Osnabrück  Zwischen Stadtbus und Schnelllinie: Region Osnabrück diskutiert die Mobilitätswende

Jean-Charles Fays
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Von Jean-Charles Fays
| 13.11.2025 13:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die Schnellbuslinie S40, Teil des Mobilitätsprojekts MOIN+, startete im Februar 2024 und fährt von Bad Laer über Glandorf, Bad Iburg und Georgsmarienhütte-Oesede bis nach Osnabrück. Foto: Manuel Wozniak
Die Schnellbuslinie S40, Teil des Mobilitätsprojekts MOIN+, startete im Februar 2024 und fährt von Bad Laer über Glandorf, Bad Iburg und Georgsmarienhütte-Oesede bis nach Osnabrück. Foto: Manuel Wozniak
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Wie gelingt die Mobilitätswende in der Region Osnabrück? In der Volkshochschule Osnabrück stritten Politiker aus Stadt und Landkreis über den 264 Seiten starken Nahverkehrsplan – zwischen Pünktlichkeit, Teilhabe und digitaler Vernetzung.

Wie gelingt die Mobilitätswende in Stadt und Landkreis Osnabrück? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion in der Volkshochschule Osnabrück. Der Entwurf des fünften Nahverkehrsplans – 264 Seiten stark – legt fest, wie Busse, Bahnen und neue Mobilitätsformen in der Region bis 2030 organisiert werden sollen. Im Dezember wollen Stadtrat und Kreistag darüber entscheiden.

Schon im Vorfeld war Kritik laut geworden: Sieben Verkehrs- und Umweltgruppen, darunter der ADFC und das Umweltforum, bezeichneten den Entwurf als „nicht ehrgeizig genug“. Sie fordern klarere Ziele und eine stärkere Verknüpfung von Bus-, Rad- und Fußverkehr.

Einigkeit herrschte vor allem in einem Punkt: Der Nahverkehr hat ein Pünktlichkeitsproblem. Fast jeder dritte Bus im MetroBus-Netz der Stadt Osnabrück ist unpünktlich. Im Entwurf des Nahverkehrsplans ist in von „messbaren Pünktlichkeitsquoten von teilweise unter 70 Prozent“ die Rede. Fahrten gelten als verspätet, wenn sie mehr als drei Minuten zu spät oder über eine Minute zu früh sind. Geprüft werden Maßnahmen zur Busbeschleunigung, um diese Schwächen zu beheben. CDU-Kreistagsmitglied Martin Bäumer (CDU) forderte „Verlässlichkeit und feste Takte, auf die sich die Menschen verlassen können“. Der Glandorfer, der vor zwei Jahren sein Auto abgeschafft hat, reist inzwischen regelmäßig mit dem Bus – auch zu Kreistagssitzungen ins Osnabrücker Kreishaus – und kennt so den Busverkehr in Stadt und Land aus eigener Erfahrung. „Man sollte nicht dauernd nachsehen müssen, wann der Bus fährt – man muss sich darauf verlassen können“, sagte er. Die Schnellbusse hätten gezeigt, dass die Verbindung zwischen Stadt und Land effizienter werden könne.

Das Kreistagsmitglied der Grünen, Birgit Wordtmann, verwies auf die Defizite im ländlichen Raum. Sie selbst reiste aus Glandorf-Schwege mit dem Auto zur Podiumsdiskussion am Abend in Osnabrück an und verwies darauf, dass der Bürgerbus vor Ort nur bis 18 Uhr fahre und es danach keine ÖPNV-Alternative gebe, um den Zentralen Omnibusbahnhof – und damit den Schnellbus – in Glandorf zur erreichen. Der Nahverkehr müsse flexibler werden, um mehr Menschen zu erreichen. „Schnellbusse, Ringverbindungen und On-Demand-Angebote können helfen, die Dörfer besser anzuschließen.“

SPD-Stadtratsmitglied Heiko Panzer betonte, Osnabrück müsse Busse im Stadtgebiet stärker bevorzugen. „Wenn der Landkreis in Schnellbusse investiert, dürfen wir sie in der Stadt nicht im Stau stehen lassen.“ Separate Busspuren, Ampelvorrang und intelligente Steuerung seien dafür entscheidend.

Für den Osnabrücker Thomas Groß (Linke) ist das nicht genug: Er kritisierte, der Plan bleibe in seinen Zielen zu defensiv. „Wenn man die Klimaziele ernst nimmt, reicht es nicht, den Status quo zu verwalten. Der ÖPNV-Anteil muss deutlich stärker steigen.“

Der fünfte Nahverkehrsplan setzt stark auf Digitalisierung und flexible Bedienformen. Echtzeitinformationen, bargeldloser Ticketverkauf und automatisierte Fahrgastzählung sollen in den kommenden Jahren zum Standard werden. Auch das Projekt „Lütti“, der On-Demand-Verkehr im Landkreis, soll bis April 2026 fortgeführt werden – allerdings nur in Melle und Bramsche, wo die Kommunen das Angebot größtenteils selbst finanzieren. Die Samtgemeinde Bersenbrück verzichtet auf eine Fortführung im kommenden Jahr. Bestehen bleiben außerdem die Schnellbuslinien S20 (Osnabrück–Bad Essen), S40 (Osnabrück–Bad Laer–Glandorf) und die Linie 260 (Bohmte–Bramsche), die sich als Erfolg des Projekts MOIN+ erwiesen haben.

Wie sozial ist der Nahverkehr? Diese Frage zog sich durch die gesamte Diskussion. Wordtmann betonte, On-Demand-Angebote wie das MOIN+-Projekt könnten Mobilität für Menschen ohne Auto endlich auch auf dem Land sicherstellen. „So ein flexibler Verkehr ermöglicht Teilhabe – für Jugendliche, Senioren und alle, die nicht selbst fahren können.“

Das Projekt „Lütti“, das im Rahmen von MOIN+ als Bus auf Abruf eingeführt wurde, läuft offiziell Ende 2025 aus. Da der Start später erfolgte als geplant, soll der On-Demand-Verkehr bis April 2026 verlängert werden – allerdings nur in Melle und Bramsche. Dort wird das Angebot weitgehend aus eigenen Mitteln fortgesetzt, während die Samtgemeinde Bersenbrück auf eine kommunale Weiterführung verzichtet.

Ebenfalls weiterfahren werden die Schnellbuslinien S20 (Osnabrück–Bad Essen), S40 (Osnabrück–Bad Laer–Glandorf) sowie die Regiobus-Linie 260 (Bohmte–Bramsche), die als besonders erfolgreiche Bestandteile des MOIN+-Projekts gelten. Bäumer lobte die Schnellbusse ausdrücklich: „Das sind Linien, die zeigen, dass man auch ohne Auto zügig und bequem in die Stadt kommt.“

Während Panzer betonte, Osnabrück müsse den ÖPNV-Anteil am gesamten Verkehr von derzeit acht auf etwa 20 Prozent steigern, plädierte Bäumer für Realismus: „Im Landkreis werden wir nie jeden Ort im Halbstundentakt anbinden können.“ Der SPD-Politiker hielt dagegen: „Dann müssen wir wenigstens dort, wo der Bus fährt, schnell und attraktiv sein.“

Uneinigkeit herrschte bei der Frage eines gemeinsamen Verkehrsverbunds. Panzer sprach von „zarten ersten Schritten“ in der Planos, der gemeinsamen Planungsgesellschaft für die Region Osnabrück. Bäumer hielt einen echten gemeinsamen Verkehrsverbund für Stadt und Landkreis aber für unrealistisch: „Die privaten Unternehmen im Landkreis machen einen guten Job. Wir brauchen Zusammenarbeit, aber keinen Einheitsbetrieb.“

Grünen-Politikerin Wordtmann sah in einem großen Verkehrsverbund vor allem auch großen Aufwand, aber nicht die Lösung: „Ein solcher Umbau würde Jahre dauern.“ Sie empfahl, die Akteure über eine gemeinsame App zu verbinden. Über digitale Vernetzung könnten Bürgerbusse, Taxis und Linienverkehre flexibel miteinander kombiniert werden.

Thomas Groß (Linke) ging das nicht weit genug: „Das System ist absurd. Wir brauchen einen Verkehrsverbund, der Planung und Tarife aus einer Hand ermöglicht.“ Der Entwurf des Nahverkehrsplans setze zu geringe Maßstäbe, sagte er, und verwies auf Heidelberg, wo laut TU Dresden über 80 Prozent der Wege mit Bus, Bahn, Rad oder zu Fuß zurückgelegt werden – bundesweit ein Spitzenwert. Außerdem fehle im fünften Nahverkehrsplan ein Sozialticket für Menschen mit geringem Einkommen: „Mobilität darf keine Frage des Geldbeutels sein.“

Alle wollen mehr Pünktlichkeit, bessere Takte und moderne Angebote – doch bei Tempo, Finanzierung und Struktur gehen die Meinungen auseinander. Bäumer warb am Ende für mehr Offenheit: „Ich wünsche mir, dass die Bürgerinnen und Bürger einfach mal Lust haben, den ÖPNV auszuprobieren.“ Panzer forderte Mut zur Veränderung, Wordtmann mehr Flexibilität, und Groß mahnte, „dass der politische Wille zur Verkehrswende endlich spürbar werden muss.“

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