London Star-Autor im Interview: Wie peinlich sind Männer eigentlich, Herr Szalay?
Für „Was nicht gesagt werden kann“ hat David Szalay jetzt den wichtigsten britischen Literaturpreis erhalten. Das Buch beschreibt schonungslos ein Männerleben, Sex ohne Euphemismen und die Härten des sozialen Aufstiegs. Ein Gespräch über Scham, Humor und Heimatverlust.
David Szalay gilt als scharfer Beobachter europäischer Lebenswelten. In seinem jüngsten Roman „Was nicht gesagt werden kann“, für den er kürzlich den wichtigsten britischen Literaturpreis, den Booker-Prize erhielt, widmet er sich der Hauptfigur István und dessen oft rein körperlich gesteuertem Lebensweg. Als Leser fragt man sich unweigerlich: Wie peinlich sind Männer eigentlich?
Wir haben mit dem heute in Wien lebenden Autor darüber gesprochen, wie schwer es ist, nüchtern über Sex zu schreiben, warum London nach dem Brexit für ihn an Glanz verloren hat und warum ein missverstandener Witz in Großbritannien den sozialen Tod bedeuten kann.
Frage: Ihr Buch „Was nicht gesagt werden kann” folgt strikt der Perspektive der Hauptfigur István durch sein Leben. Besonders am Anfang, wo es ihm fast nur um Sex geht, habe ich gedacht: Wir Männer sind ganz schön peinlich.
Antwort: Ja, ich musste das Schamgefühl beim Schreiben quasi ausschalten. Als Romanautor muss man das bis zu einem gewissen Grad ohnehin immer tun, aber bei diesem Buch war es essenziell. Ich durfte mir keine Sorgen darüber machen, ob ich noch auf der „richtigen“ Seite des guten Geschmacks stehe. Ich habe sogar versucht, diese Peinlichkeit als etwas zu begreifen, das das Buch interessanter macht.
Frage: Es ist teilweise brutal ehrlich, wenn es darum geht, das Leben von Jungen im Teenageralter darzustellen.
Antwort: Ich hoffe es. Natürlich wollte ich nicht einfach schockieren, sondern so ehrlich wie möglich über das Leben von István zu schreiben. Und das bringt nun mal ein gewisses Maß an Schockmomenten mit sich.
Frage: Ist es für Sie unangenehm, Sexszenen zu lesen oder zu schreiben?
Antwort: Beim Lesen hat man oft die Sorge, dass es gleich für alle Beteiligten – den Leser und den Autor – furchtbar peinlich wird. Wenn man schreibt, will man das natürlich vermeiden. In anderen Büchern habe ich das oft durch Humor gelöst, indem ich es ins Komödiantische zog. Aber hier passte das nicht. Ich entschied mich, sehr nüchtern und direkt zu schreiben. Wichtig war: niemals andeuten, sondern immer aussprechen, was passiert. Keine Euphemismen, sondern die tatsächlichen Wörter benutzen. Aber es ist notorisch schwer, darüber zu schreiben, weil Sex eine so nonverbale Erfahrung ist. Es in Worte zu fassen, fühlt sich oft seltsam an.
Frage: Unsere Gesellschaft ist einerseits sehr sexualisiert, aber andererseits frage ich mich, ob sie wirklich begreift, wie stark Jungen und auch erwachsene Männer von Sex getrieben sind.
Antwort: Das war einer der Punkte, die ich mit dem Buch ausdrücken wollte: Wie sehr sexuelles Begehren und sexuelle Erfahrungen im Leben ausschlaggebend sein können. Sie können die gesamte Flugbahn eines Lebens verändern – übrigens nicht nur bei Männern. Die Vorstellung, das Leben sei eine Serie rationaler, bewusst getroffener Entscheidungen, entspricht nicht der Realität. Das Leben ist eher eine Reihe von Reaktionen auf Umstände, oft Reaktionen, die weder verbalisiert noch intellektualisiert werden, sondern physisch oder emotional sind.
Frage: Sie haben für das Buch eine sehr einfache Sprache und Satzstruktur gewählt. Wie fühlte es sich für jemanden wie Sie, der Sprache spielerisch beherrscht, an, so nüchtern zu schreiben?
Antwort: Es hat Spaß gemacht. Es ist eine stilistische Entscheidung, die nicht meiner eigenen Sprechweise entspricht. Aber dieser Stil war ein Mittel, um Dinge auszudrücken, die auf andere Weise schwer zu sagen gewesen wären. Es gibt Dinge, die man direkt nur schwer artikulieren kann, die sich aber indirekt durch diese stilistische Wahl und durch den Charakter vermitteln lassen. István ist ein relativ unartikulierter Charakter, er erklärt sich dem Leser nicht. Der Leser beobachtet ihn und muss sich sein eigenes Urteil bilden.
Frage: Sie haben eine Privatschule in London besucht und in Oxford studiert. Ihr Protagonist ist ein osteuropäischer Migrant, der in Großbritannien im Dienstleistungsbereich arbeitet. Wie schwer fiel es Ihnen, sich in diesen Charakter hineinzuversetzen?
Antwort: Obwohl ich in London relativ privilegiert aufgewachsen bin – wenn auch nicht reich –, ist mein Vater Ungar. Er wuchs im Ungarn der 40er und 50er Jahre unter viel schwierigeren Umständen auf. Meine Familie dort lebt sehr anders als die Londoner Mittelschicht. Zudem habe ich Cousins, die nach dem EU-Beitritt Ungarns 2005 nach London zogen und anfangs hart kämpfen mussten. Ich hatte also durch meine Familiengeschichte und meine eigene Zeit in Ungarn verschiedene Perspektiven auf dieses Gefälle zwischen dem reicheren Westen und dem ärmeren Osten Europas.
Frage: London ist bis heute ein globaler Sehnsuchtsort, aber Ihr Buch zeigt auch, dass die Stadt nur Spaß macht, wenn man Geld hat. Wie blicken Sie heute auf London?
Antwort: Das ist für mich ein sehr emotionales Thema, da London meine Heimatstadt ist. Ich erinnere mich an das London der 70er und 80er Jahre, vor der Ära des globalen Superreichtums. Dann gab es eine Phase, in der London so etwas wie das „New York Europas“ war – ein Ort unbegrenzter Möglichkeiten für Menschen vom ganzen Kontinent. Durch meinen britisch-ungarischen Hintergrund fühlte ich mich in diesem internationalen London sehr wohl. Seit dem Brexit hat sich das wieder geändert. London ist zwar immer noch reich, aber die Beziehung zu Europa ist zerbrochen. Das betrifft mich auch persönlich, da meine Identität durch den Brexit gewissermaßen in zwei Teile gebrochen wurde.
Frage: An einer Stelle im Buch wird gesagt, dass ein einziger „Fehltritt“ in Großbritannien alles kosten kann. Können Sie das erläutern?
Antwort: Es geht dabei mir um den britischen Humor. Dieser kann so unterkühlt und trocken sein, dass Außenstehende nicht merken, dass man scherzt. Im Buch gibt es eine Szene bei einem Dinner, wo István nicht weiß, ob sein Gegenüber eine Frage ernst meint oder einen Witz macht. Das Desaster lauert darin: Wenn sie scherzt und er die Frage ernst nimmt, wirkt er extrem langweilig und humorlos. Das wäre in diesem Kontext der soziale Tod.
Frage: Sie sind in London aufgewachsen, haben auch in Kanada und Libanon gelebt, dazu in Ungarn. Heute wohnen Sie in Wien. Wo fühlen Sie sich zuhause?
Antwort: Am ehesten in London, aber selbst dort nicht mehr ganz. Aber ich lebe seit 15 Jahren nicht mehr dort, und meine Gefühle dazu sind kompliziert geworden. Es gibt Orte in Südungarn, wie Pécs, wo die Familie meines Vaters herkommt, wo ich mich auch heimisch fühle. Aber dort werde ich immer ein Ausländer bleiben. Vielleicht schreibe ich deshalb immer über Charaktere, die nirgendwo ganz zu Hause sind und sich in einem Zustand des Transits befinden.