Osnabrück  Weihnachtsmärkte absagen aus Angst vor Anschlägen? Warum die Idee skandalös ist

Lucas Wiegelmann
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Von Lucas Wiegelmann
| 19.11.2025 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Veranstaltungen der Vorfreude: Lebkuchen auf einem Weihnachtsmarkt in Hamburg Foto: picture alliance / ABBfoto
Veranstaltungen der Vorfreude: Lebkuchen auf einem Weihnachtsmarkt in Hamburg Foto: picture alliance / ABBfoto
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Die Stadt Magdeburg hat in diesen Tagen ernsthaft erwogen, den Weihnachtsmarkt abzusagen – aus Angst vor Anschlägen nach der Todesfahrt eines saudischen Mannes im vergangenen Jahr. Eine solche Absage, egal in welcher Stadt, darf es niemals geben. Dafür steht zu viel auf dem Spiel.

Als ich die Meldung in der vergangenen Woche gelesen habe, konnte ich sie erst gar nicht glauben: Ausgerechnet in Magdeburg, wo 2024 ein saudischer Mann namens Taleb al-Abdulmohsen auf einem Weihnachtsmarkt sechs Menschen totfuhr und hunderte weitere verletzte, hat die Stadtverwaltung jetzt ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, die neue Weihnachtsmarktsaison abzusagen. Die Sicherheitsbedenken, hieß es, seien zu groß.

Inzwischen hat Magdeburgs Bürgermeisterin die Veranstaltung zwar doch noch genehmigt, nachdem die Polizei die Sicherheitsvorkehrungen ein weiteres Mal verschärft hatte. Aber dass eine Absage auch nur im Raume stand, finde ich schon erschütternd genug. 

Ein Jahr nach der Todesfahrt des Taleb al-Abdulmohsen, der ja passenderweise derzeit in Magdeburg vor Gericht steht, hätte die Stadt ihren noch immer trauernden Bürgern um ein Haar sagen müssen, dass man sie nicht ausreichend vor einer Wiederholung schützen kann? „Staatsversagen“ ist ja immer so ein hässliches Wort, und es ist allzu schnell bei der Hand. Aber wie anders hätte man das in diesem Fall nennen sollen?

Wie gesagt: Zum Glück kommt es ja jetzt doch nicht so weit. Und vielleicht hat die Diskussion zumindest den positiven Nebeneffekt, dass sie uns noch einmal neu bewusst macht, was genau da eigentlich auf dem Spiel stand (und weiterhin steht; die Sicherheitsdiskussion gibt es ja nicht nur in Magdeburg). 

Denn natürlich sind Weihnachtsmärkte mehr als eine Ansammlung von Imbissbuden, Kinderkarussells und Verkaufsständen mit gedrechselten Kerzenhaltern, auch wenn diese Elemente dringend dazugehören. Weihnachtsmärkte sind Heimat. 

Sie werden noch heute buchstäblich auf denselben Domvorplätzen abgehalten, auf denen schon im Mittelalter die Korbflechter und Kuchenbäcker ihre adventlichen Geschäfte machten. Der Glühwein wiederum, den wir Nachfahren dort trinken, trägt dieselbe heitere Widersprüchlichkeit in sich wie die Nation, die ihn hervorgebracht hat: Einerseits ist er ein geradezu nüchternes Genussmittel in dem Sinne, dass er mit Blick auf eine optimale Anwendbarkeit bei niedrigen Außentemperaturen entwickelt wurde – sowas konnte wahrscheinlich nur den Deutschen einfallen. 

Zugleich aber steht der Wein natürlich für genau die Lebensfreude und Schwärmerei, die Außenstehende uns praktischen Deutschen immer gar nicht zutrauen. Und ähnlich wie im Karneval kommt in dieser Ausgelassenheit letztlich eine zarte Form von Zuversicht zum Ausdruck, die man wohl für einen Nachklang der christlichen Geistesgeschichte halten darf, auch wenn viele Besucher damit nichts mehr zu tun haben wollen: eine Art anonymes Gottvertrauen darauf, dass am Ende schon alles nicht ganz so schlimm kommen wird, wie es gerade den Anschein hat. 

Deshalb ist wahrscheinlich auch die Empörung immer so groß, wenn mal wieder irgendwo ein Weihnachtsmarkt in „Lichtermarkt“ oder „Genussmarkt“ umbenannt werden soll: Man muss ja kein Kirchgänger sein, um zu spüren, dass damit nicht eine Nebensächlichkeit des Ganzen angetastet wird, sondern der Kern. 

Wobei sich das ganze Ausmaß des Zaubers bestimmt sowieso nur näherungsweise beschreiben lässt, weil ihn jeder Mensch anders erlebt. Was ich persönlich zum Beispiel am allerbesten an den Weihnachtsmärkten finde, ist, dass sie sich immer ein bisschen so anfühlen, als hätten sie wohl einen Anfang, aber kein Ende.

Wenn Weihnachten oder Silvester oder mein Geburtstag oder der Urlaub vorbei sind, bin ich immer traurig: So lange freut man sich darauf, und dann soll es das schon wieder gewesen sein? Aber wenn auf dem Weihnachtsmarkt die Glühweinbuden schließen, wird die ganze Idylle aus Kerzen, Lebkuchen und „Last Christmas“ ja direkt danach noch einmal in verschärfter Weise fortgesetzt, zu Hause eben. Auf einem Weihnachtsmarkt kann man sich wochenlang in der träumerischen Wonne des Jahresendes suhlen, hat aber von den eigentlichen Feierlichkeiten noch nicht eine Minute verbraucht, sondern alles noch vor sich – im Grunde ein Wunder.

Und so gibt es wahrscheinlich ungefähr so viele Gründe dafür, auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, wie Menschen, die es tun. Gründe, die mit Freude zu tun haben und mit Hoffnung, mit Freiheit vielleicht, oder mit Tradition. Gründe, die dem Todesfahrer Taleb al-Abdulmohsen offenbar ein Dorn im Auge sind, und allen, die seine und ähnliche Taten rechtfertigen. Und auf jeden Fall Gründe, die gut genug sind, um an ihnen festzuhalten.

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