Berlin  Trump-Influencer bei Beatrix von Storch: Was die AfD von Alex Bruesewitz will

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 06.11.2025 15:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Alex Bruesewitz, einer der Chef-Strategen hinter Trumps Social-Media-Wahlkampf, hat die AfD besucht. Foto: IMAGO/Avalon.red/Jennifer Graylock
Alex Bruesewitz, einer der Chef-Strategen hinter Trumps Social-Media-Wahlkampf, hat die AfD besucht. Foto: IMAGO/Avalon.red/Jennifer Graylock
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Beatrix von Storch (AfD) hat Trumps Chef-Influencer in den Bundestag eingeladen. Wir haben uns angehört, was die AfD den MAGA-Strategen Alex Bruesewitz so alles gefragt hat.

Zu den Vätern von Trumps Wahlsieg gehört auch ein halbes Kind, wenn nicht gar ein Wunderkind: Hinter der Idee, Donald Trump in rechte Podcasts zu schicken und so Amerikas wütende junge Männer zu erreichen, steckt Alex Bruesewitz. Der Mann ist erst 28 Jahre alt, hat schon eine millionenschwere Berateragentur gegründet und wird vom „Time Magazine“ zu den 100 einflussreichsten Aufsteigern des letzten Jahres gezählt. Seine Karriere, erzählt er, begann noch an der Schule mit Trumps erster Kandidatur. Bruesewitz schrieb damals Pro-Trump-Tweets – sein politisches Idol verbreitete sie weiter.

Jetzt netzwerkt der Star der MAGA-Bewegung („Make America Great Again“) mit der deutschen Rechten. Bruesewitz steht neben Beatrix von Storch im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, einem Bundestagsbau direkt an der Spree. Die AfD-Fraktion hat Trumps Top-Strategen für einen Vortrag gewonnen. Thema sind „Der globale Kampf um die Wahrheit“ und die Frage, „wie Konservative die Deutungshoheit zurückgewinnen können“. Ein Buch darüber hat Bruesewitz auch schon geschrieben. Von Storch, stellvertretende Fraktionschefin und heute die Gastgeberin, empfiehlt es zur Lektüre.

In den sozialen Medien hat die Alternative für Deutschland schon jetzt enorme Reichweiten. Fast fragt man sich, was die Partei von einem Trump-Influencer noch lernen kann. Aus seiner Rede erfährt man es nicht. Seine Strategie thematisiert Bruesewitz erst, als die Rede schon vorbei ist – im Publikumsgespräch danach. Ein Mann, der sich als Teil von Alice Weidels Social-Media-Team vorstellt, fragt nach Tipps. Bruesewitz rät zu positiven Botschaften. Mit dem „Woke-Virus“ infizierte „Linksradikale“, so sein Gedanke, sind immerzu wütend. Als Antwort empfiehlt er eine fröhliche Zuversicht, die er selbst im christlichen Lebensstil finde.

Bruesewitz’ Vortrag ist alles andere als heiter. Wie seine AfD-Vorredner bedient auch er eine Untergangsrhetorik und schwört auf Kämpfe ein. Ruben Rupp, der digitalpolitische Sprecher der AfD-Fraktion, zitiert Trumps Schlachtruf „Fight, fight, fight!“ Bruesewitz redet einem „christlichen Nationalismus“ das Wort und spricht vom „spirituellen Krieg“.

Wie man die Deutungshoheit im Digitalen gewinnt, verrät der Experte nicht. Stattdessen feiern der Redner und sein Publikum sich in ihren gemeinsamen Themen. Es geht gegen offene Grenzen und globale Institutionen, gegen Transgender-Gesetze, die E-Mobilität und natürlich auch gegen ein AfD-Verbot. Bruesewitz wirkt weniger kernig als auf Fotos. Seine Rede hält er mit dem Finger auf den Zeilen im Manuskript. Auch der verhaltende Vortrag reicht für Akklamationsapplaus bei zentralen Argumenten.

Was den Abend mehr als nötig prägt, ist dann ein echtes Kuriosum. Bruesewitz erinnert Beatrix von Storch an Oskar Brüsewitz, einen ostdeutschen Pfarrer, der sich 1976 aus Protest gegen die DDR-Diktatur selbst verbrannte. Die AfD-Politikerin bezeichnet ihn als Verwandten des Redners – um dann nachzusetzen, dass die tatsächliche Verbindung der zwei Bruesewitze erst noch zu überprüfen wäre. Aus dem Publikum stellt sich später ein älterer Herr als Mitgründer eines westfälischen Brüsewitz-Zentrums vor und fragt nach der Vorbildfunktion des systemkritischen Pfarrers. Die Antwort des US-Bruesewitz muss ihn enttäuschen: Der hat von seinem Namensvetter gerade zum ersten Mal gehört.

Mit dem Pfarrer mag Bruesewitz der Glaube verbinden. In der AfD-Runde wirkt seine radikale Religiosität dagegen eher trennend: Der Schutz von Kirchen und kritischen Priestern, das Recht auf Homeschooling – all das sind amerikanische Themen, die in Deutschland vermutlich weniger mobilisieren. Einigkeit besteht aber im Feindbild: Wie die AfD-Vertreter wendet sich auch Bruesewitz gegen „Globalisten“, Linksradikale – und eben gegen Marxisten, die der Redner nicht nur politisch kritisiert, sondern auch schlichtweg für unattraktiv erklärt: „Junge, sind die hässlich!“

Schönheit ist für den 28-Jährigen überhaupt ein großes Thema. Als ersten Reiseeindruck hebt er hervor, wie gut aussehend er die Deutschen findet. Im Publikumsgespräch spöttelt er dann über die langen Haare eines Fragestellers – und lenkt den Blick damit selbst auf seine Zuhörer. Wie sehen die AfD-Anhänger also aus, an die er seine Stilkritiken richtet?

Im Saal sieht man junge Männer in Anzügen, die den Macher-Schick des Redners übernehmen. Andere sind in Funktionshosen gekommen, in Holzfällerhemden und verschossenen Pullovern. Ein bärtiger Senior trägt Hosenträger mit Musiknoten-Muster. Wen man dagegen – zumindest dem Look nach – nicht entdeckt: Hipster, Kreative.

Auch mitten in der Berliner Blase verirren sich ihre klassischen Bewohner nicht zur AfD. Im nächsten Jahr wählt die Hauptstadt ein neues Abgeordnetenhaus. Auch dazu fällt am Ende eine Frage: Was muss die AfD tun, um urbane Milieus zu erreichen? Vielleicht steckt hier der Grund, warum die Partei – so stark sie in den sozialen Medien auch ist –, immer noch einen Alex Bruesewitz braucht. In den USA gibt es die urbane, rechte Elite. Ganz so weit ist Deutschland noch nicht.

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