Osnabrück  Landkreis Osnabrück registriert steigende Gewalt an Schulen – woran das liegen könnte

Raphael Steffen
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Von Raphael Steffen
| 12.12.2025 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Gewalt unter Kindern – und Gewalt gegen Lehrer oder andere Beschäftigte: An den Schulen sei das Aggressionspotenzial zumindest gefühlt gestiegen, sagen die Gewerkschaft GEW und der Landkreis Osnabrück. Foto: dpa/Oliver Berg
Gewalt unter Kindern – und Gewalt gegen Lehrer oder andere Beschäftigte: An den Schulen sei das Aggressionspotenzial zumindest gefühlt gestiegen, sagen die Gewerkschaft GEW und der Landkreis Osnabrück. Foto: dpa/Oliver Berg
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Nimmt die Gewalt an Schulen im Osnabrücker Land wirklich zu – oder ist es nur das übliche Schimpfen über die „Jugend von heute“? Gefühlt sei das Aggressionspotenzial gestiegen, sagen auch Gewerkschafter. Dabei lassen sich beunruhigende Tendenzen feststellen.

Es waren keine schönen Entwicklungen, die die Osnabrücker Kreisverwaltung im Sommer darlegte. Demnach zeichnet sich ab, dass Gewalt an den Schulen der Region zunimmt. Zumindest gaben dies die Leitungen einiger Landkreisschulen bei einer Abfrage an – wobei es sich nicht um eine einheitliche Datenerhebung, sondern um „Schlaglichter und teils subjektive Eindrücke“ handelt.

Es gibt demnach Unterschiede in Anzahl und Schwere der Vorfälle. „Während sich die Fallzahlen an der BBS Bersenbrück von unter fünf im Schuljahr 2016/2017 auf 15 im Schuljahr 2024/2025 (bis März 2025) verändert haben […], kann die Anzahl an der BBS Brinkstraße sowie Melle auf deutlich unter fünf Fälle im Schuljahr zusammenfassen“, hieß es damals in einer Vorlage. Jedoch sei ein massiver Anstieg an Gewalt, etwa am Gymnasium Bersenbrück, beobachtet worden.

Neben Vandalismus, psychischer Gewalt und Cybermobbing schlagen sich offenbar zunehmend gesellschaftliche Konflikte auf dem Schulhof nieder. So meldet die BBS Bersenbrück einen Anstieg an Fallzahlen aus „rechter und homophober Überzeugung“. Dort träfen unterschiedliche Altersgruppen, soziale Hintergründe und Bildungsniveaus aufeinander.

In Bramsche und Quakenbrück gab es Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Migrantengruppen – wenn zum Beispiel Ukrainer von Menschen, die bereits 2015 ins Land gekommen sind, als „Flüchtlinge Erster Klasse“ wahrgenommen werden. Mitunter werden zudem Frauen als Autoritätspersonen abgelehnt. An Förderschulen komme es täglich zu Gewaltvorfällen.

Alle diese Eindrücke können auch Wencke Hlynsdóttir und Birgit Ostendorf bestätigen. Beide engagieren sich in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) für die Interessen der Beschäftigten an den Schulen. „Gefühlt ist das Aggressionspotenzial gestiegen und die Hemmschwelle gesunken“, sagt Ostendorf.

Die GEW-Bezirksvorsitzende Hlynsdóttir erklärt, dass Gewalt durchaus nicht nur von Schülern ausgehe, sondern auch von Eltern. „Bei Problemen solidarisieren sie sich nicht selten mit dem Kind – gegen die Schule.“ Sie kann sich an einen Vorfall erinnern, bei dem ein Schulleiter in der Öffentlichkeit von einer Mutter als „Hurensohn“ beschimpft worden sei.

Solche Anekdoten kann wohl jeder erzählen. Gefühlt wird es also immer schlimmer. Doch belastbare Fakten gibt es wenige, und bei denen, die es gibt, wird von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen. Die Gewerkschaft will versuchen, mit einer Umfrage unter Beschäftigten für mehr Klarheit zu sorgen.

Denn natürlich drängt sich die Frage auf: Wie groß ist das Ausmaß des Problems wirklich? Über die „Jugend von heute“ wurde schließlich schon immer geschimpft, dabei war früher durchaus nicht alles besser. Und: Wenn sich die Lage tatsächlich bedenklich zum Negativen entwickelt, woran liegt das?

„Der Medienkonsum könnte eine große Rolle spielen“, glaubt Birgit Ostendorf. „Mangelnde Ressourcen“, fügt Wencke Hlynsdóttir hinzu: „Erziehungs- und Beziehungsarbeit braucht Zeit. Der Alltag ist vollgestopft, immer mehr Verantwortungsbereiche werden an die Schule ausgelagert. Dafür fehlen aber die Kapazitäten.“

Integration, Inklusion, Ganztag – die Klassen werden heterogener und offener, es gibt mehr Reibungen und weniger Zeit, um allen gerecht zu werden und Aggressionen rechtzeitig zu entschärfen. Das Kultusministerium überarbeitet gerade seinen Erlass zur Gewaltprävention an Schulen. Aber auch da, betont Hlynsdóttir, sei ausreichend Zeit eben die entscheidende Komponente. Dafür brauche es mehr Personal.

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