Osnabrück Haftbefehl in Osnabrück: „Ich bin clean“ – aber noch immer am Abgrund
Es ist der erste Auftritt von Haftbefehl, nachdem ihm ein Millionenpublikum auf Netflix fast beim Sterben zugesehen hat. Aus dem Drogensumpf habe er es heraus geschafft, sagt er am Freitag im Alando. Am Abgrund steht Deutschlands größter Rapper aber noch immer.
Man fragt sich, wie er in dieser Nacht auf der Bühne des Alandos stehen wird. Und wie er aussehen wird, dieser fast zwei Meter große Mann, der in der Netflix-Doku „Babo – Die Haftbefehl-Story“ sein aufgedunsenes Gesicht in die Kameras hält; das Ergebnis von jahrzehntelangem Kokainkonsum, der während der Dreharbeiten so zugenommen hat, das seine Nase nur noch aus vernarbtem Gewebe besteht. Zur Premiere in Berlin trug Haftbefehl eine Sturmmaske, um die sichtbaren Folgen seines selbstzerstörerischen Lebensstils zu verbergen.
Genie und Wahnsinn, lautet die These manches Kulturjournalisten, liegen dicht beieinander. Wenn diese Binsenweisheit jemals zugetroffen hat, dann auf den Rapper Haftbefehl. Von deutschen Musikern, solchen, die es wissen müssen, wird er als der größte Künstler der Deutschrap-Szene geadelt. Er selbst bezeichnet sich als Dreck.
Zu Terminen mit seiner Plattenfirma, zu Konzerten und Interviewterminen erscheint er entweder zu spät, an einem ganz anderen Ort oder gar nicht. Auch deshalb fragen sich die knapp 1800 Menschen im Alando Ballhaus, wann Haftbefehl zu seiner ersten Clubshow nach der Dokumentation kommen wird – und ob er überhaupt kommen wird.
Als Aykut Anhan, so heißt Haftbefehl mit bürgerlichem Namen, vor knapp 15 Jahren die Bühne betritt, hat er die hässlichsten Seiten des Lebens schon mehr als einmal erlebt. Aufgewachsen im tristen Plattenbau in Offenbach fängt er mit 13 Jahren an, mit Drogen zu dealen, nimmt selbst Kokain. Im Jahr 1999 muss Anhan dabei zusehen, wie sich sein Vater stranguliert. Kurz darauf nimmt der Vater sich tatsächlich das Leben.
Einen Ausweg sucht der heute 39-jährige Aykut Anhan im Hip-Hop, im Schreiben eigener Texte, in denen sich gerade die migrantische Jugend wiederfindet; junge Männer, die Friedrich Merz mit seiner Stadtbildaussage gemeint haben will, die nicht viel mehr haben, als ihre Männlichkeit, die sie als Schild durch die Straßen tragen. Diesem archaischen Dreiklang aus Härte, Ehre und Stärke gibt Haftbefehl einen Beat, eine Stimme und ein Gesicht.
„Haftbefehl, das ist Kindheit“, sagt Metih. Während sich der Großteil der Gäste dicht vor die Bühne im Alando Ballhaus drängt und wie festgewachsen auf den Auftritt von Haftbefehl wart, steht er etwas abseits. Mit seiner Jeanskutte, auf der Patches von Metalbands, eine Regenbogenflagge und ein „FCK AfD“ aufgenäht sind, wirkt er wie ein Fremdkörper zwischen den jungen Männern in Hemden und Frauen in kurzen Kleidern.
Es ist sein erstes Konzert, das nicht in einer Kneipe stattfindet. Eigentlich ist Hip-Hop nicht seins, sagt er, aber Haftbefehl sei so groß, so bekannt, den wolle er sich nicht entgehen lassen. „Es wird aggressiv“, sagt der 25-Jährige mit dieser weichen Stimme, die fast verschluckt wird von den dröhnenden Bässen, die alle zehn Minuten schwärzer, härter und lauter zu werden scheinen.
Um 1.10 Uhr, eine halbe Stunde früher als angekündigt, kommt Haftbefehl dann auf die von gigantischen Christbaumkugeln umrandete Bühne, mit einer zehnköpfigen Entourage aus grimmigen Männern, die nur aus Muskeln und Sehnen bestehen. „Ich bin clean“, sagt er gleich zu Beginn durch den schwarzen Stoff der Sturmmaske, die nur seine Augen freilässt. „Und ich hoffe, ihr seid es auch. Scheiß auf Drogen.“
Dann geht er los, dieser Auftritt, der einen ganzen Pulk aus Journalisten angezogen hat. Vier Lieder, darunter „Chabos wissen wer der Babo ist“, die Frankfurt-Hymne „069“ und „Rücken an der Wand“ gibt Haftbefehl zum Besten.
Er versucht es jedenfalls. Immer wieder müssen die beiden anderen Rapper, die neben ihm auf der Bühne stehen, übernehmen. Weil die Stimme wegbricht, das Schreien ins Mikro einen Hustenanfall auslöst oder gleich der ganze Körper versagt. Schon nach dem zweiten Lied muss Haftbefehl unterbrechen, zieht sich auf die Couch zurück und pausiert für einen ganzen Song.
Das Publikum feiert ihn trotzdem, so sehr, dass es für manche vor der Bühne zu eng wird, sie fast erdrückt werden von der springenden, schiebenden, tobenden Masse. Immer wieder werden junge Frauen in Glitzerkleidern aus der ersten Reihe gezogen, weil sie es nicht mehr aushalten. Nach vier Songs und 20 Minuten auf der Bühne ist es dann auch schon wieder vorbei.
„Habt noch viel Spaß beim Feiern“, ruft Haftbefehl heiser ins Mikro, während er dem Publikum schon den Rücken zeigt und von der Bühne steigt. Das war er also, der erste Auftritt eines Künstlers, nachdem ihm ein Millionenpublikum in den letzten Wochen beinahe beim Sterben zugesehen hat, der sich mit einer Überdosis Kokain das Leben nehmen wollte. Er sei clean, sagt Haftbefehl. Gesund ist Aykut Anhan aber noch lange nicht. Er steht noch immer am Abgrund – heiser, hustend und schwankend.