Berlin Ausgerechnet das Kinderhilfswerk warnt vor einem TikTok-Verbot: Das sind die Gründe
Die Rufe nach einem Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche werden angesichts der teils dramatischen Folgen von Tiktok und Co. für junge Menschen lauter. Jetzt meldet sich das Kinderhilfswerk mit einer überraschenden Meinung in der Debatte zu Wort.
Das Deutsche Kinderhilfswerk warnt entschieden vor einem pauschalen Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche. Geschäftsführer Kai Hanke sagte unserer Redaktion: „Pauschale Verbote entmündigen Kinder und Jugendliche und stehen in krassem Widerspruch zu ihrem in der UN-Kinderrechtskonvention garantierten Recht auf digitale Teilhabe sowie den Aufbau von Medienkompetenz. Ist das notwendige Mindestalter dann erreicht, sind die jungen Menschen wieder denselben Mechanismen unterworfen, allerdings ohne zuvor Medienerfahrungen mit den Risiken der Nutzung gesammelt zu haben und dann umso anfälliger für ihre Wirkung.“
Ein Verbot sei „pädagogisch zu kurz gegriffen“ und könne zudem zu einer weiteren Benachteiligung von jungen Menschen aus bildungsfernen Familien beitragen. „In unserer zunehmend digital geprägten Lebenswelt dürfen Kinder und Jugendliche nicht außen vor bleiben. Wir brauchen kindgerechte digitale Rückzugsräume und konsequente Ansätze für die Vermittlung von Medienerziehungskompetenz an Eltern schon im frühkindlichen Bildungsbereich“, fordert Hanke.
Zuletzt hatte Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) einen wirksameren Kinder- und Jugendschutz in sozialen Netzwerken angemahnt. Alle bisherigen Regeln und Gesetze schützten zu wenig oder gar nicht, sagte die Ministerin bei einer CDU-Veranstaltung zu dem Thema. Unter anderem forderte sie jeglichen Verzicht auf Medien in den ersten drei Lebensjahren und schloss sich damit der Kampagne „Bildschirmfrei bis drei“ von Kinder- und Jugendärzten an. Die bundesweite Elterninitiative „Smarter Start“, die 250.000 Unterschriften für eine Petition im Bundestag gesammelt hat, möchte ein gesetzliches Mindestalter von 16 Jahren für soziale Medien einführen. Als Vorbild gilt etwa Australien, das ab Dezember ein solches Verbot umsetzen will.
Das Deutsche Kinderhilfswerk warnt nun vor einer sich „immer weiter verkürzenden Debatte um Social-Media-Verbote für Kinder und Jugendliche“. Stattdessen bräuchte es „differenzierte Begriffe von Angeboten Sozialer Medien und wir brauchen vor allem ein differenziertes, altersgerechtes Angebot zur digitalen Teilhabe aller Kinder und Jugendlichen“. „Pauschale Medienverbote könnten zwar den Zugang zu riskanten Online-Räumen erschweren, doch ein kompetenter und sicherer Umgang wird nur in der aktiven Nutzung junger Menschen erlernt“, sagte Hanke. Die Kinderrechtsorganisation sehe zwar auch, dass ein grundsätzlicher Regulierungsbedarf besteht. „Hier könnten eigenständige Europäische Plattformen, die nicht den Zwängen der Aufmerksamkeitsökonomie unterliegen, eine Lücke schließen, die durch eine Zugangsbeschränkung zu sozialen Medien entstehen würde“, so die Forderung. Jede Entscheidung für ein Verbot sozialer Meiden würde junge Menschen aber in ihrem Recht auf den Zugang zu Medien beschneiden.