Hamburg  Wehrdienst-Debatte ohne die Betroffenen: Gehört die Debatte in die Schulen?

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 05.12.2025 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ab Graf-von-Stauffenberg-Gymnasium in Osnabrück geschah das, was woanders so oft vermisst wurde, im ganz großen Rahmen: Verteidigungsminister Boris Pistorius debattierte mit Schülern über den neuen Wehrdienst. Foto: André Havergo
Ab Graf-von-Stauffenberg-Gymnasium in Osnabrück geschah das, was woanders so oft vermisst wurde, im ganz großen Rahmen: Verteidigungsminister Boris Pistorius debattierte mit Schülern über den neuen Wehrdienst. Foto: André Havergo
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Beim Wehrdienst haben die Parteien monatelang über die Zukunft junger Menschen gestritten - ohne die Jugendlichen. Hätte das nicht zumindest in den Schulen stattfinden müssen? Was ein Schulleiter und ein Schülervertreter dazu sagen.

Die Reaktion von Verteidigungsminister Boris Pistorius war deutlich: „Welche Wehrpflicht, zum Teufel?“, fragte er im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung am Graf-Stauffenberg-Gymnasium in seiner Heimatstadt Osnabrück. Eine überraschend heftige Aussage. Denn dass der neue Wehrdienst freiwillig bleibt, war zu diesem Zeitpunkt erst eine Woche alt. Zuvor hatten die Regierungsparteien monatelang darum gestritten, welche und wie viele Pflichtaspekte sie in das neue Gesetz kippen wollen. Denkbar, dass nicht alle der rund 200 Besucher in der Schulaula schon auf dem neuesten Stand waren. Sie hatten sich eingefunden, um mit dem Verteidigungsminister über das zu sprechen, das so lange ohne sie diskutiert wurde.

Sicher auch kein Zufall, dass zum 5. Dezember, dem Tag der Bundestagsabstimmung zum neuen Wehrdienst, bundesweit Schulstreiks „gegen die Wehrpflicht“ angekündigt wurden, obwohl es gar keine Wehrpflicht gibt. Eine Befragung des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr ergab zudem, dass 58 Prozent der 16- bis 29-Jährigen einen neuen Wehrdienst nicht als notwendig erachtet. Alle älteren Gruppen waren mehrheitlich für einen neuen Wehrdienst. 

Was den Auftritt von Pistorius in der Osnabrücker Schule zur Ausnahme macht und die „Schulstreiks“ gegen Wehrpflicht erklären könnte: Im Schulunterricht war die Wehrpflicht-Debatte offenbar kaum ein Thema, wie auch Quentin Gärtner bestätigt. Als Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz hatte er bis zu seiner planmäßigen Ablösung diesen November immer wieder um Gehör der Schüler gekämpft. Dabei gehe es weniger darum, ob die Jugendlichen eher für oder gegen eine Wehrpflicht sind: „Es gibt beide Seiten: Kriegsangst bei den einen und ein Verantwortungsgefühl bei anderen.“

Doch die ganze Debatte war weit weg. „Wir sitzen in Schulen, in die es hereinregnet, haben die Corona-Pandemie mitgemacht, dabei den Kopf hingehalten und müssen demografischen Wandel und Klimakrise künftig ausbaden. Und jetzt sollen wir auch noch zum Wehrdienst, ohne dass man uns einbezieht“, sagte er unserer Redaktion. Dass die Debatte im Unterricht selten behandelt wurde, überrascht ihn nicht: „Die Schule traut sich oft nicht an die grundsätzlichen Themen heran“. Dabei habe eine mögliche Wehrpflicht, aber auch die Katastrophe in Gaza viele junge Menschen politisiert. 

„Stattdessen habe ich in gleich drei Klassenstufen darüber diskutiert, ob man eine Schuluniform einführen sollte.“ Die Schuld gebe er nicht den Lehrern, der Politikunterricht sei vom Lehrplan her einfach zu vollgestopft mit Theorie.

Hätte die Wehrpflicht-Debatte in die Schule gehört? Dahin, wo die Betroffenen ohnehin täglich sitzen? Sven Winkler glaubt nicht. Der Oldenburger Schulleiter ist Vorsitzender des Allgemeinen Schulleitungsverbandes Deutschland (ASD) und meint: „Schulen können nicht immer alles richten. Natürlich sind sie ein wichtiger Part der Erziehungszeit, aber die politischen Entscheider können sich da nicht herausnehmen“, sagte er unserer Redaktion.

Darüber hinaus sei er ganz bei Quentin Gärtner. Die Debatte hätte viel mehr von den Jugendlichen selbst geführt werden müssen. „Strukturiert und organisiert von denen, die den Wehrdienst umsetzen wollen“. Sprich: den Regierungsparteien.

Die mangelnde Einbeziehung der Jugendlichen bei der Wehrpflicht sei keine Ausnahme, da sind sich Schulleiter- und Schülervertreter einig. Praktische Demokratieerfahrung in der Schule fehlt. „Im Unterricht wird Demokratie kaum gelebt. Dass nicht jeder junge Mensch als überzeugter Demokrat die Schule verlässt, ist traurig, aber vor dem Hintergrund kein Wunder“, meint Gärtner. Und Schulleiter Winkler betont: „Es entsteht eine immer höhere Skepsis für demokratische Prozesse.“ Und diese Skepsis werde größer, wenn junge Menschen immer wieder merken, dass sie gar nicht gehört werden.

„Wir müssen dafür sorgen, dass Schüler die eigene Wirksamkeit erfahren. Damit beugen wir auch extremistischen Strömungen vor“, so Winkler weiter. Selbst etwas bewirken können: Die von Schülern selbst organisierten Demos am Freitag sollen genau dieses Gefühl bestärken. Denn auch wenn die Wehrpflicht-Debatte über die Schüler hinweggeführt wurde, komplett vorbeiging das Thema an ihnen nicht, wie Gärtner schätzt. „Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass alle Schüler bereits mitbekommen haben, dass da irgendwelche Älteren von ihnen fordern, zur Bundeswehr zu gehen“.

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