Osnabrück  „Er schlägt mich nur, wenn die Kinder schlafen“: Über die Mechanismen häuslicher Gewalt

Eva Marie Stegmann
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Von Eva Marie Stegmann
| 26.11.2025 15:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Rund um den 25. November, dem Tag gegen Gewalt gegen Frauen, finden die Orange Days statt. In Osnabrück luden Zonta-Club und Soroptimisten zur Podiumsdiskussion. Foto: Hannes P. Albert/dpa
Rund um den 25. November, dem Tag gegen Gewalt gegen Frauen, finden die Orange Days statt. In Osnabrück luden Zonta-Club und Soroptimisten zur Podiumsdiskussion. Foto: Hannes P. Albert/dpa
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Zum Orange Day, dem Tag gegen Gewalt an Frauen, haben die Soroptimistinnen und der Zonta-Club ins Remarque-Hotel geladen. Mit Ehrengast Barbara Havliza, der früheren niedersächsischen Justizministerin, ging es auf dem Podium um den Ausstieg aus der häuslichen Gewalt. Der oft sechs oder sieben Anläufe braucht.

„Ich garantiere, dass irgendjemand aus Ihrem Bekanntenkreis von häuslicher Gewalt betroffen ist. Und das auch regelmäßig“, – dieser eindringliche Satz markierte den Beginn von Barbara Havlizas Impulsvortrag beim „Orange Day“ des Soroptimist International Club Osnabrück und des Zonta-Club Osnabrück im Remarque Hotel. Havliza ist Opferschutzbeauftragte des Landes NRW, und sie sagte, diese Gewalt gehe durch alle Schichten. Und ende nicht selten mit einem Tötungsdelikt oder Suizid. Betroffen davon, das war ihr wichtig, zumindest einmal zu erwähnen, sind auch Männer.

Aber: Konstant hält sich über die Jahre, dass etwa 80 Prozent der Opfer weiblich sind und etwa 80 Prozent der Täter männlich. Und darum ging es an diesem Abend, zu dem die beiden Frauen-Clubs geladen hatten. Um Gewalt gegen Frauen.

Vor Zuhörerinnen und einigen Zuhörern, die an festlich in weiß und orange dekorierten Tischen saßen, teilte Barbara Havliza ihre Einblicke als Richterin, ehemalige niedersächsische Justizministerin (CDU) und nun Opferschutzbeauftragte.

Im Anschluss gab es eine Podiumsdiskussion mit ihr, Jessica Beier von der Operschutzhilfe und Michael Pütz vom Weißen Ring, moderiert von Cornelia Achenbach.

Wie nah das Thema Gewalt gegen Frauen weg ist, wurde bereits bei der Begrüßung durch Dorothee Schnepper-Leuck, Präsidentin des Zonta-Clubs Osnabrück, und Sigrid Heidemann, Vize-Präsidentin der Soroptimisten, klar.

Sopranistin Heidemann berichtete, wie erst kürzlich eine Schülerin mit deutlich sichtbaren Verletzungen in ihren Unterricht gekommen sei. „Ich habe sie darauf angesprochen“, sagte sie. „Sie vertraute sich mir an.“ Danach bereitete Heidemann ihr eine Übungsstunde, bei der „sie alles ein bisschen herauslassen konnte“, erzählte sie.

Was kann ich tun, wenn ich Gewalt mitbekomme? In Osnabrück beantwortete Barbara Havliza die Frage mit einem klaren: „Jeder kann etwas tun. Das allerwichtigste dabei ist: Am Ball bleiben!“ Denn zu Beginn würden viele Opfer, insbesondere bei häuslicher Gewalt, erst einmal – leugnen. Gut sei, trotzdem immer ein offenes Ohr zu haben und nicht genervt zu sein, wenn es mehrere Anläufe brauche, bis die Frau zur Trennung bereit sei.

Letzteres unterstrich später Jessica Beier von der Opferschutzhilfe: „Kein Mann schlägt von heute auf morgen“, sagte sie. Häusliche Gewalt sei ein Prozess, die Befreiung daraus ebenso. Oft brauche es sechs oder sieben Anläufe.

„Viele Frauen wollen nur, dass es aufhört, nicht unbedingt die Trennung“, erklärte Havliza. Durch die häusliche Gewalt habe das Selbstbewusstsein ohnehin gelitten, eine finanzielle Abhängigkeit käme meist dazu, wenn Kinder in der Beziehung sind.

Für die Beratungsstellen bedeutet die Arbeit mit Opfern häuslicher Gewalt also viel Sensibilität und Geduld. Michael Pütz vom Weißen Ring: „Bei uns rief kürzlich die Schwester einer Betroffenen an und bat um Hilfe. Ich coachte sie indirekt und nach einigen Telefonaten hatte sie ihr Schwester so weit, dass die bereit war, mit uns zu sprechen.“

Der Ausstieg ist nicht einfach. „Immerhin war da irgendwann Liebe, und keine Beziehung beginnt damit, dass der Mann schlägt“, sagte Jessica Beier.

Je länger die Beziehung bereits bestehe, desto schwieriger der Ausstieg. Vor allem, wenn gemeinsame Kinder da seien, erklärte Havliza.

„Und die“, warnte sie, „sind immer Sekundäropfer. Sie bekommen die Gewalt immer mit.“ Häufig höre sie Sätze wie: „Mein Mann schlägt mich nur, wenn die Kinder schlafen“.Havliza sagt dazu: „Nein, Kinder kriegen das immer mit!“

In Sachen Opferschutz sei viel Luft nach oben, konstatierten die Expertinnen und der Experte. „Manchmal stellen sich Behörden selbst ein Bein“, sagte Havliza. Wenn zum Beispiel der Datenschutz höher gewertet werde als der Opferschutz. Positiv bemerkten Beier und Pütz, die in Osnabrück eng zusammenarbeiten, dass in der Hasestadt die Kooperation zwischen allen, die sich dem Thema annehmen, super funktioniere.

Die elektronische Fußfessel, um ein richterlich angeordnetes Kontaktverbot besser überwachen zu können, sei ein Schritt in die richtige Richtung. Sie soll jetzt mit einer Änderung des Gewaltschutzgesetzes auf Bundesebene kommen.

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