Osnabrück  Boris Pistorius am Graf-Stauffenberg-Gymnasium in Osnabrück: „Welche Wehrpflicht zum Teufel?“

Karin C. Punghorst
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Von Karin C. Punghorst
| 20.11.2025 18:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Verteidigungsminister Boris Pistorius diskutierte in seine Heimatstadt Osnabrück mit Schülern des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums über die Wehrflicht. Foto: André Havergo
Verteidigungsminister Boris Pistorius diskutierte in seine Heimatstadt Osnabrück mit Schülern des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums über die Wehrflicht. Foto: André Havergo
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Die Jugend von heute und ein Minister, der gedient hat – was kann dabei herauskommen? Eine Menge Leidenschaft in Sachen Demokratie und Verantwortung. Was das konkret heißt, erlebten jetzt die Schüler des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums und Boris Pistorius.

So ein Gast kommt nicht alle Tage in das Osnabrücker Graf-Stauffenberg-Gymnasium (GSG): Boris Pistorius diskutierte am Donnerstag mit rund 150 Schülern der Oberstufe. Das Thema war so aktuell wie naheliegend beim deutschen Verteidigungsminister: die Neuerungen beim Wehrdienst.

„Welche Wehrpflicht zum Teufel?“, fragte der Minister gleich zu Beginn der gut eineinhalbstündigen Veranstaltung und stellte heraus, „eine aktive Wehrpflicht in Deutschland gibt es nicht, die ist seit 2011 ausgesetzt.“

Die Aula des GSG war gut gefüllt. Die wichtigste Gruppe waren die Schüler der Oberstufe, 208 junge Leute, von denen rund 20 Schüler im kommenden Jahr 18 Jahre alt werden. Sie müssen dann zur Musterung.

Aber, und das zeigte sich im Verlauf der Diskussion, die Demokratie kann nicht nur durch den Wehrdienst und Soldaten verteidigt werden, sondern, „wehrhaft zu sein, bedeutet die Verteidigung unserer freien Gesellschaft nach innen und nach außen“. Dazu braucht es in den Worten des Ministers: „Leidenschaft für unsere Demokratie, für unser Land und die freie Gesellschaft.“

Und eben diese Leidenschaft war in der Aula spürbar. Eine Atmosphäre, die vom Zuhören und Nachfragen geprägt war, von Offenheit und Interesse. Und da mag es noch so abgedroschen klingen, doch eine ehemalige Lehrerin, die gemeinsam mit anderen „pädagogischen Veteranen“ ebenfalls eingeladen war, brachte es im Nachgang auf den Punkt: „Das war eine Sternstunde der Demokratie.“

Einmal mehr deutlich wurde dies, weil draußen vor der Schule eine kleine Personengruppe, Flugblätter gegen die Wehrpflicht verteilten. Einer von ihnen war Ruben Stephan. Seine Meinung: „Aufrüstung bedeutet keine Sicherheit.“

In der Aula stellten die Schüler ihre Fragen an Pistorius: Es ging um die Sicherheitslage in Deutschland, Waffenlieferungen an Israel, ein mögliches Verbotsverfahren gegen die AfD und potenzielle Gefahren einer Aufrüstungsspirale – heruntergebrochen also um die innere und äußere Sicherheit in Deutschland.

Mit Pistorius auf dem Podium saßen die Schüler David Van den Bril und Patrick Sittner. Ein junges Moderatorenteam, das ohne Effekthascherei und souverän der Veranstaltung eine authentische Note gab.

Die Schüler wollten wissen, ob Pistorius wahrnimmt, dass viele junge Menschen die Debatte über den Wehrdienst, „als eine Entscheidung empfingen, die über unsere Köpfe hinweg getroffen wird.“ Und auch, „wie wollen Sie verhindern, dass eine Generation, die ohnehin schon stark belastet ist durch Klimakrise und Rentensystem, diese zusätzliche Pflicht nicht als ungerecht empfindet?“

Der Verteidigungsminister zeigte durchaus Verständnis, er habe dazu auch mit dem Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, Quentin Gärtner, gesprochen. Die Reform ziele indes darauf ab, den freiwilligen Wehrdienst attraktiver zu gestalten, damit eine Wehrpflicht nicht notwendig werde. Jede Generation lebe in ihrer Zeit und habe die jeweiligen Verantwortungen zu tragen. Die jungen Generationen hätten das Glück gehabt, in ruhigeren Zeiten aufzuwachsen, doch jetzt kämen wieder schwierigere Zeiten.

Nicht ohne Selbstironie, „ja ich weiß, der alte Opa erzählt vom Krieg“, setzte Pistorius immer wieder den Fokus auf Verantwortung: „Wenn aber alle sagen, das geht mich nichts an, soll doch der Staat machen oder Pistorius soll selber wieder die Uniform anziehen, dann wird dieses Land sich nicht verteidigen können.“

Der in Osnabrück geborene Verteidigungsminister Pistorius leistete seinen 15-monatigen Wehrdienst zu Beginn der 1980-iger Jahre. „Der Dienst war nicht immer toll“, gab er zu, aber die Zeit mit „fünf Mann auf der Stube“ habe ihn nachhaltig geprägt, „nicht zuletzt wegen der Kameradschaft“.

Das war zu einer Zeit als der Kalte Krieg und der Ost-West-Konflikt die Politik beherrschten. Er erinnere sich an eine kritische Situation kurz vor Weihnachten 1981, als in Polen die Gewerkschaftsbewegung Solidarność unter Druck stand und die Gefahr bestand, dass die Sowjetunion einmarschieren würde.

Die Einheit erhielt die Meldung: „Achtung, Weihnachten ist in Gefahr. Es könnte sein, dass ihr Bereitschaft hab. Uns ist das Herz in die Hose gerutscht“. Obwohl die Situation entschärft wurde, sei dies die „Realität über 40 Jahre“ gewesen. „Der brutale russische Überfall auf die Ukraine hat uns aber deutlich vor Augen geführt. Wir brauchen auch wieder militärische Stärke.“

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