Paris  Der kreative Osten von Paris: Romainville als Europas größtes Kulturzentrum

Birgit Holzer
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Von Birgit Holzer
| 14.12.2025 10:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das neue Kulturzentrum Europas befindet sich im Osten der französischen Hauptstadt und zieht viele Künstler an. Foto: Manuel Abella
Das neue Kulturzentrum Europas befindet sich im Osten der französischen Hauptstadt und zieht viele Künstler an. Foto: Manuel Abella
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Nicht nur Familien, sondern auch Künstler zieht es seit Jahren in die östlichen Vororte der französischen Hauptstadt – dort ist noch Raum für Neues. Mit der Fondation Fiminco, geleitet von der Deutschen Katharina Scriba, hat sich das größte Kulturviertel Europas angesiedelt.

Behutsam flechtet Yosra Mojtahedi dünne Schlingen aus Ton um einen glatt gestrichenen Block, der wahlweise an Hüften oder Baumwurzeln denken lässt. Als „hybriden Körper“ bezeichnet die iranische Künstlerin, was da zwischen ihren flinken Händen entsteht. „Ich widme mich um das Verschwinden von Grenzen, auch zwischen Menschlichem und Pflanzlichem“, sagt die 39-Jährige. Später will sie ihr Werk mit Soft-Robotics-Technologie und Geräuschen anreichern. „Meine Arbeit ist multidisziplinär“, sagt Mojtahedi und lächelt. „Darum bin ich hier genau richtig.“

Seit September lebt sie in einer Künstlerresidenz des Kulturviertels „FAST“ (Fiminco Art Studios) in Romainville, rund drei Kilometer östlich von Paris. Hier kann sie sich an professionellen Werkzeugen und Technologien bedienen – von riesigen 3D-Druckern und Prägepressen bis zu CNC-Sägemaschinen. Es besteht keine Pflicht ein Ergebnis abzuliefern. Das erlaubt enorme Freiheit, sich auszuprobieren.

Die acht Werkstatt-Ateliers und knapp 150 Zimmer für Künstler und Studierende belegen nur einen Teil des Geländes in Romainville. Bis Anfang der 2000er-Jahre befand sich hier ein Industriegebiet mit 5000 Mitarbeitern des Pharmakonzerns Roussel-Uclaf. Davon zeugen noch Backsteingebäude und hohe Heizkessel.

Jahrelang lag die Fläche brach, bis 2019 das Immobilienunternehmen Fiminco über seine Stiftung auf insgesamt mehr als 120.000 Quadratmetern das Kulturviertel ansiedelte – das größte in Europa. Es beherbergt Galerien, Ausstellungs-, Probe- und Lagerräume für 22 Organisationen.

Während Yosra Mojtahedi an ihrem Keramikwerk arbeitet, probt das Ensemble des Pariser „Théâtre du Châtelet“ ein paar Häuser weiter das Musical „La Cage aux folles“ („Ein Käfig voller Narren“). Lauter, rhythmischer Gesang dringt durch die Tür eines einstigen Fabrikgebäudes. Ein Teil des Pariser Ablegers der New Yorker Design-Hochschule Parsons School of Design kam ebenso auf dem Gelände unter wie die Musikschule Yamaha Music School.

Eine Art „kleiner Bienenstock“ entstehe, sagt Katharina Scriba, Direktorin der Fondation Fiminco, um sich schmunzelnd gleich selbst zu berichtigen: „Oder vielmehr: ein großer Bienenstock.“ Ziel sei es, ein „kulturelles Ökosystem“ zu schaffen, um die Begegnung von Künstlern verschiedenster Disziplinen, Nationalitäten und Generationen zu fördern.

Das Kulturviertel sei für alle offen, betont die Deutsche, die zuvor das Kulturprogramm des Goethe-Instituts in Paris geleitet hat. Regelmäßig kommen Schulklassen und Familien. „Wir wollen ein Anziehungspunkt für Pariser Kulturinteressierte und internationale Gäste sein und suchen zugleich die Verbindung mit der Nachbarschaft.“

Romainville gehört zum Departement Seine-Saint-Denis im Nordosten der Hauptstadt. Wenn sich die Medien ihm widmen, geht es meist um die zahlreichen sozialen Brennpunkte. Die Bevölkerung ist im Verhältnis jung und hat oft einen Einwanderungshintergrund. 28,4 Prozent der Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze, fast doppelt so viel wie im Landesdurchschnitt.

Einige dieser Banlieues wie Pantin, Montreuil und eben auch Romainville durchlaufen seit einigen Jahren einen spektakulären Wandel. Sie verzeichnen ein starkes Wachstum, da viele Familien aus dem teuren, engen Paris auf die andere Seite der die Metropole einschließenden Ringautobahn wechseln. Die Immobilienpreise sind nur rund halb so hoch, stiegen aber kontinuierlich. Angesichts der neuen Bewohner öffneten Bioläden, lokale Bierbrauereien, Jazzkeller und hippe Cafés.

In Pantin befinden sich neben dem nationalen Zentrum für Tanz eine Reihe Kulturinstitutionen, Stadtbauernhöfe und Vereine für kulturelle Vermittlung. Vor zwölf Jahren siedelten sich die Modeunternehmen Chanel und Hermès mit Büros und Werkstätten an.

Durch die Verlängerung von insgesamt vier Metrolinien in das Departement Seine-Saint-Denis im Rahmen von Europas größtem Infrastruktur-Projekt „Grand Paris Express“, das der damalige Präsident Nicolas Sarkozy ab 2007 anstieß, wird der Nordosten zunehmend besser angeschlossen. Was heute noch als Ballungsraum gilt, soll mit der Hauptstadt zusammenwachsen und zum „Groß-Paris“ werden.

„Man sieht die Porosität zwischen Paris und den anliegenden Vorstädten, die Leute fahren mit dem Rad über eine Stadtgrenze, die eigentlich keine mehr ist“, sagt Katharina Scriba. „Es war längst Zeit, ein kulturelles Angebot zu schaffen, das dieser Dynamik Rechnung trägt.“ Die Fiminco-Stiftung verfüge über etwas, an dem es in Paris fehle: Raum und die Öffnung hin zu einem neuen Publikum.

Die Geografin Anne Clerval, Autorin des Buchs „Paris ohne das Volk. Die Gentrifizierung der Hauptstadt“, erforschte die Verdrängungsmechanismen, die es in Paris gegeben hat. Die ärmere Arbeiterschaft bewohnte traditionell den Osten der französischen Metropole, die Bourgeoisie den Westen. Im Zuge der Deindustrialisierung ab den 1960er Jahren wurden die Arbeiter allmählich von der Mittelklasse ersetzt und zogen oft weiter in die östlichen Vororte.

Doch die Entwicklung setzt sich fort. „Der Herausforderung für diese Städte besteht darin, auch für die einkommensschwachen Bevölkerungsschichten zugänglich zu bleiben“, mahnt Clerval.

In Montreuil beläuft sich der Anteil der Sozialwohnungen auf ein Drittel, in Pantin auf 38 Prozent, in Romainville gehören laut Rathaus sogar fast 50 Prozent zum Sozialwohnungspark. Zugleich haben sich die Immobilienpreise in Pantin und Romainville in 20 Jahren mehr als verdoppelt, in Montreuil sogar fast verfünffacht.

Wo einst verrufene „No Go-Areas“ lagen, handelt es sich heute um Orte, die für jüngere Menschen und Künstler attraktiver sind als jede andere Gegend in und um Paris. Die „New York Times“ verglich Pantin sogar mit Brooklyn, jenem besonders vielfältigen und kulturell lebendigen Stadtteil von New York City.

Paris sei erstickt, die Kreativität eingeschlafen, sagte darin der Direktor der Philharmonie, Olivier Mantei, die im äußersten Nordosten der Stadt liegt und mit der die Fondation Fiminco eine Partnerschaft pflegt. Das künstlerische Zentrum der Stadt verlagere sich an ihre äußeren Ränder und darüber hinaus – „dorthin, wo Platz, Vielfalt, Innovation und Luft sind“. Dorthin, wo noch Raum für Neues ist und enthusiastisch angenommen wird.