Osnabrück 125 Jahre VfL Osnabrück: Thiounes Trainereinblick mit Freund Enochs und Wiethes „Aperitif“
Harald Pistorius und seine sechs Gäste hatten in der Osnabrücker Kinokneipe „Blue Note“ am Montagabend viel zu erzählen, als er Auszüge aus seinem Buch „125 Jahre VfL Osnabrück“ vorlas: von herzhaften Ankedoten zu „Hannes“ Altenkirch und Hannes Haferkamp, über vergnügte Autofahrten von Lothar Gans und Walter Wiethe bis hin zu tiefen Einblicken als Trainer von Daniel Thioune und Joe Enochs.
Ganz zu Beginn, bevor die ersten zwei der insgesamt sechs Gäste mit VfL-Bezug die Bühne in der ausverkauften Osnabrücker Kinokneipe „Blue Note“ betreten hatten, war Harald Pistorius kurz sprachlos – ein Moment mit Seltenheitswert an diesem Montagabend.
Denn dabei hatte der Autor des Jubiläumsbuches „125 Jahre VfL Osnabrück“ den 170 Besuchern bei seiner Lesung, die von der Buchhandlung Wenner organisiert wurde, viel zu erzählen. „Hat dich bei dem Verfassen des Buches noch etwas überrascht?“, hatte Moderatorin und NOZ-Sportchefin Susanne Fetter gefragt und für kurze Stille gesorgt. Und ihr Vorgänger Pistorius antwortete: „Die Frage überrascht mich jetzt.“
Der 69-Jährige sorgte damit direkt um 19.30 Uhr für eine launige Atmosphäre im Publikum und nach kurzer Bedenkpause holte er sofort eine Anekdote aus seiner lila-weißen Gedankenwelt hervor: über seinen Lieblingsspieler Reinhard „Fetty“ Wasner, der in seiner dreijährigen VfL-Zeit nach Ausschreitungen einem Polizeibeamten kräftig vors Schienbein getreten habe.
In der Vergangenheit des VfL stöberte Pistorius auch mit seinem ersten Gäste-Doppelpack: Ingrid Haferkamp, Tochter des berühmten großen VfL-Fußballers Hannes Haferkamp, und Christel Altenkirch, Witwe der früh verstorbenen VfL-Legende „Hannes“ Altenkirch.
„Wenn der Verein sein Wesen erhalten möchte, ist es seine Aufgabe, an die Verstorbenen des VfL in seiner Historie zu erinnern. Tradition lebt auch hier von Erinnerung“, betonte Pistorius, der sich sehr über das Erscheinen der zwei Frauen freute. Haferkamp blickte zurück auf ein VfL-Heimspiel, an dem sie Ex-Europameister Hansi Müller einen Schokoriegel verkauft habe, als sie ihrem Vater in seinem Kiosk an der Bremer Brücke unter die Arme griff.
Während auf der Leinwand prägende Bilder aus der damaligen Zeit das Erzählte untermalten, plauderte Altenkirch im harmonischen Wechsel mit Pistorius etwas aus dem Nähkästchen: über verpasste VfL-Spiele von Dauerbrenner „Hannes“ gegen die spanische Nationalmannschaft, seine Auseinandersetzung mit HSV-Spieler Klaus Stürmer und ihre Zeit mit der Familie: „Tanzen gehen gab es Samstagabend nicht, weil Hannes spielen musste – und er hat lange gespielt. Wenn er aber vom Sportplatz kam, ging der nicht mehr weg. Dann war er für die Familie da. Es waren schöne Zeiten.“
Viele kleine Anekdoten aus ihrem lila-weißen Lebensabschnitt hatten auch die zwei VfL-Legenden Lothar Gans und Walter Wiethe zu erzählen, die nach etwa 50 Minuten den fliegenden Wechsel auf der Bühne einläuteten – mit einem von Pistorius geforderten „Aperitif“ an Wiethe, der diese Vorlage direkt aufnahm. Er sprach über die Geschichte zum „Schlehenfeuer“, die während einer Autofahrt mit Gans von Osnabrück nach Meppen entstanden ist und sowohl damals beim Training als auch am Montagabend für schmunzelnde Gesichter sorgte.
„Das war ein süßer Likör und etwas für mich. Als wir in Meppen waren, war die Flasche leer. Alle anderen waren verwundert, warum wir so vergnügt waren“, erklärte Wiethe. Auch die Besucher und Pistorius waren nun vergnügt, der viele prägende Momente Wiethes nochmal hervorholte: Wiethes Weg zum Ehrenmitglied, sein schwieriges Verhältnis zu Trainer Erwin „Ata“ Türk, seinen Wechsel zum SV Meppen und die Trainervorstellung von Radoslav Momirksi in der Zahnartpraxis des damaligen Vizepräsidenten Dr. Erwin Kümper.
Auch Gans blickte zurück, zunächst auf eine „berauschende Zeit“, als er das Aufstiegsspiel mit VfL-Verteidiger Wiethe gegen RW Essen als Kind auf einem Baum verfolgte. „Er war für mich in jungen Jahren ein Idol“, sagte der ehemalige Kapitän der Lila-Weißen, der von Pistorius auch an eine denkwürdige Ära in seinen 23 Jahren als Manager erinnert wurde – seine Rückkehr im Jahr 1996 mit wenig Perspektive und nur 800 Zuschauern. „Das war eine harte Zeit, wenn du unter der Dusche stehst und nicht weißt, wie man die Gehälter bezahlen soll. Man darf die Tradition, die damaligen Verantwortlichen und Spieler aber nicht vergessen“, betonte Gans.
Die Aussage durfte auch als Anlehnung an die beiden letzten Gäste des Abends gesehen werden, die den VfL unter anderem gemeinsam als Spieler und Trainer prägten: Sportdirektor Joe Enochs und Daniel Thioune, Aufstiegstrainer von 2018/19 und zuletzt Coach bei Fortuna Düsseldorf. Sie schauten auf das Jahr 1996, als sie zusammen beim VfL anheuerten, erinnerten sich an gemeinsame Gespräche während der NLZ-Zeit und gaben Einblicke in ihre Gefühlswelten bei einer Trainerentlassung – Thioune folgte beim VfL auf Enochs.
„Es war der schwerste Moment als Freund und als Mitspieler, aber wir können uns immer in die Augen schauen“, sagte Thioune. Enochs, den Pistorius in seinem Vortrag „als Stück des VfL Osnabrück“ bezeichnete, pflichtete Thioune bei. Der Austausch mit seinem Freund habe Enochs nach dessen Entlassung gutgetan. Nachdem Pistorius in einer emotionalen Rede über das Innenleben der Aufstiegsmannschaft 2018/19 mit einer Fußball-Fachsimpelei von Thioune und Merlin Polzin im Dopingraum der Bremer Brücke erzählt hatte, ergriff Thioune nochmal das Wort.
„Ich bin ein Kind dieser Stadt – die Ostkurve war für mich der schönste Platz – und ich will den Druck nicht aufbauen, aber vielleicht entsteht jetzt auch etwas Besonderes“, sagte er. Und Enochs antwortete: „Da entsteht etwas, die Jungs arbeiten hart und ich genieße das, aber wir haben noch einen langen Weg vor uns.“ Diesen Worten hatte auch Pistorius nichts mehr hinzuzufügen, der auch von den Besuchern bei einem kurzen Stillschweigen in der Runde keine überraschenden Fragen mehr erhielt und um Punkt 22 Uhr den größten Applaus des Abends einheimste.