphone-Nutzung ihrer Sprösslinge besser zu begleiten.
Doch neben Gesetzen braucht es eine gesellschaftliche Neuorientierung. Kinder und Jugendliche imitieren Erwachsene. Wenn die Großen reflexhaft aufs Handy gucken, kopieren Heranwachsende das Verhalten. Und wenn Eltern ihren Kindern im Buggy-Alter ein Handy mit TikTok-Videos hinhalten, statt ihnen ein Buch vorzulesen, wird auch ein Verbot nicht helfen.
Unsere Gesellschaft muss insgesamt lernen, die digitale Sucht zu überwinden. Kinder brauchen besonderen Schutz, und Altersbeschränkungen sollten ein Teil dieses Versuchs werden. Genauso wichtig ist aber, dass Erwachsene lernen, das Telefon liegenzulassen. Ein Buch, ein Gespräch, ein Spaziergang sind mehr wert als 20 Minuten mit lustigen Videos.