Osnabrück/Hannover  Innenministerin Daniela Behrens: Gewalt kann nie Teil der Fankultur sein

Susanne Fetter, Benjamin Kraus, Malte Artmeier
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Von Susanne Fetter, Benjamin Kraus, Malte Artmeier
| 27.11.2025 08:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Hält die geplanten Verschärfungen zur Gewaltprävention in Fußballstadien für richtig: Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) Foto: dpa/Shireen Broszies
Hält die geplanten Verschärfungen zur Gewaltprävention in Fußballstadien für richtig: Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) Foto: dpa/Shireen Broszies
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Die Innenministerkonferenz berät Anfang Dezember in Bremen über Maßnahmen zur Gewaltprävention in Fußballstadien. Anhänger der Vereine befürchten massive Einschränkungen der Fankultur. So positioniert sich Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) zur Thematik.

Vom 3. bis 5. Dezember tagt in Bremen die Innenministerkonferenz der Länder. Dort liegen unter anderem geplante Maßnahmen auf dem Tisch, die von der „Bund-Länder-offenen-Arbeitsgruppe“ (BLoAG) erarbeitet wurden. Es geht um die Gewaltprävention in Fußballstadien - oder, wie die Fanszenen bundesweit befürchten: die Einschränkung der Fankultur. Unsere Redaktion hat an die niedersächsische Innenministerin Daniela Behrens (SPD) eine Einladung in den „Brückengeflüster“-Podcast verschickt, um dort über die Maßnahmen zu sprechen. Aus terminlichen Gründen konnte Behrens nicht an der Aufnahme teilnehmen - aber sie hat Fragen beantwortet, die die NOZ-Sportredaktion ihr schriftlich gestellt hat. Hier folgt der komplette Wortlaut.

Frage: Was genau ist bei der Innenministerkonferenz geplant?

Antwort: Bei der IMK in Bremen werden die Forderungen zur Erhöhung der Sicherheit an Fußballspieltagen und die Maßnahmen der Verbände erörtert. Insbesondere die Ergebnisse der seit ca. einem Jahr tätigen Bund-Länder-offenen-Arbeitsgruppe (BLoAG) „Fußball ohne Gewalt“, in der sowohl DFB als auch DFL vertreten sind, werden gemeinsam bewertet. Dazu zählt neben der Befassung mit dem personalisierten Ticketing als Instrument zur Verbesserung der Sicherheit bei Risikospielen unter anderem auch die Optimierung bereits bestehender Vorgaben gegen Gewalt durch - eine Verschärfung der Stadionverbotsrichtlinie - die Konkretisierung verbandsrechtlicher Regelungen gegen die Verwendung von Pyrotechnik, zur Intensivierung von Einlasskontrollen und zur Verbesserung der Identifizierung von Tatverdächtigen, wenn es zu Straftaten gekommen ist - Erhöhung der Quantität und Qualität des einzusetzenden Sicherheits- und Ordnungsdienstes, denn für die Sicherheit im Stadion ist eben nicht die Polizei zuständig, sondern die Veranstalter

Frage: Wie kam es dazu, dass diese Maßnahmen auf dem Tisch liegen?

Antwort: Diese Maßnahmen sind ein Ergebnis des Fehlverhaltens einer kleinen, aber gewaltbereiten Minderheit innerhalb der Fanszenen an Fußballspieltagen im gesamten Bundesgebiet. Es ist für uns nicht hinnehmbar, dass viele Fußballspiele nicht ohne Störungen oder gewalttätige Aktionen in den und um die Stadien verlaufen. Daher wurde bereits im Oktober 2024 ein Spitzengespräch mit den Verbänden geführt und im Anschluss an die IMK im Dezember 2024 die oben aufgeführte BLoAG konstituiert.

Frage: Warum sollen Maßnahmen verschärft werden, obwohl die Zahlen der Verletzten und Gewaltvorfälle in den Stadien sinken?

Antwort: Die Reduzierung dieser Zahlen ist zunächst einmal natürlich positiv zu bewerten. Sie sind mit Blick auf Niedersachsen aber auch das Ergebnis intensiver präventiv-polizeilicher Maßnahmen und einer konsequenten Fantrennung. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sie ohne weitere Maßnahmen weiter sinken und wir haben bundesweit nach wie vor eine ganze Reihe von Spielen, bei denen es zu Gewalttätigkeiten und Ausschreitungen kommt. Bereits verschärfte Maßnahmen bei den Niedersachsenderbys in der vergangenen und aktuellen Saison haben sicherlich auch zu einer Reduzierung der Zahlen beigetragen. Im Verlauf der aktuellen Saison sieht es bisher mit Blick auf unsere Zahlen jedoch nicht besser aus.

Frage: Es gibt ja schon Stadionallianzen, das „nationale Konzept Sport und Sicherheit” und lokale Sicherheitskonzepte und Fanprojekte - wieso bindet man diese nicht mit ein bzw. warum benötigt man neue Maßnahmen?

Antwort: Diese Konzepte und Verbundpartner sind wichtig und haben weiterhin Bestand. Durch den DFB, die DFL und die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) sind die Interessen der Vereine, Fans und Fanprojekte in der BLoAG vertreten. Grundsätzlich sind nicht alle Maßnahmen neu, sie müssen vielmehr intensiver und konsequenter umgesetzt werden. Allerdings sind wir auch der Ansicht, dass beispielsweise technische Innovationen gerade im Einlassbereich einen Beitrag zur Erhöhung der Sicherheit aller Stadionbesucher leisten können.

Frage: Auf welche Spiele beziehen sich die Maßnahmen - nur auf Hochrisikospiele oder auf alle? Und wie wahrscheinlich ist eine Ausweitung auf alle Spiele? Wieso sollen sie nur in Fußballstadien greifen und nicht bei anderen Großveranstaltungen?

Antwort: In keinem anderen Einsatzbereich von Großveranstaltungen und bei keinem anderen Sport haben wir vergleichbare Störungen, Aufwände und Kosten zu verzeichnen wie beim Profifußball der Männer. Wenn wir über Maßnahmen wie das personalisierte Ticketing sprechen, dann soll dies nach meinem Dafürhalten ein Instrument sein, das als zusätzliche Maßnahme bei Risikospielen genutzt werden kann, wenn zu erwarten ist, dass es im Rahmen des Spiels zu Ausschreitungen und Gewalt kommt. Alle Maßnahmen, die wir diskutieren, sollen anlassbezogen und verhältnismäßig eingesetzt werden.

Frage: Im Verdachtsfall soll ein dreimonatiges Stadionverbot verhängt werden dürfen - wie passt das mit anderen rechtsstaatlichen Grundsätzen zusammen?

Antwort: Die Ergebnisse der BLoAG sind noch nicht finalisiert, dieser Prozess sollte zunächst einmal abgewartet werden. Das Stadionverbot ist ein zivilrechtliches Instrument des DFB aufgrund eigener Stadionverbotsrichtlinien. Für die Rechtmäßigkeit dieser Richtlinien ist daher ausschließlich der DFB verantwortlich. Ich habe großes Vertrauen, dass die Grundsätze der Rechtmäßigkeit und Verhältnismäßigkeit durch den DFB gewahrt werden.

Frage: Wie wahrscheinlich ist dieser Beschluss und wofür setzen Sie sich persönlich ein?

Antwort: Wir werden sehen, wie die Debatte in der kommenden Woche läuft. Ich werde mich weiterhin dafür einsetzen, dass Störungen, Verletzte, gefährliche Pyrotechnik und Aufwände der Polizei reduziert werden. Das sollte auch im Interesse des DFB, der DFL und aller Stadionbesucher sein.

Frage: Das Schlagwort der Fans ist: „Die Stadien sind sicher“. Sehen Sie das anders und wenn ja, warum?

Antwort: Ich bin selbst seit vielen Jahren sehr regelmäßig im Stadion und behaupte deshalb auch gar nicht, dass ein Stadionbesuch in Deutschland an sich nicht sicher ist. Es geht mir auch nicht darum, Millionen von unbescholtenen Fußballfans zu gängeln. Ich erwarte aber, dass die Fanszenen sich mit der Tatsache befassen, dass es landauf und landab leider eine ganze Reihe von Risikospielen gibt, die ohne ein massives Polizeiaufgebot nicht stattfinden können und bei denen es leider auch immer wieder zu Ausschreitungen und Gewalt kommt. Das können und werden wir nicht akzeptieren. Gewalt kann nie Teil der Fankultur sein.

Frage: Wie haben Sie die Demonstrationen der Fans (in Leipzig und in den Stadien) verfolgt, wie haben Sie diese wahrgenommen und hat sie die Geschlossenheit möglicherweise beeindruckt?

Antwort: Nachhaltig beeindruckt wäre ich, wenn alle Spieltage so störungs- und gewaltfrei verlaufen würden, wie die Versammlung in Leipzig. Die Geschlossenheit der Fanszenen ist hier für mich nicht entscheidend. Mir ist wichtig, dass es zu einer Verhaltensänderung bestimmter Gruppen, sowohl im Stadion als auch auf den An- und Abreisen, kommt. Ich erwarte von den Kurven zudem ein klares Zeichen gegen Gewalt aus ihren Reihen. Erst am vergangenen Wochenende kam es wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen auf Reisewegen, die einfach unterbleiben müssen. Zudem wurde nach Abschluss der 12-Minuten Schweigeprotest vielerorts die Problematik untermauert und massiv Pyrotechnik gezündet, auch in Osnabrück.

Frage: Können Sie die Sorgen der Fans nachvollziehen?

Antwort: Ich glaube, dass die Sorgen in vielen Aspekten übertrieben sind, weil sie unterstellen, dass die Innenministerkonferenz einen generellen Angriff auf die Fankultur plane. Das ist ja überhaupt nicht der Fall. Wenn auf Störungen, Gewalt und gefährliche Pyrotechnik verzichtet wird, entstehen keinem Stadionbesucher Nachteile durch die in Rede stehenden Maßnahmen, auch nicht in den Kurven.

Frage: Wie ist allgemein der Diskurs mit den Fans? Gibt es den eigentlich oder sind die Fronten zu verhärtet?

Antwort: Ich bin immer bereit, mich sachlich und konstruktiv mit Fußballfans auszutauschen. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass sich gerade die Personen, die Gewalt ausüben und damit Zielgruppe unserer Maßnahmen sind, an einen Tisch mit Politikern oder der Polizei setzen. Als Politikerin bin ich für Vorschläge oder Lösungsansätze jedoch immer ansprechbar.

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