Dorfgasthof Neustart des Holtroper Krugs steht auf der Kippe
Nach zehn Monaten soll der Holtroper Krug am 15. November wieder öffnen. Doch mehrmals täglich steht die Polizei dort vor der Tür. Hat jemand etwas gegen den Untermieter, einen Auricher Motorradclub?
Holtrop - Vor fast zehn Monaten, am 25. Januar 2025, haben Rainer und Janina Preuß den Holtroper Krug geschlossen. Seitdem ist hinter den Türen des Großefehntjer Traditionsgasthofs viel passiert. Nachdem das Gebäude kurz darauf in das Eigentum des Handwerksunternehmens Trend-Wände aus Ostgroßefehn übergegangen war, wurde monatelang renoviert und geplant. Doch was genau aus dem Holtroper Krug werden soll, blieb lange ein wohlgehütetes Geheimnis.
Jetzt hat die neue Pächterin das Schweigen gebrochen: Am Samstag, 15. November 2025, sollte eigentlich wieder Leben in den Krug einkehren. „Ich habe jedenfalls alles dafür vorbereitet“, sagt Christa Siebels. Um den Dorfgasthof wiederzubeleben, ist sie extra von der Küste nach Holtrop gezogen und wohnt nun in der Wohnung über dem Krug. Auch ihre Tochter Celina Siebels bricht in Espenschied in Hessen gerade ihre Zelte ab, um beim Neustart zu helfen.
Holtroper Krug in Großefehn: der Neuanfang
Geplant sind zunächst Kneipenabende an drei Tagen in der Woche mit schneller Küche – von Currywurst mit Pommes über Bratkartoffeln bis Fischfilet. Dazu kommen wie zu Zeiten der Familie Preuß Saalvermietungen für Feiern und Vereinsfeste sowie ein Bikertreff im Sommer. Viel Eigenleistung, familiärer Zusammenhalt und die Unterstützung aus dem Dorf stecken bereits in dem Projekt. Ziel ist es, den Krug wieder zum lebendigen Treffpunkt für Holtrop und Umgebung zu machen.
Doch kurz vor dem Neustart gibt es Probleme – und die Eröffnung steht plötzlich auf der Kippe. Eigentlich schien alles auf einem guten Weg: Die Renovierungsarbeiten sind abgeschlossen, Getränke und Vorräte stehen bereit, die ersten Feiern sind bereits gebucht. Dann kam der Anruf vom Ordnungsamt wegen der Genehmigung – und plötzlich war alles anders.
Liegt es am Untermieter, dem Motorradclub „Mala Compagnia“?
„Uns wurde gesagt, wir dürfen auf keinen Fall öffnen, solange nicht alle Papiere vollständig sind“, berichtet Christa Siebels. Dabei hatte sie den Gewerbeschein schon für Anfang November beantragt und nach eigenen Angaben von der Gemeinde sogar die mündliche Zusage bekommen, dass alle Unterlagen vollständig seien und sie ruhig schon loslegen könne. Jetzt heiße es plötzlich: Die Tür bleibt zu. Das ist nicht die einzige Sache, die die neue Betreiberin in die Verzweiflung treibt. Denn mehrmals täglich stehe die Polizei vor der Tür.
Begonnen haben die regelmäßigen Observationen laut Siebels, als bekannt wurde, dass der große Saal an den Auricher Motorradclub „Mala Compagnia“ vermietet wurde. Das hat einen wichtigen Grund. Die Sanierung der Küche, die Renovierung der Räume und die neue Dekoration haben ein großes Loch in die Familienkasse gerissen. Für den noch unrenovierten großen Saal suchte die Familie deshalb nach Alternativen.
Personalmangel in der Gastronomie und kreative Lösungen
Über ihren Sohn kam der Kontakt zum Motorradclub zustande – und man wurde sich einig. Der Deal schien für beide Seiten ein Glücksgriff: Der Club „Mala Compagnia“ hat einen festen Vereinsraum – und der Holtroper Krug kann mit den Mieteinnahmen einen Teil der laufenden Kosten decken. „Ohne diese Einnahmen wäre die Neueröffnung für uns kaum zu stemmen“, sagt Christa Siebels.
Nicht nur finanziell bringt die Zusammenarbeit Vorteile: Frauen aus dem Club haben angeboten, beim Thekendienst zu helfen. Das ist für Christa Siebels eine echte Erleichterung, denn Personal zu finden ist in der Gastronomie derzeit alles andere als einfach. „Gerade für die ersten Wochen wäre das eine große Hilfe“, sagt Siebels. Auch für die geplanten Bikertreffs im Sommer wäre die Unterstützung Gold wert.
Steiniger Weg zur Wiedereröffnung des Holtroper Krugs
Für die Betreiberin steht fest: Hier geht es nicht um zwielichtige Machenschaften, sondern um eine pragmatische Lösung, die dem Krug und dem Dorf zugutekommt. „Die Jungs sind Handwerker, Familienväter, keine Kriminellen“, betont Michael Wilkens, der seine Mutter beim Neustart unterstützt. Trotzdem sorgt offenbar das Wort „Motorradclub“ für Unruhe – und bringt das ganze Projekt ins Wanken.
„Die Polizei steht regelmäßig vor unserer Tür und filmt uns sogar“, berichtet Siebels. Dabei hat sie die neuen Untermieter bisher als besonders zuvorkommend kennengelernt. „Die sind respektvoll und ruhig. Ich bekomme überhaupt nicht mit, wenn sie hier sind“, sagt Siebels. Kein lautes Knattern und keine aufgedrehten Motoren. „Wenn ich nach ihren Treffen unten nachsehe, ob das Licht aus ist und alles in Ordnung ist, sieht es aus, als wäre eine Putzkolonne da gewesen.“
Nachbarn in Holtrop unterstützen den Holtroper Krug
Auch die Nachbarn haben die neuen Untermieter längst kennengelernt: Beim Nachbarschaftsgrillen am 18. August 2025 wurde gemeinsam gefeiert und geklönt. „Wir haben uns hier pudelwohl gefühlt“, sagt Monika Djuren, die direkt gegenüber wohnt. Der Motorradclub stellte eine Hüpfburg, den Grill und Salate: „Das war richtig schön, alle waren nett, es gab keine Probleme – im Gegenteil, viele freuen sich, dass hier endlich wieder etwas los ist.“
Für Djuren ist klar: „Man sollte froh sein, wenn jemand den Mut hat, so einen Laden wieder aufzumachen. Es ist doch schwer genug, in der Gastronomie überhaupt noch jemanden zu finden.“ Auch andere Holtroper bestätigen: Die Stimmung im Dorf ist überwiegend positiv. Viele scharren schon mit den Hufen, wann es endlich losgeht. Sogar aus anderen Orten kommen bereits Anfragen für Feiern und Veranstaltungen, so Siebels.
Zukunft des Holtroper Krugs: Entscheidung liegt bei der Gemeinde
Dass die Zusammenarbeit mit dem Motorradclub für so viel Wirbel sorgt, können viele nicht nachvollziehen. „Ich habe überhaupt kein ungutes Gefühl, wenn die da sind“, sagt Djuren. Sie hat bereits für ihren 70. Geburtstag am 30. November 2025 einen Saal gebucht – und wäre enttäuscht, wenn der Termin ins Wasser fiele. Auch andere Feiern sind bereits geplant. „Wir wollen die Gastronomie im Ort schließlich nach allen Kräften unterstützen.“
Wie es weitergeht, entscheidet sich in den nächsten Tagen. „Wir wünschen uns einfach, dass wir eine faire Chance bekommen“, sagt Christa Siebels. Aus der Gemeindeverwaltung meldet sich Bürgermeister Erwin Adams (parteilos): „Ich begrüße das Vorhaben von Frau Siebels (...). Sollte die Überprüfung ergeben, dass keine Bedenken gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen, kann aus Sicht der Gemeindeverwaltung die Gaststätte in Kürze eröffnet werden“, schreibt er.
Das sagt die Gemeindeverwaltung zur Genehmigung
Ausschlaggebend für die Verzögerungen sei nicht der Motorradclub. Es sei geregelt, dass eine Eröffnung vier Wochen vor dem Start angezeigt werden muss, schreibt Adams. Da das ausgefüllte Formular erst am 3. November eingegangen sei, laufe die Frist ab dem Zeitpunkt. Für eine Freigabe müssen ein polizeiliches Führungszeugnis und ein Auszug aus dem Gewerbezentralregister vorliegen. Diese Unterlagen hat das Ordnungsamt angefordert. Sie sind aber laut Gemeinde noch nicht vollständig.
Erst wenn diese Dokumente geprüft und keine Bedenken festgestellt wurden, kann die endgültige Freigabe für die Eröffnung erteilt werden. Parallel wurden – wie gesetzlich vorgeschrieben – auch andere Behörden wie Bauaufsicht, Lebensmittelüberwachung und Finanzamt informiert. Ob und wie diese Stellen aktiv werden, liegt in deren Ermessen. Bis alle Formalitäten erledigt sind, muss die Eröffnung des Holtroper Krugs also noch warten.
Das sagt die Polizei zu häufigen Besuchen in Holtrop
Über die Zusammenarbeit mit dem Motorradclub sei die Gemeinde durch Christa Siebels informiert worden. Es stehe der Betreiberin frei, wen sie in ihrer Gaststätte beschäftigt und bewirtet, schreibt Adams. Ebenso stehe es natürlich der Polizei frei, ob, wen und wann sie observiert. Doch was genau steckt hinter den häufigen Besuchen der Polizeibeamten in Holtrop? Auf eine Presseanfrage heißt es aus der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund, dass die Beamten verschiedene Objekte im Landkreis Aurich im Blick hätten, um frühzeitig Erkenntnisse über die Ansiedlung von sogenannten Onepercenter-Clubs festzustellen.
Bei diesen Clubs handelt es sich um Motorradclubs, die sich jenseits der Legalität in teils mafiösen Strukturen organisieren. Sympathisierende Clubs können sich innerhalb der Hierarchie durch gewisse Leistungen hocharbeiten. Die Polizei behält deshalb auch Charter im Blick, die verbotene Clubs oder Chapter unterstützen. „Dabei zeigt die Polizei offen und sichtbar Präsenz“, heißt es in der schriftlichen Antwort.
Ein Zeichen für eine Nähe zu solchen „Onepercenter“-Clubs sei eine mit dem Wappen des MC „Mala Compania“ beworbene geschlossene Veranstaltung, bei der Motorradclubs aus ganz Deutschland nach Holtrop eingeladen wurden. Das sei eine in diesen Kreisen übliche Clubhaus-Eröffnung. Sie war für den 22. November 2025 im Holtroper Krug geplant, wurde aber inzwischen nach Gesprächen mit der Gemeinde abgesagt. Auch die Farbe des Wappens des MC „Mala Compania“ lasse eine Nähe zu einem Onepercenter-Club vermuten, heißt es weiter. Deshalb werden die Beamten den Holtroper Krug, beziehungsweise den darin beheimateten Motorradclub, auch weiterhin im Auge behalten.