Delmenhorst  Besteht die Zukunft der Europalette aus Kork? Cork Vision setzt auf Nachhaltigkeit

Melanie Machedanz
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Von Melanie Machedanz
| 23.11.2025 18:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
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Von Delmenhorst in die Welt – das lässt sich über die neuartigen Paletten des noch jungen Unternehmens Cork Vision sagen. Das patentierte Geheimrezept: Kork. Was dahinter steckt und welche Träume und Ziele verfolgt werden.

Vor einem Jahr hat sich in Delmenhorst das Unternehmen Cork Vision gegründet, im Sommer ist es in die Produktion gegangen. Die Nachfrage nach den Produkten ist groß. Das im wahrsten Sinne des Wortes Patentrezept: Kork. Wie das funktioniert, und was die Produkte besonders macht.

Dahinter steckt laut den Geschäftsführern Holger Moh und Jad Boussikouk der Gedanke an Nachhaltigkeit. Aus seiner Zeit bei einer metallverarbeitenden Firma in Bremen kennt Moh die sogenannte „Verlustpalette“. Das Unternehmen – wie viele andere in Deutschland – hat ihre fertigen Metallteile auf Paletten an die Autoindustrie geliefert. Die sind aus Holz und müssen gemäß dem Entsorgungsgesetz der Europäischen Union (EU) von den Firmen als Verpackungsmaterial zurückgenommen werden. Dort landen sie häufig auf einem Sammelplatz und gammeln vor sich hin oder werden direkt geschreddert. 1,5 Millionen Verlustpaletten entstehen jährlich in Deutschland, so Moh, und das seien nur die, die die EU nicht verlassen haben. „Wir reden hier von einer Menge Bäume“, sagt er.

Die Idee von Moh und Boussikouk: Gibt es eine Möglichkeit, etwas anders zu machen? Und dann haben die Delmenhorster jemanden kennengelernt, der ein Korkgranulat erarbeitet hat, das das Holz ersetzen kann. Die Mischung aus Kork, Bioharz und Zellulose ist patentiert, die Vertriebsrechte liegen bei Moh und Boussikouk, die die Cork Vision GmbH gegründet haben und im Industriegebiet an der Langen Wand Paletten und vieles mehr aus dem Korkgranulat produzieren.

Das Granulat ist eine Mischung aus sortenreinem und verunreinigtem Kork mit Bioharz und Hanf, das zu einer Melasse verarbeitet wird. Die wiederum wird in Pressrahmen gebracht und in einer Thermopresse „gebacken“. Je nach gewünschter Dichte, Biegsamkeit und Stärke variiert die Mischung der Materialien. Nach dem Abkühlen gehen die Korkplatten in die Bearbeitung, werden zu Teilen geschnitten, wie sie für das Endprodukt benötigt werden.

Im Juni hat die Produktion im Industriegebiet an der Langen Wand begonnen. Dafür haben die Geschäftsführer stark investiert und im Sommer hochwertige und leistungsstarke Maschinen eingekauft. Eine Lasermaschine für die Zuschnitte, zwei CNC-Portalfräsen, Hochleistungsthermopressen, die bis zu fünf Platten gleichzeitig „backen“ können. Außerdem eine Schneidemaschine, die in der Lage ist, Kork und Aluminium im selben Zuge zu schneiden – dem zweiten Naturstoff in der Produktion, der die Paletten verstärkt. „Wir sind keine Manufaktur mehr, sondern arbeiten im Stadium der Industriefertigung“, sagt Moh. Und der Einsatz zahlt sich aus, das Delmenhorster Unternehmen werde von vielen Firmen angefragt.

Was die Kork-Paletten von denen aus Holz unterscheidet, seien ihr CO2-Abdruck, der nicht nur neutral, sondern sogar negativ ist, und ihre Haltbarkeit. Außerdem sind die Delmenhorster Paletten zerlegbar. Das heißt, es können viel mehr auf einmal mit einer Abholung transportiert werden. Laut Moh passen auf einen 40-Tonner-Lastwagen 1200 Paletten aus Holz. Genau so viele passen zerlegt aus Kork in einen Sprinter, und auf einen 40-Tonner-Lastwagen passen wiederum vier Sprinter, rechnet er vor. Hinzu komme, dass beim Zerlegen Schadstellen auffallen und die entsprechenden Balken ausgetauscht werden können.

So kann die Palette mindestens zwölf Monate im Kreislauf überleben, erklären die beiden, als Pfand- oder Mietpalette. Das heißt beispielsweise: Eine Delmenhorster Palette kommt in eine Firma nach Bremen, die sie vor Ort montiert und beispielsweise für den Transport eines Spaltbandes nach Eisenach braucht. Das wird auf der Palette versendet. Die Cork Vision fährt nach Eisenach, baut die Palette auseinander und nimmt sie wieder mit nach Delmenhorst. Diese oder eine andere Kork-Palette findet ihren Weg wieder in die Firma nach Bremen und so weiter und so fort. „Dieser Loop ist eigentlich einzigartig“, sagt Moh und ergänzt: „Das ist nicht nur ‚Made in Delmenhorst‘, sondern geht auch in die ganze Welt.“

Sollte eine Palette ausgedient haben, könne sie komplett in den Kreislauf wieder zurückgeführt werden. Das Aluminium würde eingegossen und der geschredderte Kork der Melasse zugeführt werden. So gebe es quasi keinen Materialverlust.

Doch Moh und Boussikouk denken schon weiter. Der Grund sind die Eigenschaften von Kork. Es ist schwer entflammbar, wasserabweisend, es schimmelt nicht und Käfer sowie giftige Substanzen können sich nicht darin aufhalten. Prädestiniert für langlebige Produkte im Außenbereich, wie Parkbänke oder Spielgeräte. Für die Stadt Delmenhorst hätten sie schon einige solcher Bänke produziert, sagen sie, und beispielsweise den Spielplatz auf dem Hof der Grundschule Hasbergen mit Spielgeräten ausgestattet. Aus dem Naturmaterial seien verschiedene Formen möglich und eigentlich keine Grenzen gesetzt.

Doch auch damit soll noch nicht Schluss sein. Derzeit forscht das noch junge Unternehmen beispielsweise an Kellerabdichtung und Trennwänden, wie man sie häufig aus Rigips kennt. „Wir haben viele Ideen, aber man muss langsam wachsen“, so Moh. Doch eine Vision haben sie: ein Regal für den Outdoorbereich aus Kork. Genau genommen ein Steckregal im Stile des wohl berühmtesten Regals von Ikea. „Und wer weiß, vielleicht wird es ja mal genauso berühmt wie Billy“, sagt er.