Bohmte  Missbrauchsbetroffener aus Hunteburg beklagt „Kultur der Angst“ in der evangelischen Kirche

Raphael Steffen
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Von Raphael Steffen
| 28.11.2025 07:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Ralf Meister ist seit 2011 Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und steht wegen seines Umgangs mit Missbrauchsfällen in der Kritik. Foto: IMAGO/Heike Lyding
Ralf Meister ist seit 2011 Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und steht wegen seines Umgangs mit Missbrauchsfällen in der Kritik. Foto: IMAGO/Heike Lyding
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Erstmals durften Betroffene sexualisierter Gewalt auf der Landessynode der evangelischen Kirche direkt sprechen – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Einer von ihnen: Horst E., der nach eigenen Angaben als Kindergartenkind in Hunteburg missbraucht wurde.

Immer wieder gibt es Kritik an der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt durch die evangelische Kirche. Auf der hannoverschen Landessynode erhielten Betroffene nun zum ersten Mal direktes Rederecht. Davon machte unter anderem Horst E.* Gebrauch. Er hatte im vergangenen Jahr Missbrauchsvorwürfe gegen einen früheren, mittlerweile verstorbenen Hunteburger Pfarrer öffentlich gemacht. Seinen Redebeitrag stellte Horst E. unserer Redaktion zur Verfügung.

Auf E.s Veranlassung legten die Synodalen eine Schweigeminute für Menschen ein, die aufgrund des ihnen angetanen Leids Suizid begangen hatten. Sexualisierte Gewalt hinterlasse eine „Lebenswunde“, die in den meisten Fällen nicht verheile, sagte E. Das Rederecht für betroffene Personen stellt für ihn „lediglich einen weiteren Meilenstein in einem mehr als missglückten Dialogprozess dar“. Horst E. kritisierte: „Hier findet immer noch kein echter Dialog zwischen Betroffenen und Verantwortlichen auf Augenhöhe statt.“

Es sei erschreckend, dass ihm in einem vertraulichen Gespräch mitgeteilt worden sei, dass in der Landeskirche ein „Klima der Angst“ herrsche. In diesem Klima „sei es nicht möglich, offen und frei Kritik zu üben und über eigene Einsichten und Wahrnehmungen zu sprechen“. Horst E. betonte: „Dies ist ein inakzeptabler Zustand in einer christlichen Kirche des Jahres 2024/25.“ Vor allem Landesbischof Ralf Meister steht wegen seines Umgangs mit Missbrauchfällen immer wieder im Fokus.

Horst E. sagte später, er habe sich vom Kirchenparlament gehört gefühlt und die nicht angekündigte Schweigeminute als bewegend empfunden. Neben dem Hunteburger, der heute in Berlin lebt, wurden zehn weitere Statements von Betroffenen auf der Landessynode abgegeben. Dafür wurde allerdings die Öffentlichkeit ausgeschlossen, auch Medienvertreter durften nicht zugegen sein. Einen Livestream gab es ebenfalls nicht.

Das Präsidium der Synode hatte im Vorfeld diese Maßnahme mit dem Wunsch einiger Betroffener nach einem geschützten Raum und einem konzentrierten Austausch begründet. Andere Betroffene indes forderten eine große Öffentlichkeit und sprachen von „Schweigegeboten“.

Landesbischof Meister sagte dazu, er erkenne an, dass – egal, was die Landeskirche unternehme und beschließe – für betroffene Personen der Weg „immer zu lang, immer zu zäh“ sein werde. Gleichwohl gebe es für diese Prozesse „keine Blaupause“. „Wir bleiben eine lernende Organisation“, auch wenn dies manchen zu langsam erscheine, „sind wir offen und willig dazu“. So wird aktuell ein Maßnahmenplan erstellt. Im Januar sollen deutschlandweit einheitliche Regelungen für finanzielle Anerkennungsleistungen in Kraft treten.

Das Kirchenparlament verabschiedete einstimmig eine Erklärung, in der es heißt: „Wir sind uns als Landessynode des Versagens unserer Kirche bewusst. Wir übernehmen Verantwortung für Versäumnisse und Strukturen, die unsägliches Leid ermöglicht haben und weiterhin ermöglichen. Darum setzen wir uns nach Kräften dafür ein, dass sich Strukturen und Verhalten in unserer Kirche ändern.“

* Der vollständige Name von Horst E. ist unserer Redaktion bekannt.

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