Osnabrück Eine Krippe voller Fragen: Osnabrücker Projekt bringt Inklusion, Kunst und Konflikte zusammen
Eine Krippe im Kasten: Menschen mit und ohne Behinderung haben in Osnabrück ein besonderes Stück geschaffen. Was es damit auf sich hat und wo es zu sehen sein wird – ein Werkstattbesuch im Kunstcontainer der Heilpädagogischen Hilfe.
In einem großen, geschlossenen Schaukasten aus Holz, der auf vier Stelzen steht, ist eine ganz besondere Krippe versteckt. Es handelt sich um das imposante Ergebnis eines gemeinschaftlichen Projekts der Museumspädagogik des Bistums, der Werkstätten und des Kunstcontainers der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück (HHO). Gebaut wurde es für die diesjährige Krippenausstellung im Diözesanmuseum.
Wie es am Ende aussehen würde, war am Anfang alles andere als klar. Die Workshop-Wochen im inklusiven Kunstcontainer in Sutthausen seien im positiven Sinne „anstrengend“ gewesen, erinnert sich Marita Westing, eine von zehn Erbauerinnen. Sie wurden von einem fünfköpfigen Planungsteam von der Idee über die Umsetzung bis hin zur Konzeption des Vermittlungsprogramms begleitet.
Es sei viel „diskutiert und gerungen“ worden, erinnert sich Kunstcontainer-Leiter Christoph Seidel, im Entstehungsprozess seien sich „nicht immer alle einig“ gewesen. Aus dem kreativen Diskurs entstand schließlich der Titel des Krippenprojekts: „Was suchst du?“. Er soll die Betrachter zum Nachdenken anregen. Die jeweils eigene Sichtweise muss erarbeitet werden, allein schon wegen der besonderen Bauweise, wie Museumspädagogin Jessica Löscher erläutert: Mit der geschlossenen Form habe man zunächst Barrieren aufgebaut, um sie dann aber in Form von sternförmigen Gucklöchern zu durchbrechen.
Dadurch soll auch ein Bewusstsein geschaffen werden, wofür unter anderem die HHO-Werkstätten stehen: ein barrierefreies, gemeinsames Arbeiten von Menschen mit und ohne Behinderung, das am Ende Unterschiedlichkeit nicht als Schwäche, sondern als Stärke erweist, indem sie eigentlich gar nicht mehr auffällt. Die Einblicke in das Innere der fertigen Krippe sind auf Augenhöhe platziert – nicht auf einer, sondern auf vielen für jegliche Menschengröße. Für Rollstuhlfahrer ist die Installation unterfahrbar.
In der HHO-Holzwerkstatt in Hilter wurde zunächst die Hülle geschaffen, in Sutthausen dann ihr Inhalt. Auf zwei zweckentfremdeten runden Käseplatten wurden Figuren platziert – einmal basierend auf historischen Fotografien aus Jerusalem und einmal aus einer Mischung unterschiedlicher Menschen, die einen Querschnitt der heutigen Gesellschaft abbilden sollen. Und dann gab es da noch die Idee für einen besonderen Dreh im wörtlichen Sinn: Durch einen Drehmechanismus wie bei einer Theaterbühne können die Betrachter von außen selbst für einen Perspektivwechsel sorgen.
Damit die Ausstellungsbesucher dies auch zu Hause tun können, wird eine kleinere Version mit nur einer Drehscheibe als Bausatz zum Selbermachen zum Preis von 149 Euro zu erwerben sein – ohne Inhalt, denn man wolle einen Raum dafür schaffen, sich die Frage „Was suchst du?“ selbst stellen und individuell beantworten zu können, erklärt Museumsdirektor Hermann Queckenstedt.
Anregungen dafür liefern auch die vier Wände, in denen die große Krippe ihr Zuhause gefunden hat. Sie zeigen als großformatige Bearbeitungen von Bildern oder Fotografien eine Stadtsilhouette, einen Sternenhimmel, Palästina im Mondlicht und ein feuerrotes Kriegsszenario. Man habe aktuelle, aber auch ganz allgemein Konflikte nicht ignorieren wollen, erläutert Seidel, wie es zu der Motivauswahl kam. Sie rundet eine gleichwohl quadratische Krippe ab, die auf unterschiedlichen Sinnesebenen mehr Zugänge zu Fragen ermöglicht als Antworten liefert. Die muss schließlich jeder für sich selbst finden. Gern auch im Dialog mit den Machern, die Führungen anbieten werden.