Berlin Elektronische Fußfessel gegen häusliche Gewalt: Warum wir an der Wurzel scheitern
In Deutschland stirbt fast jeden Tag eine Frau durch die Gewalt ihres Partners oder Ex-Partners. Die Bundesregierung will potenziellen Tätern nun eine elektronische Fußfessel anlegen. Doch wer Gewalt gegen Frauen wirklich verhindern will, muss früher ansetzen.
Anfang November geschah es wieder: In Ludwigshafen erstach ein 39-jähriger Mann seine 37-jährige Frau in der gemeinsamen Wohnung. Nach dem Angriff rief der Täter die Polizei an und ließ sich abführen. Die zwei gemeinsamen Kinder leben jetzt bei der Familie der Mutter. In Deutschland passiert sowas beinahe täglich.
Die Bundesregierung setzt nun mit einem Gesetzesentwurf auf elektronische Fußfesseln, um gewalttätige Männer auf Abstand zu halten. Ein digitaler Schutzwall also, der dem Opfer Zeit verschafft und den Behörden die Möglichkeit gibt, schnell einzugreifen. In Spanien hat sich das Modell bereits bewährt. In Deutschland ist der Schritt längst überfällig.
Nun dürfen wir aber keinesfalls die Hände in den Schoß legen. Fußfesseln sind ein wirkungsvolles Instrument, lösen aber nicht das Problem. Die Ursache liegt tiefer: in patriarchalen Strukturen und übersteigertem Besitzdenken. Wer glaubt, eine Ortung per Satellit mache diese Muster unschädlich, unterschätzt deren Hartnäckigkeit.
De facto ist die Fußfessel eine Reaktion in allerletzter Minute. Die betroffenen Frauen haben bereits einen langen Leidensweg hinter sich – die Fußfessel soll nur das Schlimmste verhindern.
Und die traurige Wahrheit ist: Das System versagt häufig, lange bevor das elektronische Signal der Fußfessel überhaupt zum Einsatz kommt. Viele Taten werden erst gar nicht gemeldet. Und wenn doch, ist die frühzeitige Einschätzung der Gefährdungslage durch Polizei und Justiz oft mangelhaft. Die Technologie greift nur in Hochrisikofällen. Wie Studien zeigen, ereignen sich viele Femizide jedoch, obwohl das Risiko zuvor als niedrig eingestuft wurde.
Was der Regierung fehlt, ist der Mut zur gesellschaftlichen Offensive: verpflichtende Präventionsprogramme an Schulen, die Jungen frühzeitig beibringen, Männlichkeit nicht mit Macht und Dominanz zu verwechseln. Flächendeckende Fortbildungen für Polizei und Justiz, um Gewalt gegen Frauen und Mädchen besser zu erkennen – und ernst zu nehmen. Arbeitgeber, die Betroffene von geschlechtsspezifischer Diskriminierung aktiv schützen und Täterprogramme nicht als Softskill-Kurse abtun. Eine Kultur, in der Nachbarn, Freunde, Kollegen nicht wegsehen, sondern Verantwortung übernehmen.
Die Fußfessel rettet Leben in letzter Sekunde. Ein gesellschaftlicher Wandel würde Leben verändern – dauerhaft.