Osnabrück Letzter Halt: Pye! Ein abgehängter Osnabrücker Stadtteil fahndet nach seinen Stärken
Die Busse fahren selten, es gibt keinen Supermarkt, die einzige Hausärztin ist weggezogen: Pye fühlt sich abgehängt. Dabei hat der Ort Stärken. Ein Besuch der Oberbürgermeisterin half, sie zu beschwören. Und für ein Problem bahnt sich eine Lösung an – ganz ohne Pötters Zutun.
Es gibt viele Probleme, die Menschen in Pye an ihrem Stadtteil stören. Sauberkeit und Sicherheit gehören nicht dazu. Hier belegte der nördlichste Osnabrücker Ortsteil den Spitzenplatz in einem Ranking, das unsere Redaktion mittels einer Umfrage unter mehr als 5000 Osnabrückern erstellt hat. Allerdings brillierte Pye nur in dieser Kategorie. In der Gesamtschau landete der Stadtteil ganz unten. Kein Ort schnitt schlechter ab.
Ein Besuch von Katharina Pötter am Donnerstagabend im Pyer Schützenhaus geriet deshalb zur Spurensuche: „Wie konnte das passieren?“, fragte die Oberbürgermeisterin. Was macht die knapp 3000 Pyer eigentlich so unzufrieden? Und ist ihr Unmut überhaupt berechtigt?
Der Ortsverein der CDU hatte zum „politischen Abend“ geladen. Rund 120 Bürger folgten der Einladung. Und damit zurück zum Thema Sauberkeit. In Pye fegten die Leute noch selbst vor der eigenen Haustür, sagte der CDU-Ortsvorsitzende Heinrich Halbrügge. Und dass die Pyer so vorbildlich fegten und sich sicher in ihrem Viertel fühlten, habe womöglich damit zu tun, „dass hinter jedem Fenster einer mit der Flinte steht.“ Gelöstes Gelächter im Schützenhaus.
Damit setzte der Ur-Pyer Halbrügge den Ton für einen Abend, der bewies, dass die Menschen dort ihrem Selbstverständnis als abgehängter Stadtteil durchaus mit Selbstironie zu begegnen in der Lage sind. Die Chance, mit der Oberbürgermeisterin ins Gespräch zu kommen, solle keine „Meckerstunde“ werden, so kündigte es Halbrügge an, um augenzwinkernd zu ergänzen: „Wobei wir nicht Pye wären, wenn das nicht der Fall wäre.“ Im Viertel fehle ein Supermarkt, es gebe nur noch eine Kneipe und deshalb kaum Begegnungsmöglichkeiten.
Hier kam Rita Feldkamp ins Spiel. Die Pyerin und stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende im Stadtrat übernahm die Aufgabe, das Vereins- und Gemeindeleben in Pye vorzustellen. Vom Gruppenleiter der Gemeindejugend über die Sportvereins-Vorständin, den einzig verbliebenen selbstständigen Landwirt des Orts bis hin zur Seniorin befragte Feldkamp Ehrenamtliche, Gemeindevertreter und herausgehobene Persönlichkeiten zu ihrem Engagement in Pye.
Das bewies sich als cleverer Schachzug: Der Oberbürgermeisterin in der ersten Publikumsreihe präsentierte sich ein lebendiges Vereins- und Gemeinschaftsgefüge, das anderswo seinesgleichen suchen dürfte. Wenn schon die Infrastruktur fehlt, auf uns und unser Verbundenheitsgefühl können wir uns verlassen, so ließe sich die Botschaft zusammenfassen.
Wobei die Bedingungen dafür, für Pye etwas auf die Beine zu stellen, schwerer würden, schilderte etwa Jugendgruppenleiter Robin Witte. So sei der traditionelle Winterball im Piesberger Gesellschaftshaus in Gefahr, weil sich die Mietkosten verdoppelt hätten.
Die kleine Turnhalle im Ort biete unter ihrem Dach nicht genug Platz für Schulsport und Vereine, ein Bouleplatz für Ältere wäre toll, der Schützenverein brauche einen Haufen Geld für Sanierungen, die Busse führen zu selten und nicht immer zuverlässig, die weggezogene Hausärztin fehle und ein Lebensmittelgeschäft ohnehin.
Nach und nach kristallisierte sich durch Fragen von Rita Feldkamp und Wortmeldungen aus dem Publikum dann doch heraus, wo in Pye überall der Schuh drückt. Es sind thematische Dauerbrenner. Katharina Pötter hörte zu, versprach einigen Anliegen hinterherzugehen (Busausfälle), machte an anderer Stelle aber klar, dass es nicht in ihrer Macht liege, das ohnehin schon knappe Geld der Stadt zu verteilen. Das sei Aufgabe des Stadtrats.
Dass sich indes kein Supermarkt ansiedle, habe schlicht mit der zu geringen Bevölkerungsgröße und der fehlenden Kaufkraft des Stadtteils zu tun, erklärte Pötter. Beim Thema Ärzteversorgung wurde die CDU-Oberbürgermeisterin noch deutlicher: Die Chance, die Hausärztin im Ort zu halten, habe die Pyer Bevölkerung ein Stück weit selbst verspielt. „Wenn man Infrastruktur will, muss man sich zumindest im Stadtteil einiger werden“, hielt sie fest.
Für ein Problem deutete sich indes noch während des Abends eine Lösung an – und das fast ohne Pötters Zutun. Manchmal helfe ein Nachfragen mit „sanftem Druck“, ob es nicht doch günstiger gehe, gab sie der Pyer Jugend für ihren Winterball im Piesberger Gesellschaftshaus als Tipp. Und siehe da: Es meldete sich ein Vertreter des Hauses zu Wort. Die Betriebskosten gingen durch die Decke. Aber: „Bitte sprecht mit uns“, forderte er die Jugend auf. „Wir möchten, dass ihr zu uns kommt.“
Auch das ist Pye.