Osnabrück Spitzenteam? Dafür muss der VfL Osnabrück vor dem Tor effektiver werden
Die 0:1-Niederlage des VfL Osnabrück gegen den SV Wehen Wiesbaden offenbart die Probleme der Lila-Weißen gebündelt wie unter einem Brennglas: Die Schwäche ist die Effektivität am und im gegnerischen Strafraum. Die Gründe - und Lösungsmöglichkeiten.
Wenig Zugriff, kaum Offensivaktionen: „Inhaltlich nicht verdient“ seien die drei Punkte für seinen neuen Klub, sagte Daniel Scherning nach dem 1:0-Auswärtssieg des SV Wehen Wiesbaden. Und der Ex-Trainer des VfL Osnabrück nannte in der guten Ballzirkulation und den vielen Standards für Lila-Weiß weitere Gründe, wieso er selbst den VfL schon als Spitzenteam sieht und alle 14.212 Zuschauer eine optische Dominanz des Heimteams wahrgenommen hatten an jenem verregneten Nikolaus-Samstag an der Bremer Brücke.
Dinge, die auch Timo Schultz als Trainer des VfL Osnabrück unterstrich - nur den entscheidenden Punkt ging er nicht mit: „Der Sieg war nicht unverdient.“ Seine Begründung war denkbar einfach: Wehen hat ins Tor getroffen, der VfL nicht. „Es war ein super Schuss, ein geiles Ding“, so Schultz über die ansatzlose Abnahme von Fatih Kaya aus 26 Metern als Bogenlampe über VfL-Torwart Lukas Jonsson hinweg, die direkt unter der Latte einschlug.
Der zentrale Osnabrücker Abwehrspieler Theo Janotta hatte zuvor einen nicht gut getimten Pass auf Bjarke Jacobsen ins defensive Zentrum gespielt - den folgenden Ballverlust nutzte der ausgefuchste Wehen-Stürmer innerhalb von nur zwei Sekunden. Weil Wehen abseits davon offensiv nicht viel zustande brachte, darf der VfL als positive Erkenntnis mitnehmen, dass die Arbeit gegen den Ball stimmt und die Abwehr steht, genauso die Spieleröffnung von hinten heraus als Basis für spielerische Dominanz. Auch mit Janotta, der als Vertreter des gelbgesperrten Jannik Müller abseits des Gegentores ein gutes Spiel machte.
Die negative Erkenntnis aber wiegt aktuell schwerer: Einen Ausnahme-Offensivkönner wie Kaya, der mal aus dem Nichts ein Tor macht, vielleicht auch einen wie Marcos Álvarez in seinen besten Zeiten, hat der VfL nicht in seinen Reihen. Es fehlt ein Vollstrecker - und auch Torabschluss-Qualität in der Breite des Kaders. Osnabrück steht bei geschossenen Toren - 20 in 17 Spielen - auf Rang 18 der Liga, nur Schweinfurt und Aue sind schlechter. Gerade zu Hause ist das Problem eklatant: Acht Tore in neun Heimspielen sind ebenfalls eher die Bilanz eines abstiegsgefährdeten Teams. Seit dem 2:1 in Schweinfurt am 25. Oktober hat das Team in keinem Spiel mehr als ein Tor erzielt.
Klar ist: Solch eine Ausbeute wird auf Dauer nicht reichen, um oben mitzuspielen, egal wie gut die Defensive verteidigt. Die Aufgabe für die Fußballer sowie die sportliche Führung des VfL: Das Kapital der starken Abwehr, die immernoch Liga-Spitze ist, keinesfalls aufs Spiel setzen - dafür aber vorne die Trefferquote erhöhen. Möglich ist dies durch mehrere Dinge: Arbeit an den physischen Fähigkeiten und der geistigen Frische der Fußballer, Arbeit im Kollektiv zur besseren Finalisierung der Angriffe als Team - oder externe Verstärkung zur Hebung der individuellen Qualität.
Bei den ersten beiden Punkten sind vor allem die Fußballer selbst, aber auch das Trainerteam gefordert - Chefcoach Schultz hat die längst bekannten Baustellen nach dem Wehen-Spiel glasklar benannt. Torgefährliche Räume mit dem Ball zu erreichen, ist weniger das Problem. Sondern: „Wir schaffen es nicht, Halbchancen und gute Chancen zu nutzen. Und wir schaffen es mittlerweile auch nicht mehr, nach Standardsituationen gefährlich zu werden.“
Das letzte Tor nach einem Standard – in der Anfangsphase der Saison noch eine Stärke des VfL – liegt in der Tat inzwischen fast zweieinhalb Monate zurück, als Fridolin Wagner per Kopf zum 2:0 gegen Jahn Regensburg traf. Über Eckbälle wie damals erzeugt der VfL heute kaum noch Gefahr, obwohl es gegen den SVWW auch acht Stück davon gab. Bezeichnend dafür jene Ecke, als Patrick Kammerbauer stark Lars Kehl am Strafraum freispielte, dessen Volleyschuss aber am in die Schussbahn laufenden Mitspieler Jacobsen hängenblieb.
Im Kollektiv hätten sich die Osnabrücker auch in der 80. Minute besser verhalten können. Die Szene, als der eingewechselte Luc Ihorst rechts durchbrach, dient aber als Blaupause für die Probleme: Kein klares Angebot der Mittelstürmer Robin Meißner und Bernd Riesselmann, die beide auf den Pass vor das Tor lauerten, aber hinter Abwehrspielern nicht klar anspielbar waren - und weder sie noch irgendein ein anderer Osnabrücker besetzten den freien Raum am Elfmeterpunkt, in den Ihorst den Ball blind spielte, anstatt selber abzuschließen. Eine Szene, die viele Stichwörter bedient, an denen der VfL als Team und jeder einzeln arbeiten kann: Mut und Konsequenz beim Suchen des Torabschlusses, Abstimmungsverhalten und Laufwege, Strafraumbesetzung, Nachrückverhalten.
Und gibt es mal Abschlusschancen, fallen auch Defizite auf - etwa beim mit vier Treffern noch besten VfL-Schützen Meißner, der kurz vor dem Rückstand aus 14 Metern freie Schussbahn hatte, aber nur Wehens Janitzek traf. Oder bei David Kopacz, bei dem man zu oft das Gefühl hat, dass er eher den komplizierten Weg wählt als den Einfachen. Oder bei Lars Kehl, der momentan in einem Formtief steckt, ohne dass man ihm den Willen absprechen kann, den alle anderen auch zeigen.
Muss man am Ende also doch versuchten, ein Qualitätsdefizit auf dem Winter-Transfermarkt zu beheben? Die Frage wird Schultz mit Fußballdirektor Joe Enochs und dem Blick aufs Budget sicher intensiv diskutieren. Denn eines ist klar: Ein Winter-Transfer für die Offensive könnte Potenziale freilegen, die es beim VfL vielfältig gibt.
Etwa beim Thema Tempodribblings, wo Ismail Badjie (auch vier Tore) aktuell ausfällt und Tony Lesueur noch Zeit braucht, um auf Drittliga-Niveau zu kommen. Oder beim Thema Durchschlagskraft, wo ein echtes Brecher-Profil im VfL-Kader völlig fehlt wie Wehens Moritz Flotho oder dem nun für Kiel spielenden Marcus Müller. Oder beim Thema Zocker mit Torgarantie, wo man Wehens Kaya kaum bekommen wird - aber vielleicht ja Spieler mit Achterbahn-Verläufen im Karriereplan wie den inzwischen für Kölns Reserve regelmäßig treffenden Sargis Adamyan?
Noch ist das Zukunftsmusik - aktuell gilt es für die VfL-Fußballer, die richtige Antwort darauf zu finden, dass der VfL erstmals in dieser Saison zweimal in Folge verloren hat. In Ulm und gegen Stutgart II gilt es, die 30-Punkte-Marke zu überspringen - je deutlicher das gelingt, desto besser werden die Optionen für den Winter.