Osnabrück  Osnabrücker Schulleiter und Uni-Experte sehen zweite Fremdsprachen in Gymnasien bedroht

Meike Baars
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Von Meike Baars
| 03.12.2025 06:48 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Wer belegt in der elften Klasse künftig noch Latein, wenn zweite Fremdsprachen keine Pflicht mehr sind? Foto: dpa/Ingo Wagner
Wer belegt in der elften Klasse künftig noch Latein, wenn zweite Fremdsprachen keine Pflicht mehr sind? Foto: dpa/Ingo Wagner
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Elftklässler auf niedersächsischen Gymnasien sollen ihre Kurse künftig freier wählen dürfen. Was gut klingt, alarmiert Sprachliebhaber in Osnabrück. Sie befürchten, dass die Reform nicht weniger als das Aus für zweite und dritte Fremdsprachen in der Oberstufe bedeutet. In Hannover sieht man das anders.

Wer künftig die elften Klassen eines Gymnasiums in Niedersachsen besucht, soll sich seine Fächer freier als bisher zusammenstellen dürfen. Das sieht eine Reform des Kultusministeriums vor. Sie schaffe „mehr Freiräume für unsere Schulen“ und „stärke die individuelle Profilbildung der Schüler“, wirbt Ministerin Julia Willie Hamburg (Grüne). Ab Sommer 2027 sollen die neuen Regeln gelten.

Was nach einer guten Sache klingt, ruft allerdings Kritiker auf den Plan. Sie befürchten, dass die Neuerungen in der Praxis das Gegenteil dessen bewirken, was sie erreichen wollen. Statt mehr Wahlfreiheit könnte es künftig weniger Kursangebote geben, sagt etwa Sebastian Bröcker, Schulleiter des humanistisch geprägten Ratsgymnasiums in Osnabrück und selbst Lateinlehrer. Vor allem Kurse der zweiten und dritten Fremdsprachen könnten wegfallen, fürchtet er. 

Um diese Sorge zu verstehen, muss man tiefer in die Details der geplanten Neuerungen einsteigen. Frühere Pflichtfächer für Elftklässler hebt die Reform in den sogenannten Wahlpflichtbereich. Aus diesem Bereich müssen die Schüler künftig nur noch einen Teil der Fächer belegen – andere können sie streichen. Dabei dürfen sich die Schüler in einem vorgegebenen Rahmen nach ihren eigenen Vorlieben und Stärken richten.

In diesen Wahlpflichtbereich gehören nach der Reform auch die zweiten und dritten Fremdsprachen, ebenso etwa die Fächer Geschichte und Politik. Künftige Elftklässler, die sich zum Beispiel eher naturwissenschaftlich weiterentwickeln wollen, müssten keine zweite Fremdsprache mehr wählen. Bisher war das in der elften Klasse noch Pflicht. Meist belegten die Schüler Spanisch, Französisch oder Latein.

Weil es gleichzeitig strikte Regeln dafür gibt, wie viele Wochenstunden Elftklässler belegen müssen (es sind 30) und mit wie vielen Wochenstunden im Stundenplan zweite Fremdsprachen im Gegensatz zu anderen Fächern zu Buche schlagen (drei statt zwei), könnten Schüler eher geneigt sein, die zweite Fremdsprache abzuwählen, glaubt Bröcker. Es sei schwieriger, die ungerade Fächerzahl zu kombinieren, um im Schnitt auf 30 Wochenstunden zu kommen. 

Ein weiteres Hemmnis für Fremdsprachenkurse könnte künftig die Vorgabe sein, wie viele Schüler im Schnitt einen Kurs belegen müssen. Der sogenannte Klassenteiler bleibe nach der Reform unverändert bei 26, heißt es aus Hannover. Wenn sich aber deutlich weniger Elftklässler für Französisch oder Latein entscheiden als bisher, könne die entsprechende Kursstärke womöglich nicht annähernd erreicht werden, befürchtet der Schulleiter des Ratsgymnasiums. Die Konsequenz: Wollen beispielsweise nur 15 Schüler Französisch belegen, kommt der Kurs nicht zustande. „Die sprachaffinen Schülerinnen und Schüler werden benachteiligt. Das ist meine Sorge.“

Sie geht so weit, dass das Ratsgymnasium Eltern dazu aufruft, sich an einer Online-Petition gegen die Reform zu beteiligen. „Die Zukunft der zweiten und dritten Fremdsprachen in Niedersachsen steht auf dem Spiel“, heißt es darin. Schulleiter Bröcker hält das nicht für übertrieben. 

Im niedersächsischen Kultusministerium gibt man sich derweil gelassen. Von einem möglichen Aus „der zweiten und dritten Fremdsprache kann überhaupt nicht die Rede sein”, teilt ein Sprecher auf Anfrage mit. Welche Kurse in der gymnasialen Oberstufe angeboten werden, entscheide künftig wie auch jetzt schon jede Schule eigenverantwortlich. 

Die Sorge, dass das Angebot infolge der Reform zurückgehen werde, hält das Ministerium für unbegründet. „Die Befürchtung, dass Fremdsprachen in Zukunft weniger angewählt werden, unterstellt, dass Schülerinnen und Schüler Fremdsprachen derzeit nur belegen, weil sie dazu ‘gezwungen’ würden“, so der Sprecher. Und weiter: „Das Gegenteil ist der Fall – viele Schülerinnen und Schüler tun dies derzeit und auch in Zukunft aus eigener Motivation.“

Ohnehin gehe Niedersachsen bei zweiten Fremdsprachen sogar eher voran, als dass es hinterherhinke, hebt das Ministerium hervor. Künftig erhalten Schüler von der 6. bis zur 10. Klasse Unterricht in einer zweiten Fremdsprache – und damit ein Jahr länger als von der Kultusministerkonferenz vorgegeben. 

Wer sich indes dazu entscheidet, die zweite Fremdsprache in der 11. Klasse abzuwählen, der kann sie nicht in Stufe 12 und 13 wieder aufgreifen. „Ein Fach, das als Prüfungsfach gewählt werden soll, muss in der Einführungsphase mindestens für ein Schulhalbjahr belegt worden sein”, stellt der Sprecher klar. 

Vor den negativen Folgen einer früheren Abwahl der zweiten Fremdsprache warnt indes auch Mark Bechtel, Professor am Institut für Romanistik und Latinistik an der Uni Osnabrück. Denn „der Wert einer zweiten Fremdsprache für die Persönlichkeitsentwicklung ist enorm – und so geht er verloren“, sagt er. Zudem befürchte er, dass sich mangelnde Sprachkenntnisse negativ auf Berufchancen auswirken.

So halte er es für eine Illusion, dass Künstliche Intelligenz es überflüssig machen werde, sich auf anderen Sprachen zu verständigen. Für eine Karriere etwa in der Wirtschaft sei ein sicheres Auftreten in einer zweiten Fremdsprache in vielen Firmen förderlich, die auf dem europäischen Markt agieren. Diese Chance verbauten sich Schüler, die eine zweite Sprache früh abwählen, glaubt Bechtel. Auch in der interkulturellen Verständigung gehe später etwas verloren, wenn Schüler Fremdsprachen als womöglich zu lernintensiv wahrnehmen und deshalb früh abwählen.

Bechtel fürchtet zudem, dass die geplante Reform sich in ein paar Jahren auf das universitäre Angebot auswirken könnte. „Das wird ein schwerer Ritt für Fächer wie Französisch“, sagt er. Schon jetzt habe die Fachrichtung damit zu kämpfen, dass weniger Studenten sich für sie entscheiden.

Bernd Käsebier, der Osnabrücker Vorsitzende des niedersächsischen Landesverbandes der Vereinigung der Französischlehrer, sieht kommen, dass zweite Fremdsprachen zum Nischenfach im Abitur werden. Sie würden dadurch abgewertet, dass man sie künftig schon in der Stufe 11 abwählen kann. „Es ist illusorisch zu glauben, dass das dann in der Qualifikationsphase ab Stufe 12 noch viele Schüler weiter belegen“, sagt er.

So wie Schulleiter Bröcker und Uni-Experte Bechtel, hofft Käsebier, dass die Kritik das Ministerium noch umstimmt. Die geplanten Änderungen befinden sich derzeit in der Anhörung. Rückmeldungen wollen die Entscheider anschließend auswerten und gegebenenfalls einarbeiten.

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