Sydney  Vergiftet, jetzt Aufklärerin: Überlebende warnt vor gepanschtem Alkohol

Barbara Barkhausen
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Von Barbara Barkhausen
| 17.11.2025 19:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Im beliebten Partyort Vang Vieng in Laos starben vergangenes Jahr sechs Touristen an einer Methanolvergiftung. Bereits 2011 gab es dort rund 30 Todesfälle im Zusammenhang mit gepanschtem Alkohol. Foto: IMAGO/Stella Pictures
Im beliebten Partyort Vang Vieng in Laos starben vergangenes Jahr sechs Touristen an einer Methanolvergiftung. Bereits 2011 gab es dort rund 30 Todesfälle im Zusammenhang mit gepanschtem Alkohol. Foto: IMAGO/Stella Pictures
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Vor einem Jahr starben in Laos mehrere Backpacker, nachdem sie gepanschten Alkohol getrunken hatten. Eine Überlebende hat es sich zur Aufgabe gemacht, dies in Zukunft zu verhindern. Sie übte Druck auf die laotische Regierung aus – und war erfolgreich.

Vor einem Jahr starben in Laos sechs junge Reisende aus Australien, Großbritannien, den USA und Dänemark, nachdem sie in der Backpacker-Stadt Vang Vieng gepanschten Alkohol getrunken hatten. Zum ersten Jahrestag der Tragödie wächst der Druck auf lokale Behörden; Überlebende wie die in Australien lebende Britin Bethany Clarke verwandeln ihre „Trauer in Aktion“, wie sie es gegenüber dem australischen Sender ABC formulierte.

Am Abend vor der Katastrophe tranken Clarke, ihre Freundin Simone White und weitere Freunde in ihrem Hostel. Am nächsten Tag fühlten sich beide ungewöhnlich erschöpft. „Simone übergab sich von ihrem Kajak aus“, sagte Clarke der ABC. Die jungen Frauen gaben zunächst wenig darauf – Katerstimmung bei Backpackern ist nichts Ungewöhnliches.

Doch die Symptome wurden schnell dramatisch. Clarke berichtete, sie habe während einer zweistündigen Busfahrt nur geschlafen; White erbrach sich weiter. Als die beiden schließlich in einem öffentlichen Krankenhaus in der Hauptstadt Vientiane Hilfe suchten, wurden sie falsch diagnostiziert und falsch behandelt – ein fataler Fehler.

Erst in einem thailändisch betriebenen Krankenhaus wurde die richtige Diagnose gestellt: Methanolvergiftung. Für Simone White kam die Hilfe zu spät. Sie fiel ins Koma, ihre Familie entschied, die lebenserhaltenden Maßnahmen zu beenden. In derselben Woche starben fünf weitere Reisende an vergifteten Getränken aus offenbar illegal produzierten Spirituosen. Das Hostel, das die alkoholhaltigen Getränke ausgeschenkt haben soll, steht laut ABC kurz vor der Wiedereröffnung.

Ein Post von Bethany Clarke auf einem Instagram-Account, der nach ihrer verstorbenen Freundin benannt ist:

Methanol ist chemisch eng mit dem Trinkalkohol Ethanol verwandt. Beide Flüssigkeiten sind klar, farblos und riechen ähnlich. Doch Methanol wird im Körper anders verstoffwechselt: Es zerfällt in Formaldehyd und anschließend in Ameisensäure – Stoffe, die die Mitochondrien, also die Energieproduzenten der Zellen, schädigen. Dadurch kommt es zu schweren Vergiftungen mit Symptomen wie Sehverlust, Bewusstseinsstörungen, Atemnot und im schlimmsten Fall Organversagen.

Bereits 20 bis 30 Milliliter können lebensgefährlich sein, warnte der forensische Mediziner David Ranson von der Monash University im vergangenen Jahr in einem Radiointerview. Besonders tückisch: Wenn Methanol mit Ethanol vermischt ist, treten Symptome oft erst verzögert auf – viele Betroffene trinken dann mehrere kontaminierte Cocktails, weil sie zunächst nichts merken.

Für Touristen in Südostasien, besonders in Regionen mit unregulierten Brennereien, ist das Risiko seit Jahren bekannt. In Indonesien sterben regelmäßig Menschen nach dem Konsum gepanschter Getränke, ebenso im indischen Subkontinent oder in Teilen Afrikas. Doch das Bewusstsein für die Gefahr ist gering – vor allem unter jungen Reisenden.

Bethany Clarke, die heute in Brisbane lebt, hat sich vorgenommen, das zu ändern. „Als Simone starb, versprach ich ihrer Familie, dass ihre Geschichte nicht vergessen wird und dass niemand anderes durchmachen muss, was wir durchgemacht haben“, sagte sie der ABC. Zusammen mit anderen Betroffenen gründete sie eine Kampagne, die Reisende über die Gefahren von Methanol informieren soll. Mit dabei: ein weiterer Überlebender aus Laos, der sein Augenlicht verlor, Angehörige von Opfern aus Vietnam und Bali sowie eine Schottin, deren Tochter auf Bali starb.

Die Initiative nutzt soziale Medien, erstellt Videos, sammelt Erfahrungsberichte und betreibt eine Change.org-Petition, die Regierungen in Australien und Großbritannien zu stärkerer Prävention auffordert. Besonders eindringlich ist Clarkes zentrale Botschaft: „Trinken Sie unterwegs keine Spirituosen.“ Shots, Mixgetränke, Cocktails aus Eimern, „und die Barkeeper, die Ihnen Sachen in den Hals gießen“, seien ein unkalkulierbares Risiko.

Sicherer sei es, Duty-Free-Alkohol mitzunehmen oder auf Dosenbier und Cider zurückzugreifen. Zudem rät die Kampagne, vor dem Ausgehen wichtige Dokumente mit Freunden zu teilen und die eigene Route mit Familie oder Reisepartnern abzustimmen – kleine Schritte, die in einer Notsituation Leben retten können.

Bethany Clarke schildert auf den Social-Media-Kanälen ihre Erfahrungen und ruft zur Unterstützung der Petition auf:

Die australische Regierung hat inzwischen erste Maßnahmen ergriffen. Nach den Todesfällen wurden an internationalen Flughäfen Warnhinweise eingeführt; Reisende, die in bestimmte Länder fliegen, erhalten Textnachrichten mit Sicherheitsinformationen.

Seit September gibt es den Online-„Partying Safely Hub“, der junge Menschen über Risiken im Ausland aufklären soll. Vor den diesjährigen „Schoolies“-Feierlichkeiten, eine australische Tradition bei Schulabgängern der 12. Klasse, veröffentlichte das Außenministerium zudem Merkblätter für beliebte Destinationen wie Bali, Thailand oder Vanuatu.

Doch während Canberra reagiert hat, bleiben die grundlegenden Fragen zur Tragödie selbst weitgehend unbeantwortet. Die Familien der Verstorbenen hatten bereits im vergangenen Jahr Aufklärung gefordert. Bis heute jedoch sind viele Fragen offen – etwa zur Quelle des Methanols, zur Kontrolle illegaler Brennereien oder zur strafrechtlichen Verfolgung. Clarke fordert mehr internationalen Druck: Länder müssten „ihre Strafverfolgung ernster nehmen, wenn es um Alkoholregulierung geht“, sagte sie der ABC.

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