Osnabrück „Bitte nehmt uns ernst!“: Tabea Grunert erklärt, worum es beim Booktok-Hype wirklich geht
Früher hat Tabea Grunert das Lesen nicht gemocht. Heute inspiriert die Booktokerin über Instagram, Tiktok und Youtube täglich Menschen dazu, wieder zu lesen. Was sie jungen Lesern mitgeben will – und warum Vorurteile gegen Booktok und New Adult endlich aufhören müssen.
Als die Tage während der Corona-Pandemie einsam wurden, begann Tabea Grunert mit dem Lesen. Statt auf ihrem eigenen Abiball zu tanzen, erlebte sie diese Momente mithilfe von Büchern. „Ich habe Lesen früher gehasst, weil ich es nur mit Schule und diesem Muss verbunden habe“, sagt die 22-Jährige. Heute bloggt sie auf Instagram, Youtube und Tiktok über Bücher und studiert Kulturwissenschaften an einer Fernuniversität.
2020 entdeckte Grunert, was sie „Draco-Tok“ nennt – Videos rund um Harry Potter und seine Figuren. „Da bin ich extrem doll reingerutscht“, erinnert sie sich. Von dort war es nur noch ein kleiner Schritt zu Booktok, einer Community, die Bücher liebt und offen darüber spricht. „Ich habe gemerkt, dass Lesen Spaß machen kann, wenn man das richtige Genre findet“, sagt sie. Bei ihr ist das vor allem Romance.
Booktok fühlt sich für Grunert an wie „eine große Freundesgruppe“. Menschen tauschen sich dort über Bücher aus – ohne Fachsprache und ohne Hürden. „Man muss nicht so tun, als wäre man Teil vom literarischen Quartett“, sagt sie. „Man redet einfach, als würde man mit Freunden sprechen.“
Viele entdecken durch Booktok das Lesen neu. Laut dem Branchenverband Bitkom holen sich 29 Prozent der Social-Media-Nutzer Buchtipps online – vor allem von Bookfluencern. Grunert ist eine von ihnen. „Solche Nachrichten – Menschen hätten wegen mir angefangen zu lesen – sind meine Lieblingsnachrichten. Das zeigt mir, dass das, was ich mache, jemanden erreicht.“
Am liebsten liest die Booktokerin New Adult Romance. „Ich liebe das Genre, aber ich merke, dass ich älter werde und mich auch andere Themen beschäftigen.“ Inzwischen greife sie ebenso zu Gegenwartsliteratur oder Sachbüchern.
Wichtig ist ihr, Romance und Dark Romance zu unterscheiden: „Dark Romance wird oft leichtfertig mit normaler Liebesliteratur in einen Topf geworfen. Das ist faktisch nicht richtig.“ Wenn Gewalt und Missbrauch romantisiert werden, sei das problematisch. Ein gutes Dark-Romance-Buch müsse klar machen, dass das Verhalten falsch ist. „Ich denke, diese Geschichten sollten in beiden Fällen erst ab 18 gelesen werden.“
New Adult und Young Adult sind keine Genres, sondern Zielgruppen. Sie beschreiben Alter und Lebensphase der Figuren – werden aber häufig fälschlich als literarische Kategorien verstanden. Die Buchwelt wird mit vielen Vorurteilen konfrontiert. Auch die Kritik, Romance sei keine „richtige Literatur“, hält Grunert für überholt. „Wir wissen, dass es Literatur ist“, sagt sie. „Nicht jede Buchbesprechung muss zwei Stunden dauern.“ Auch kurze Formate könnten Menschen erreichen und motivieren.
Seit 2023 produziert Grunert mit Booktoker-Kollegin Vanessa den Podcast „Kaffeeklatsch – Der Bücherpodcast to go“. Daraus entstand ein gemeinsames Buchjournal, das im Oktober im EMF-Verlag erschienen ist. Deshalb gaben die beiden auf der Frankfurter Buchmesse eine Signierstunde. „Wir hatten Angst, dass keiner kommt – und mussten dann sogar überziehen“, erzählt Grunert und lächelt.
Ein besonderes Erlebnis war das Treffen mit der Autorin SenLinYu, bekannt durch die Fanfiction „Manacled“ aus dem Harry-Potter-Universum. Grunert interviewte sie zu ihrem neuen Werk „Alchemised“, das inzwischen als eigenständige Dark-Fantasy-Geschichte erschienen ist. „Das war ein richtiger Full-Circle-Moment.“
Am Freitag und Samstag, 14. und 15. November, spricht Tabea Grunert in Osnabrück bei der zweitägigen Veranstaltung „Zukunft: Literatur. Neue Formen der Literaturvermittlung?“ des Literaturbüros Westniedersachsen über das Booktok-Format. Ihr Anliegen: junge Leser sichtbar machen. „Ich höre oft, junge Menschen lesen nicht. Das stimmt einfach nicht“, sagt Grunert. Denn der Hype um Booktok habe dem Lesen neues Leben eingehaucht, besonders im Bereich New Adult Romance.
„In Geschichten kann man Dinge erleben, die im echten Leben ausgefallen sind – die erste Liebe, der Abiball, das Drama“, sagt Grunert. Bücher seien wie Parallelwelten, die Geborgenheit schenken. Zum Schluss appelliert sie an Literaturkritiker, Lehrer und Professoren: „Bitte nehmt uns ernst. Romance ist Literatur. Ob New Adult oder Young Adult. Immerhin lesen wir.“