Zehn Jahre Soziales Kaufhaus 3000 Kunden gehen pro Monat auf Schnäppchenjagd
Empathie, Nachhaltigkeit und eine gute Portion Humor – mit diesem Prinzip hat sich das Soziale Kaufhaus am Auricher ZOB in den letzten zehn Jahren etabliert. Ein Ortstermin.
Aurich – Ein ungewohnter Anblick bot sich den Kunden des Sozialen Kaufhauses am Auricher ZOB. Am Montag standen sie um 10 Uhr überraschenderweise vor verschlossenen Türen. Der Grund: Im Inneren hatte sich das Team zu einer kleinen Feierstunde versammelt. Seit zehn Jahren gibt es die Einrichtung betrieben vom Caritasverband Ostfriesland und der Diakonie Aurich nun und laut den Festrednern hat sie sich schnell etabliert.
„Pro Monat haben wir rund 3000 zahlende Kunden“, sagt Susanne Rötgert von der Geschäftsführung des Caritasverbandes. Das Besondere am Sozialen Kaufhaus sei, dass Menschen, die nur wenig Geld zur Verfügung hätten, dort ohne Stigma einkaufen könnten. „Wir sind ein ganz normales Kaufhaus, bei uns braucht man keinen Nachweis über die Bedürftigkeit“, so Rötgert. Und so würden in der Einrichtung Menschen mit einem schmalen Geldbeutel genauso stöbern, wie die mit einem etwas dickeren Portemonnaie.
„Zehn Jahre Soziales Kaufhaus, das sind zehn Jahre voller Geschichten, voller Herz und voller Dinge, von denen man vorher nicht wusste, dass man sie braucht“, sagte Rötgert in ihrem Grußwort. Man komme rein, weil man nur kurz gucken wolle, und plötzlich stehe man mit einer Vase aus den 80ern, einem Blumentopf, Kleidung und drei Büchern über Gartenzwerge an der Kasse. „Das ist wahre Magie“, so die Caritas-Vertreterin.
Magie, die offenbar vor allem die Mitarbeitenden des Kaufhauses möglich machen, Tag für Tag. „Sie sortieren, beraten, reparieren, lächeln“, so Rötgert. Das Haus sei ein Ort, an dem man sehe, was passiert, wenn Menschen zusammenhielten. „Hier finden Menschen mit wenig Geld gute Dinge für den Alltag. Hier finden Menschen, die lange ohne Job waren, wieder Halt und Perspektive. Und hier findet Aurich einen Ort, an dem Menschlichkeit den Ton angibt und nicht der Preis.“
Ein menschliches Miteinander
Genau diese Mischung ist es wohl auch, die Ilse Rüttgens-Schlette, Annelie Janssen und Simon Sanders seit zehn Jahren überzeugt und hält. Sie stießen in den Anfangstagen des Kaufhauses 2015 dazu und blieben. „Ich habe damals eine Spende vorbeigebracht und den Aushang gesehen, dass ehrenamtliche Helfer gesucht wurden“, erinnert sich Rüttgens-Schlette. Eine kurze Nachfrage und schon war sie an Bord, arbeitete sich durch das Lager in der oberen Etage, sortierte und bereitete alles für die Eröffnung vor. Auch Annelie Janssen wurde über den Aushang im Fenster auf die Einrichtung aufmerksam. „Ich wollte damals etwas Sinnvolles tun“, erinnert sie sich. Seitdem sind Tischwäsche und Gardinen ihr Steckenpferd - sortieren, abmessen und auszeichnen der Ware gehören zur ihrem „Job“. Janssen mag vor allem den Austausch mit den anderen Mitgliedern des Teams. „Man lernt hier immer wieder neue Menschen kennen, hört ihre Geschichten und Schicksale“, erzählt die Rentnerin.
Und Schicksale haben viele der Menschen, die im Sozialen Kaufhaus arbeiten. Simon Sanders etwa kam vor zehn Jahren als einer der ersten Teilnehmer einer Maßnahme des Jobcenters ins Soziale Kaufhaus. Der arbeitslose Tischler wollte eigentlich nur im Lager arbeiten. „Mit Kundenkontakt hatte ich es nicht so“, erinnert er sich. Das hat sich inzwischen deutlich geändert und Sanders ist als Schichtleiter ein fester Bestandteil des Teams und nah am Kunden. Die Geschichte von Sanders zeigt, was das Soziale Kaufhaus ist, außer ein guter Ort für Schnäppchen. Nämlich ein Ort, um anzukommen, Gemeinschaft zu erleben, teilzuhaben und persönliche Verbindungen zu knüpfen.
So wie Sabine Bandura. Für sie endet in ein paar Wochen ihre zweieinhalbjährige Maßnahme des Jobcenters. Für Ehrenamtlerin Ilse Rüttgens-Schlette eine „Katastrophe“. Bandura sei die Deko-Queen des Kaufhauses, hat unter anderem für den Jubeltag eine Schaufensterpuppe mit viel Blick fürs Detail dekoriert und aufgehübscht. „Ich bleibe dem Kaufhaus ja aber erhalten“, schmunzelt sie. Bandura plant als ehrenamtliche Helferin Teil des Teams zu bleiben. Ein Beleg, dafür, dass neben der nachhaltigen Verwertung von Ware und dem preiswerten Shoppingerlebnis auch die dritte Säule des Projektes Soziales Kaufhaus trägt.
Ein starkes Team für ein starkes Projekt
Denn in der Einrichtung finden in Zusammenarbeit mit dem Jobcenter Langzeit-Arbeitslose einen Wiedereinstieg ins Berufsleben. Aktuell kehren hier elf Menschen zurück in einen geregelten Alltag, schaffen sich Struktur und Perspektive, fassen wieder Fuß nach einer langen Auszeit, einem Schicksalsschlag, einer Erkrankung. Pädagogisch begleitet stecken sie sich in der Maßnahme kleinteilige Ziele, auch in Zusammenarbeit mit den ehrenamtlichen Helfern. Für Mechthild Twickler, Kaufhausleitung, formt sich so ein starkes Team, auf das sie setzen kann und das den Erfolg des Kaufhauses ausmacht.
„Vielen Dank an mein Team, dass wir jeden Tag die Arbeit gemeinsam stemmen“, sagte sie in kleiner Runde. Und Arbeit haben die Mitarbeitenden genug, das zeigt ein Blick ins Lager im ersten Stock des Gebäudes. Dort stapeln sich Kartons und Kisten, Säcke und Tüten. Die Spendenbereitschaft in Aurich ist groß, so groß, dass das Team für den Rest des Jahres einen Anlieferstopp verhängen musste, um die Bestände abzuarbeiten.
Ein Stück Auricher Lebensgefühl
Für Superintendent Tido Janssen, der Grußworte der Diakonie überbrachte, war vor zehn Jahren nicht klar, ob das Projekt wirklich aufgehen würde. Kurz vor der Eröffnung des Sozialen Kaufhauses war ein ähnliches Modell der Kreisvolkshochschule in der Auricher Innenstadt gescheitert. Umso mehr freute sich Janssen nun zum zehnjährigen Bestehen in den Räumlichkeiten am ZOB zu Besuch zu sein. „Die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre hat gezeigt, dass der Bedarf in der Gesellschaft da ist. Mit dem Projekt kann diese Bedürftigkeit ein Stück weit aufgefangen werden“, so Janssen. Für Susanne Rötgert steht nach zehn Jahren fest: „Wir sind nicht nur ein sozialer Laden, wir sind ein Stück Auricher Lebensgefühl.“ Und als sich nach der kleinen Feierstunde dann die Türen für die morgendliche Kundschaft öffnen, scheint der Andrang den Machern recht zu geben.