Osnabrück  Nach der Bombe ist vor der Bombe: Wie viel schlummert noch im Osnabrücker Boden?

Cornelia Achenbach
|
Von Cornelia Achenbach
| 08.11.2025 09:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Immer noch müssen jedes Jahr Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg in Osnabrück entschärft werden. So wie hier im Hafen Anfang Mai dieses Jahres. Foto: André Havergo
Immer noch müssen jedes Jahr Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg in Osnabrück entschärft werden. So wie hier im Hafen Anfang Mai dieses Jahres. Foto: André Havergo
Artikel teilen:

In diesem Jahr ist es gleich mehrmals so weit: In Osnabrück müssen Bombenblindgänger entschärft werden. Dabei endete der Zweite Weltkrieg vor 80 Jahren. Müsste mit den Räumungen nicht so langsam mal Schluss sein?

Alle Jahre wieder müssen in Osnabrück Menschen ihre Wohnungen verlassen, weil der Kampfmittelbeseitigungsdienst zur Entschärfung eines Blindgängers anrückt. Eigentlich müsste es sogar „alle paar Monate wieder“ heißen, denn ein Blick in das Archiv unserer Redaktion zeigt, dass in den meisten Jahren gleich mehrere Bombenräumungen stattfanden.

Die meisten Osnabrücker dürften sich ähnlich an die Evakuierungen gewöhnt haben wie an den Abstieg des VfL. Dennoch mag man sich die Frage stellen: Hört das denn nie auf? Wie viele Bomben können nach so vielen Jahren denn da noch liegen?

Kurze Enttäuschung vorweg: „Darauf können wir keine verlässliche Antwort geben“, sagt Thomas Cordes, Leiter des Fachbereichs Bürger und Ordnung bei der Stadt Osnabrück. Aber es gibt Schätzungen: „Es heißt, dass rund zehn Prozent des abgeworfenen Materials Blindgänger sind“, sagt Jürgen Wiethäuper.

42 Jahre lang hat er bei der Stadt Osnabrück gearbeitet. 220 Bombenräumungen habe er in dieser Zeit miterlebt, erzählt der ehemalige Fachdienstleiter Ordnung. Trotz Ruhestands wollte er gerne zu dem Gespräch mit unserer Redaktion kommen, denn das Thema liegt ihm am Herzen. Und gerade weil viele Osnabrücker Bombenräumungen so gelassen sehen, ist es ihm wichtig, zu sagen: toi, toi, toi. Bis hierhin lief alles gut.

Aber zurück zu dem, was da noch im Osnabrücker Boden schlummert: Zehn Prozent sollen Blindgänger sein? Zehn Prozent wovon? [Andere Quellen sprechen von weniger Prozent Blindgänger, Anm. d. Red.]

79 Luftangriffe sind während des Zweiten Weltkriegs auf Osnabrück geflogen worden. Rund 181 Luftminen, fast 25.000 Sprengbomben, mehr als 650.000 Brandbomben und etwa 12.000 Flüssig-Brandbomben wurden dabei abgeworfen. Die Ziele lagen überwiegend im Osten der Stadt: Karmann oder das Stahlwerk im Fledder, zudem das Osnabrücker Kupfer- und Drahtwerk OKD (heute KME), der Hauptbahnhof und generell das Schienennetzwerk.

„Als ab 1944 die Wohngebiete bombardiert wurden, hat auch das den Osten stärker belastet, weil die Flieger aus östlicher Richtung kamen“, sagt Jürgen Wiethäuper. Sammelplatz für die britischen Flieger war der Dümmer, von dort aus verlief der Flug entlang der Bahnlinie.

Zudem mussten Flieger auf dem Rückflug von Zielen wie Hannover ihre restlichen Bomben noch vor dem Erreichen der niederländischen Grenze loswerden. Und zwischen Hannover und der Grenze liegt nun mal: Osnabrück.

Das heißt aber nicht, dass der Rest der Stadt von Bomben verschont geblieben ist. „Ach, wir haben auch schon Bomben im Nettetal gefunden, mitten im Wald“, sagt Wiethäuper. Vermutlich sei das ein Notabwurf gewesen: „Womöglich wurde der von anderen Fliegern verfolgt und hat alles abgeworfen, weil er ohne Ladung schneller war“, mutmaßt der ehemalige Ordnungsamtsleiter.

Seit dem Jahr 2000 wird in Osnabrück gezielt nach Blindgängern gesucht. Wie viele Blindgänger in den Jahren zuvor, vor allem direkt nach Ende des Kriegs, entschärft wurden, weiß niemand. Ein Blick ins Archiv unserer Redaktion zeigt, dass seit dem Jahr 2000 66 Bombenräumungen stattfanden, vier davon spontan. Oft mussten bei den Einsätzen gleich mehrere Kampfmittel unschädlich gemacht werden.

Tatsächlich werden als Fundorte am häufigsten die Stadtteile Schinkel, Fledder und Voxtrup aufgeführt. Doch eine der Bombenräumungen, die Jürgen Wiethäuper besonders im Gedächtnis geblieben ist, fand ausgerechnet am Westerberg statt, wo es im Grunde keine strategischen Ziele gab.

„Das war am 4. Januar 2009 und eine der größten Maßnahmen, die wir je durchführen mussten. Drei Krankenhäuser und zwei Altenheime waren betroffen, etwa 15.000 Menschen mussten evakuiert werden“, erzählt Jürgen Wiethäuper.

Auch Thomas Cordes erinnert sich noch gut an diesen Tag – allerdings war er damals noch nicht Teil der Osnabrücker Verwaltung: „Ich war im Rettungsdienst, und wir standen auf dem Flugfeld in Atter, das ziemlich vereist war.“ Unsere Redaktion schrieb damals von der „größten Bomben-Räumung in der Osnabrücker Stadtgeschichte“.

Gleich fünf Bomben mussten hier mitten im Wohngebiet entschärft werden. Am Ende kam Sprengmeister Thomas Gesk nicht um eine Sprengung herum. An einem Mehrfamilienhaus, das rund 15 Meter vom Sprengkrater stand, entstand ein Schaden – den der Hauseigentümer selbst zu tragen hatte. Denn während die Stadt die Kosten für die Sondierung und die Entschärfung übernimmt, sind die dabei entstehenden Schäden am Gebäude ein Fall für die Versicherung.

Neben der Auswertung von Luftbildern gibt es noch eine andere wichtige Quelle, um Verdachtspunkt im Stadtgebiet ausfindig zu machen: Zeitzeugen. Das führt teilweise zu kuriosen Geschichten. Die Geschichte vom Blindgänger am Klushügel ist eine solche, die Jürgen Wiethäuper gerne erzählt: „Das war in der Humboldtstraße. Da klingelte eines Tages eine ältere Dame, die sich als Pflegekraft der Vorbesitzerin beim neuen Hauseigentümer vorstellte und sagte: Da im Garten unter dem Kirschbaum, da liegt noch ein Blindgänger.“

Eine erste Sondierung habe keinen Erfolg gebracht, doch Sprengmeister Thomas Gesk habe da so ein Gefühl gehabt, das sich am Ende bestätigte: Kurzfristig musste in der Nacht zum 22. Oktober 2009 fast der komplette Schinkel und ein großer Teil der Innenstadt geräumt werden.

Um zum Fundort zu gelangen, musste der Kampfmittelräumdienst mehrere Gärten regelrecht plattwalzen. Doch was ist ein verwüsteter Garten schon im Vergleich zu dem, was sonst hätte passieren können? Zumal der gemeinschaftliche Wiederaufbau der Gärten danach die Nachbarschaft eng zusammenschweißte.

Denn das ist etwas, was Thomas Cordes und Jürgen Wiethäuper gleichermaßen ärgert: dass viele die Einsätze nicht ernst nehmen. Dass immer noch mit Anwohnern darüber diskutiert werden muss, ob es notwendig sei, das Evakuierungsgebiet zu verlassen.

Ja, Osnabrück hat eine gewisse Routine in Sachen Bombenräumung. Jede Maßnahme sei auch eine tolle Übung für den Katastrophenschutz, so Cordes. Bei der jüngsten Entschärfung im Hafen seien binnen einer Stunde etwa 30 Angehörige verschiedener Institutionen wie der Stadtverwaltung, der Polizei, des THW und der Stadtwerke zusammengekommen, um die Evakuierung zu organisieren. 

Doch das macht die Sache nicht weniger gefährlich: Bomben haben kein Haltbarkeitsdatum. „Die werden nicht schlecht, wenn sie im Boden liegen“, so Wiethäuper.

Um die Räumung der Gebiete zu beschleunigen, hat die Stadt im vergangenen Jahr per Allgemeinverfügung ein Bußgeld in Höhe von bis zu 500 Euro für renitente Anwohner erlassen.

„Wir machen das nicht zum Spaß“, sagt Thomas Cordes. Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg sind hochgefährlich. Das zeigt auch der Fall des Sprengmeisters Thomas Gesk: Mehr als 70 Blindgänger hat er in Osnabrück unschädlich gemacht. Sein letzter Einsatz in der Hasestadt war die Bombe unterm Kirschbaum am Klushügel. Rund ein halbes Jahr später, am 1. Juni 2010, kam er im Alter von 52 Jahren in Göttingen ums Leben. Beim Entschärfen einer Zehn-Zentner-Fliegerbombe.

Ähnliche Artikel