Osnabrück  VfL Osnabrück: Der Ausrutscher von Verl, ein Torwartpatzer und das brachliegende Potenzial

Malte Artmeier
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Von Malte Artmeier
| 01.12.2025 18:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Hat Stoff zum Nachdenken: VfL-Cheftrainer Timo Schultz während der 1:4-Niederlage in Verl. Foto: Michael Titgemeyer
Hat Stoff zum Nachdenken: VfL-Cheftrainer Timo Schultz während der 1:4-Niederlage in Verl. Foto: Michael Titgemeyer
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Die 1:4-Niederlage in Verl markiert den dritten „Ausrutscher“ des VfL Osnabrück in der laufenden Saison. Ein Torwartfehler ließ die Partie in die falsche Richtung kippen - doch den Lila-Weißen fehlte mehr, um in Ostwestfalen zu bestehen.

Für den VfL Osnabrück wollte an diesem Sonntagabend einfach nicht viel zusammenlaufen. Symbolisch dafür stand nach der 1:4-Pleite beim SC Verl auch die Pressekonferenz in den sehr beengten Räumlichkeiten des Dorfclubs. Die Trainer Timo Schultz und sein Verler Kollege Tobias Strobl hatten mit dem Pressesprecher des Sportclubs längst Platz genommen und warteten auf die Fragen der Journalisten - doch die Technik streikte. Minutenlang werkelte ein Mitarbeiter am Ton und der Kamera, doch nichts funktionierte.

„Es klappt bei euch ja doch nicht alles“, scherzte VfL-Coach Schultz und brachte damit den Raum zum Lachen. Denn in den 90 Minuten zuvor auf dem Rasen schien beim SCV ein Rad ins andere zu greifen, während den Osnabrücker Gästen nur wenig gelingen wollte. Als die Technik dann endlich lief, spulten Schultz und Strobl das Programm routiniert ab. Der VfL-Coach sprach von „eiskalten“ Verlern, die die Fehler seiner Mannschaft ausgenutzt haben - und fasste das Spiel seiner Elf relativ kompakt in einem Satz zusammen: „Immer, wenn wir nicht kompakt sind, kriegen wir Probleme.“

Zum zweiten Mal in dieser Saison kassierte die - weiterhin - beste Defensive der Liga vier Gegentore. Elf der 15 Gegentreffer entsprangen den Partien gegen 1860 München (1:3), Hoffenheim II (0:4) und eben Verl. Es sind, nur die Defensive betrachtet, die Ausrutscher in einer ansonsten bislang überaus stabilen Saison.

Bei zweien dieser Ausrutscher patzte auch einer, der sonst zur Stabilität beiträgt: Torwart Lukas Jonsson. Als er den eigentlich harmlosen Schuss des überragenden Alessio Besio zum 0:1 durch die Hände und Beine rutschen ließ (15.), kippte das Spiel nach ordentlicher Osnabrücker Anfangsphase auf Verler Seite. Es war nach dem Gegentreffer beim 4:1 in Mannheim und dem dritten Tor beim 0:4 gegen Hoffenheim II der dritte schwere Patzer des Schweden in dieser Saison.

Auch seine Vorderleute blieben aber alles andere als fehlerfrei: Beim zweiten Gegentor (18.) rückte Niklas Wiemann zu spät nach außen, um Torschütze Oualid Mhamdi zu stören. Beim dritten agierte der VfL im Pressing erst „zu gierig“, wie Schultz richtig erkannte, und dann doch zu zaghaft, weil das Nachrückverhalten nicht passte (63.). Beim vierten Verler Treffer schnappte die Abseitsfalle nicht zu, weil Robin Fabinski zu spät nach vorne rückte (66.).

Vor allem bei diesen drei Toren zeigte sich aber auch die überragende Qualität der Mannschaft des kleinen Dorfvereins aus Verl: Der SCV ist schon länger für offensiven Ballbesitzfußball bekannt - unter Trainer Tobias Strobl, der im Sommer Alexander Ende (jetzt Münster) beerbte, treibt er es aber auf die Spitze. Locker und lässig kombinierten sich die Gastgeber konstant aus der eigenen Hälfte nach vorne, ließen die VfL-Angreifer reihenweise ins Leere laufen und erspielten sich so auch nach dem 4:1, als die Partie entschieden war, weitere Möglichkeiten.

Verl versprühte eine spielerische Leichtigkeit, die man vom VfL in dieser Saison so kaum kennt. Die Lila-Weißen stehen eher für harte Arbeit, eine gute Struktur und Ordnung als fürs kreative und dynamische Zocken. Das ist nicht dramatisch - so kann man auch erfolgreich sein, wie sich in der Saison bislang zeigte. An den Zahlen lässt sich dieser Ansatz aber schon auch ablesen. Nach dem Anschlusstreffer durch David Kopacz (56.), nach dem kurze Zeit Hoffnung aufkeimte, hat er 20 Tore erzielt.

Keine gute Quote nach 16 Spielen - weniger haben nur drei Mannschaften: Schweinfurt (13), Ulm (17) und Havelse (19) belegen drei der vier Abstiegsplätze. Hier besteht also Verbesserungspotenzial - individuell, mannschaftstaktisch und personell. Denn obwohl Robin Meißner und Lars Kehl grundsätzlich gut miteinander harmonieren und Kopacz immer mehr Einfluss aufs Spiel bekommt: Keiner der drei ist aktuell richtig in Topform und entscheidet Spiele - eine Fähigkeit, die man vor der Saison am ehesten sogar Kehl zutraute.

Wenn dazu noch der Topjoker der letzten Wochen, Ismail Badjie, verletzt fehlt - und das wohl auch noch weiter so sein wird - sind auch die hochwertigen Alternativen in der Offensive rar. Von Kai Pröger, der in Verl nach seiner Einwechslung verletzt wieder raus musste, Luc Ihorst, der 90 Minuten auf der Bank saß, und dem jungen Bernd Riesselmann, der in den letzten 25 Minuten unglücklich agierte, kommt insgesamt deutlich zu wenig Power.

Trainer Schultz ist gefragt, die defensive Stabilität auch ohne den gegen Wehen Wiesbaden am Samstag gelbgesperrten Kapitän Jannik Müller wiederzufinden, weiter an den offensiven Abläufen zu feilen und seine Spieler bestmöglich in Position und Form zu bringen. Joe Enochs als Direktor Fußball müsste aber für das Wintertransferfenster womöglich auch nach neuen Offensiv-Alternativen suchen - zumindest, wenn der VfL das Potenzial ausschöpfen will, das in dieser Saison liegt.

Denn die Basis ist nach 16 gespielten Partien vielversprechend, die Erwartungshaltung ist intern und extern entsprechend gestiegen. Der VfL ist in der gewohnt engen Drittliga-Tabelle oben dabei und hat alle Chancen, es langfristig zu bleiben. Dafür muss er Ausrutscher wie solche am Sonntag vermeiden und sich offensiv deutlich verbessern. Auch wenn der risikoreiche Spielstil sicher nicht eins zu eins kopierbar ist: Ein Muster für Offensivkraft bot der SC Verl. Nur was die Technik im Pressekonferenz-Raum angeht, sollte sich der VfL bei den Ostwestfalen nichts abschauen.

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